Er wird, der Reform der Dekanate geschuldet, als letzter Dinkelsbühler Dekan in die Chronik der Stadt eingehen: Uland Spahlinger, der mit dem ersten Tag des Jahres 2025 seinen Ruhestand antritt. Der Stadt wird er verbunden bleiben, denn er hat sie für seinen Altersruhesitz gewählt. „Ich bin gekommen, um zu bleiben“, sagt er.
An seine ersten Schritte in Dinkelsbühl erinnert sich Uland Spahlinger noch gut. Es war im Sommer 2013. Die erste Pfarrstelle Dinkelsbühl, verbunden mit der Dekansfunktion, war damals ausgeschrieben und Spahlinger und seine Frau Christine waren von Odessa/Ukraine aus im Urlaub und nutzten die Gelegenheit, sich über die Stadt, die Gemeinde und den Dekanatsbezirk zu informieren. Der damalige Amtsinhaber, Dekan Kögel, habe sich für die beiden Zeit genommen und mit ihnen die Eindrücke aus seinem Dienst geteilt.
„Wir sind dabei durch die Altstadt spaziert. Kögel erzählte uns unter anderem über die spezielle Dinkelsbühler Konfessionsgeschichte. An einer Stelle blieb er stehen und erklärte uns, dass dies übrigens der evangelische Bäcker sei.“ Das habe das Ehepaar etwas verwundert aufgenommen, denn für seine Frau und ihn sei die Konfession noch nie ein Kriterium bei der Beurteilung eines Bäckers gewesen, sagt er noch heute schmunzelnd.
Ich bin gerne evangelisch.
Dabei ist der Geistliche gerne evangelisch, wie er selbst sagt. Aber seit seiner Kindheit und Jugend im Münsterland hatte er immer wieder Berührungspunkte mit der katholischen Konfession. Das reicht sogar bis in sein Privatleben, denn Ehefrau Christine Spahlinger, gebürtig aus dem bayerischen Voralpenland, war ursprünglich katholisch. Sie konvertierte dann, „das wurde damals noch verlangt“, erklärt Spahlinger.
Die Ökumene war dem Kirchenmann immer ein besonderes Anliegen. In Dinkelsbühl, sagt er, sei das Verhältnis der Konfessionen tatsächlich mehr als an anderen Orten Alltagsthema. Dass Evangelische und Katholische tatsächlich gemeinsam etwas machen könnten, das – so sein Eindruck zu Beginn – hatte seine Hürden, zumindest als Hypothek aus der Vergangenheit. An vielen Stellen sei im Sinne der Ökumene seither Schönes gelungen. Er habe Spannendes erlebt, das sein Leben reich gemacht hat, lautet seine persönliche Bilanz auf diesem Gebiet.
Als sich die Spahlingers nach fünf Jahren in der Ukraine für eine Bewerbung in Dinkelsbühl entschieden, wurden sie immer wieder gefragt, warum es nach der weiten Welt ausgerechnet eine Kleinstadt sein sollte. Was die beiden vor über zehn Jahren vielleicht nur geahnt haben, hat sich für sie bestätigt: Die Vielfalt evangelisch-lutherischen Gemeindelebens in der Stadt und in den Dörfern ringsum hat die Spahlingers eingefangen. Es sei ein schönes Arbeiten als Pfarrer und Dekan in einer Stadt gewesen, die so viele schnelle und leichte Kontaktmöglichkeiten biete, beschreibt Uland Spahlinger die Abläufe.
Ob im Kirchenvorstand und mit den vielen haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, im Kita-Bereich oder beim Dinkelsbühler Tisch mit seinem engagierten Team, in der Diakonie, ob im Gottesdienstbereich, der Zusammenarbeit mit den Stellen der Stadt, im Vereinswesen, in der Kultur- und Traditionspflege oder dem geschwisterlich-ökumenischen Miteinander: „Ich habe die Stärke des überschaubaren Gemeinwesens schätzen gelernt. Man begegnet sich, man trifft sich, man lernt sich kennen und fängt an, gemeinsame Ideen zu spinnen und Projekte zu entwickeln. Kirche ist ein Teil dieses öffentlichen Diskurses, manchmal überraschend und unerwartet, manchmal quer zu anderen Positionen“, fasst er zusammen.
Dinkelsbühl war also die letzte berufliche Station in Uland Spahlingers 41-jährigem Wirken als evangelischer Geistlicher. Nach dem Abitur in Münster und den ersten Semestern an der dortigen theologischen Fakultät wechselte er nach München, wo er seine spätere Frau Christine kennenlernte. „Eigentlich wollte ich in meine westfälische Landeskirche zurückkehren“, erinnert sich Spahlinger. Weil seine Frau, die Lehramt studierte, in Nordrhein-Westfalen aber keine Anstellung bekommen hätte, entschied sich das Paar für Bayern.
Nach dem Studium folgte das Vikariat in München, Pfarrer z.A. war Uland Spahlinger in Garmisch-Partenkirchen. Von 1989 bis 1993 zog das Paar mit seinen zwei Töchtern nach Papua-Neuguinea. Das dritte Kind, ein Sohn, kam dort zur Welt.
Anfang 1994 übernahm Spahlinger die Simeon-Gemeinde in München. „Es folgten sehr schöne 15 Jahre. Die Stadtteil- und die kirchliche Arbeit konnten gut verknüpft, Ökumene gut gelebt werden, denn die war immer ein Teil meines Lebens. 2009 folgte Spahlingers Einsatz in der Ukraine. Von seinem Dienstsitz in Odessa aus wirkte er im ganzen Land.
Ziel seines Einsatzes sei gewesen, die „winzig kleine Minderheitenkirche besser an die protestantischen Kirchen in Osteuropa anzubinden“. Die Ukraine von damals hat er als „oligarchisches, undemokratisches aber in sich friedliches Land“ in Erinnerung. Das Verhältnis zwischen ukrainischen und russischen Bevölkerungsgruppen sei damals „nie ein Problem“ gewesen.
Die Ukraine war ein in sich friedliches Land.
Weil seine Stelle in der Ukraine keine Verlängerungsoption gehabt habe, standen die Spahlingers vor der Frage, wohin ihr Weg sie führen würde. „Besser dorthin, wo man die Strukturen kenne“, waren sie sich einig. Und dann folgte die Bewerbung auf die Stelle des Dinkelsbühler Dekans.
Jetzt, am Ende seiner Zeit, in der er das Amt des Dekans ausgefüllt hat, ist Uland Spahlinger dankbar dafür, dass Menschen in der Stadt Aufnahme gefunden haben, die fliehen mussten vor Krieg und Gewalt oder vor unerträglichen Lebensbedingungen, wie er sich ausdrückt. Dankbar ist er auch für die vielen Begegnungen mit Menschen, die gern in dieser Stadt leben, sei es lebenslang, sei es als Zugezogene, die sie als Heimat bezeichnen und sich auf unterschiedlichste Weise engagieren. So entstehe ein buntes, vielschichtiges, nicht immer reibungsfreies, aber sehr lebendiges Gemeinwesen, für das sich einzusetzen und das zu erhalten und zu fördern lohne, ist er überzeugt.
Die verschiedenen Träger des öffentlichen Lebens und der Bürgergesellschaft arbeiten seiner Erfahrung nach in der Regel vertrauensvoll und eng zusammen, „auch das ist alles andere als selbstverständlich und sehr zu würdigen“, betont er. Dass manches nicht gelinge, dass manche Positionen nicht zusammenzuführen seien: Auch das gehört für Uland Spahlinger dazu. „Aber selbst dann wissen die Beteiligten, dass sie sich bald wieder über den Weg laufen und wieder miteinander sprechen werden.“