Rothenburger Synagoge: Neue Erkenntnisse dank archäologischer Sensation | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.11.2025 16:00

Rothenburger Synagoge: Neue Erkenntnisse dank archäologischer Sensation

Reizvolle Montage: Um eine Vorstellung davon zu liefern, wie die Marienkapelle und vormalige Synagoge am Kapellenplatz heute wirken würde, hat das Grabungsbüro eine von Johann Friedrich Schmidt 1762 angefertigte Abbildung des Gebäudes in ein aktuelles Foto integriert. (Fotomontage: Kohler & Tomo Archäologie/Silviu Popa)
Reizvolle Montage: Um eine Vorstellung davon zu liefern, wie die Marienkapelle und vormalige Synagoge am Kapellenplatz heute wirken würde, hat das Grabungsbüro eine von Johann Friedrich Schmidt 1762 angefertigte Abbildung des Gebäudes in ein aktuelles Foto integriert. (Fotomontage: Kohler & Tomo Archäologie/Silviu Popa)
Reizvolle Montage: Um eine Vorstellung davon zu liefern, wie die Marienkapelle und vormalige Synagoge am Kapellenplatz heute wirken würde, hat das Grabungsbüro eine von Johann Friedrich Schmidt 1762 angefertigte Abbildung des Gebäudes in ein aktuelles Foto integriert. (Fotomontage: Kohler & Tomo Archäologie/Silviu Popa)

Es galt als kleine archäologische Sensation, als im Sommer bei Bauarbeiten am Kapellenplatz Mauerreste zum Vorschein kamen, die der im 13. Jahrhundert errichteten ersten Synagoge der Stadt zuzuordnen sein dürften. Die exakte fachliche Auswertung läuft noch. Ein paar Details wurden jetzt aber bei einem Vortrag verraten.

Robert Frank, der als Mitarbeiter beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ganz nah dran ist an der Thematik und sich auch als ehrenamtlicher Gästeführer in der Stadt einbringt, hielt ihn vor etwa 70 Zuhörerinnen und Zuhörern im Musiksaal. Das Thema passte perfekt zur jüdischen Kulturwoche.

Belege zum genauen Standort fehlten bislang

Dass sich am Kapellenplatz einst eine Synagoge befand, galt zwar schon vorher als ziemlich sicher. Zum genauen Standort fehlten aber Belege. Als vor einigen Monaten bei Bauarbeiten zur Neugestaltung des Areals Steinreihen zum Vorschein kamen, wurde das Landesamt für Denkmalpflege informiert.

In Abstimmung mit dem Rathaus wurden in der Folge archäologische Grabungen vorgenommen, die immer mehr Gewissheit brachten. Die Fachleute kamen zu der Überzeugung, dass die freigelegten Fundamente in Bauweise, Ausrichtung und Lage des Haupteingangs bis ins Detail übereinstimmen mit bekannten historischen Abbildungen der früheren Marienkapelle, deren Vorgängergebäude die Synagoge gewesen war.

Wann genau das erste jüdische Bethaus gebaut wurde, ist unklar. Man weiß aber, dass etwa ab dem Jahr 1180 am heutigen Kapellenplatz ein jüdisches Viertel entstanden war, das sich zu einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im damaligen süddeutschen Raum entwickelte. Davon zeugt auch das jahrzehntelange Leben und Wirken des berühmten jüdischen Gelehrten Rabbi Meir ben Baruch von 1250 bis 1286 in der Stadt. In dieser ersten Blütezeit muss die Synagoge entstanden und der Rabbi in selbiger auch aktiv gewesen sein.

Ein verheerender Einschnitt für die jüdische Gemeinde war 1298 das Rintfleisch-Pogrom mit Hunderten von Todesopfern. 1349 folgte ein weiteres Judenpogrom während einer Pestepidemie in der Stadt. Die Synagoge fiel damals wie andere Gebäude der jüdischen Gemeinde an die Stadt, die 1404 das Synagogengebäude an einen örtlichen Patrizier verkaufte, der es 1406/07 zur Marienkapelle umbauen ließ. Diese Kirche blieb bestehen, bis Rothenburg 400 Jahre später zu Bayern kam. Das Königreich habe für den Unterhalt dieses Gotteshauses nicht aufkommen wollen, weshalb es damals abgerissen worden sei, erklärte Robert Frank.

Tonscherben und Silbermünzen gefunden

Zu den mutmaßlichen Abmessungen der Synagoge und der späteren Kapelle liefern die im Sommer entdeckten Fundamentreste wertvolle Anhaltspunkte. Verlässliche Erkenntnisse zur Zusammensetzung und zu den Abläufen innerhalb der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde sollte man sich aber nicht erwarten von der Auswertung der Funde. Darauf wies Robert Frank in seinem Vortrag hin. Interessant sei dennoch alles, was die Archäologen da außer Mauerresten entdeckt hätten, darunter Tonscherben und sogar ein paar kleine Silbermünzen aus dem 13. Jahrhundert.

Dass der große Kubus, den man von späteren Abbildungen der Marienkapelle her kenne, im Wesentlichen dem Baukörper der vormaligen Synagoge entsprochen habe, gelte als sicher, so Frank. Denkbar sei, dass das jüdische Bethaus auch einen Anbau für Frauen gehabt habe. Diese Theorie stehe im Raum, seit bei der Grabung ein benachbarter kleiner Fundamentstreifen gefunden worden sei. Bei den seitlichen Öffnungen, die auf alten Bildern der Marienkapelle zu sehen seien, habe es sich möglicherweise um Hörschlitze gehandelt, unter Umständen ebenfalls schon vom jüdischen Bauwerk herrührend.

Von der Lage der Fundamentreste zu schließen, könne der Hauptraum der Synagoge 150 Quadratmeter gemessen haben, erklärte Frank. Das entspreche einer Kapazität von bis zu 300 Personen, was durchaus passe zur mutmaßlichen Größe der jüdischen Gemeinde im 13. Jahrhundert. Da sei von bis zu 500 Angehörigen auszugehen.

Man weiß von einer zweiten Synagoge

Ausführlich widmete sich der Referent der historischen Abbildung von Johann Friedrich Schmidt, die 1762 entstanden ist und das Ensemble mit der den Platz prägenden Marienkapelle zeigt. Es werde immer wieder bezweifelt, dass die darauf die Dimensionen des Gebäudes stimmten, so Frank. Aus seiner Sicht spreche aber viel dafür, dass der Künstler da sehr wohl exakt gearbeitet und die Kapelle deshalb so groß gezeichnet habe, weil sie und ihr Vorgängerbau, die Synagoge, nun einmal diese Abmessungen hatten. Schließlich habe, wie für christliche Kirchen, auch für jüdische Bethäuser die Vorgabe gegolten, dass sie das bauliche Umfeld überragen sollten.

Robert Frank informierte in seinem Vortrag noch über die späteren Synagogen in der Altstadt. So wisse man von einer zweiten, vermutlich deutlich kleineren am Schrannenplatz, also unweit der Judengasse, wo ab dem Ende des 14. und im 15. Jahrhundert viele jüdische neben christlichen Familien gelebt hatten.

Wiedergründung erst über 350 Jahre später

Damit war es wieder vorbei, als 1520 alle jüdischen Familien aus der Stadt vertrieben wurden. Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts siedelten wieder Angehörige des jüdischen Glaubens in der Stadt an. Die israelitische Kultusgemeinde erwarb 1888 ein Haus in der Herrngasse und baute es zu einer Synagoge um, der dritten in der Geschichte der Stadt.

Bis zum Ersten Weltkrieg konnte sich die jüdische Gemeinde gut entwickeln. In den 1920er Jahren kam dann wieder Antisemitismus auf. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten häuften sich die Repressalien gegen jüdische Familien. Am 22. Oktober 1938, also zwei Wochen vor der Pogromnacht, wurden die letzten aus der Stadt vertrieben.

Knapp 70 Interessierte waren für den Vortrag in den Musiksaal gekommen. Insgesamt wurden an den Terminen der Kulturwoche mehr als 350 Teilnehmende gezählt. Mitorganisator Dr. Oliver Gußmann ist mit der Resonanz zufrieden und sagt, dass der Zuspruch stärker wurde, je länger die Woche gedauert hat.

Das Team um „Le Chajim!” macht weiter und ist „sehr motiviert” durch die Verleihung des Bürgerpreises des Bayerischen Landtags, so Gußmann. Außerdem habe das Symposium, das vor einigen Wochen in der Stadt stattgefunden hat, gezeigt, dass es noch vieles zum Thema in Rothenburg zu entdecken gebe.

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