Rothenburg: Wenn das Festspiel wie eine Familie ist | FLZ.de

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Veröffentlicht am 10.06.2025 11:00

Rothenburg: Wenn das Festspiel wie eine Familie ist

Die Spielgruppe Reihs beim Frühstück im Reichsküchenmeister: Ralf Herrmann als Bezold freut sich „aufs Ratschen“. (Foto: Irmeli Pohl)
Die Spielgruppe Reihs beim Frühstück im Reichsküchenmeister: Ralf Herrmann als Bezold freut sich „aufs Ratschen“. (Foto: Irmeli Pohl)
Die Spielgruppe Reihs beim Frühstück im Reichsküchenmeister: Ralf Herrmann als Bezold freut sich „aufs Ratschen“. (Foto: Irmeli Pohl)

Der Kaisersaal in Rothenburg bebt – tosender Applaus ertönt, Füße trappeln auf den Boden. Es ist Pfingstsonntag, früher Nachmittag. Die Schauspielerinnen und Schauspieler der Spielgruppe Reihs haben es geschafft: Die zweite Meistertrunk-Aufführung ist fertig gespielt, die Stadt wieder einmal gerettet. Getroffen hat sich die Gruppe bereits Stunden vorher.

Es ist 7.45 Uhr. Ein kalter Wind pfeift über das Pflaster des Marktplatzes, leichte Sonnenstrahlen trauen sich durch die dichte graue Wolkendecke und werfen helle Streifen auf die Fassade des Rathauses. Eine Gruppe von Menschen steht vor dem Seiteneingang und genießt die Ruhe.

Nach und nach machen sie sich auf den Weg in die Kleiderkammer. Hier hängen Kostüme in den unterschiedlichsten Farben Bügel an Bügel. Auf dem langen Tisch an der Seite des Raumes liegen Hüte mit Federn geschmückt. „Das hier ist das Zentrum für alles, unser Zuhause“, sagt Stefan Reihs, Spielgruppenführer und im Meistertrunk der General Tilly. Die Darstellerinnen und Darsteller ziehen nun ihre Kostüme an. Aus der Moderne heraus zurück ins Jahr 1631, zumindest äußerlich.

„Kann ich dir zur Hand gehen?“ Christine Bösener hilft gemeinsam mit Helga Zauner, dass alle problemlos in ihre Kostüme schlüpfen können. Sie legen Krägen um Hälse, binden feste Schleifen um Bäuche oder nähen noch die letzten losen Knöpfe an. Jetzt fehlt nur noch die Schminke.

Nach dem Frühstück geht es in die Maske

Aber bevor es in die Maske geht, frühstückt die Gruppe noch. Gleich nebenan, im Hotel Reichsküchenmeister. „Das ist Tradition“, sagt Ralf Herrmann, der Bürgermeister Johann Bezold verkörpert. „Ich freue mich aufs Ratschen.“

Denn dafür bleibt während des Tages nicht viel Zeit. So gibt es nun erst einmal Weißwürste, Rührei, Marmelade, Brötchen und Aufschnitt. Kaffee wird gereicht, Bier wird ausgeschenkt. Nach einer halben Stunde leeren sich die Reihen, die Uhr tickt.

Und Elke Fahrenbach wartet in der Maske. Sie ist hier seit sechs Jahren tätig. Vorsichtig tupft sie mit einem Schwamm etwas Grundierung auf das Gesicht von Uwe Soldner, der den Kellermeister Balthasar Reimer verkörpert. Hierfür nutzt sie gut verträgliche Maskenbildnerfarben. Dann wird die Augenlinie mit einem Lidstrich betont und sie malt feine graue Linien mit einem Pinsel auf die Stirn. Mit einem Finger blendet sie die harten Linien sanft aus. „Es ist wichtig, dass ich weiß, wer was spielt. Die Ratsherren haben Sorgenfalten und die Generäle sind ausgezehrt vom Feld.“ Soldner bekommt noch blaue Äderchen auf die Nase gemalt. Dann ist er fertig, der nächste ist dran.

Das Stück wird am Bildschirm verfolgt

Die erste Aufführung beginnt schon um 10 Uhr. „Husch, husch.“ Franziska Dreyer, die Magdalena Hirsching spielt, fordert ihre beiden Spielkinder auf, nochmal auf die Toilette zu gehen. Chef-Inspizient Günther Laudenbacher kommt in den Raum hinter der Kleiderkammer. Hier ist die Technik aufgebaut. Auf einem quadratischen Bildschirm wird das Stück verfolgt, der Ton gesteuert und die Scheinwerfer geschalten. Laudenbacher gibt das wichtige Signal: „Wir fangen an.“

Dann geht alles ganz schnell. Nach und nach leert sich die Kleiderkammer, dafür füllt sich die Bühne. Alle warten vor den Türen zum Kaisersaal auf ihren Einsatz, auf ihr Stichwort, um dann in ihre Rollen zu schlüpfen und mit ihnen zu verschmelzen.

Uwe Schulz, auf der Bühne Superintendent Georg Zierlein, kommt in einer Pause herein: „Ich habe mich die ersten drei Stufen von der Treppe langgelegt, habe vergessen, meinen Kittel hochzuraffen.“ Daniella Ballogh, die Anna Reimer spielt, hat mehrmals vergeblich versucht, die Kerze auf dem Tisch der Ratsherren auszupusten.

Fehler passieren

Fehler passieren – „dann muss schnell eine Entscheidung getroffen werden und man macht weiter“, sagt Norbert Meisch, auf der Bühne Johann Graf von Aldringen. Ob jemand während der Aufführung schon mal den Text vergessen hat? „Ja“, sagen alle, gefolgt von einem herzhaften Lachen.

Durch die Türen des Kaisersaals hindurch sind Fanfaren zu hören, Flötentöne und laute Stimmen, die flehenden Schreie der Frauen, die verzweifelten Rufe der Bürgerkinder. Vor der Tür jedoch ist es still. Ralf Herrmann übt noch einmal gemeinsam mit Henker Christoph Meder, verkörpert von Frank Kempe, und der Henkersfrau, gespielt von Manuela Schwarz, die nächste Szene. Sie wispern einander ihre Texte ins Ohr, nicken sich dann einvernehmlich zu. Alles sitzt.

Unter tosendem Applaus verlassen die Darstellerinnen und Darsteller am Ende die Bühne. Das Ganze machen sie dann später noch ein zweites Mal, diesmal unter anderem vor Oberbürgermeister Dr. Markus Naser und Ehrengästen.

„Wenn alles vorbei ist und geklappt hat, ist das schon ein gutes Gefühl“, sagt Thomas Schleicher, der Georg Nusch ist. Das Geheimnis um den Humpen möchte er nicht lüften. Nur so viel: „Es sind dreieinviertel Liter drin.“ Und: „Deshalb müssen wir im Februar schon anfangen zu proben, nicht wegen des Spiels, sondern wegen des Weins.“

Nach dem Umzug wird es entspannter

Nun steht ein weiterer Höhepunkt des Tages an, freut sich Stefan Reihs: Die Spielgruppe läuft mit beim großen Heeresumzug, hinein ins Feldlager. Ein paar Regentropfen sind noch auf der Haut zu spüren, als sich die Gruppe auf den Weg macht. Umhänge wehen im Wind, Stiefel klacken auf dem Asphalt, Glöckchen klingen leise gegen das Marktplatzspektakel an.

Der Umzug verläuft problemlos, sagt Ralf Herrmann danach – er ist für viele der Gruppe einer der wichtigsten Höhepunkte am Tag. Auch Daniella Ballogh fiebert jedes Jahr auf den besonderen Moment hin, wenn sie der Gruppe voran das Kissen mit den vier Schlüsseln der Stadttore trägt. „Das ist schon etwas Besonderes.“

An der Festwiese angekommen, beginnt der entspannte Teil des Tages. Ballogh freut sich: „Jetzt kann man ein bisschen die Füße hochlegen, entspannen und durchs Lager laufen.“ „Wir sind hier alle infiziert“, sagt Uwe Schulz. Christopher Koch, Senator Hoffmann auf der Bühne, erklärt das so: „Wir haben die Blutgruppe F. Aber das F steht nicht nur fürs Festspiel, sondern auch für Familie. Denn wir sind eine riesengroße.“

Morgens um 7.45 Uhr hatte sich die Gruppe getroffen. Gefeiert wurde bis in die Nacht hinein. Dann ging jede und jeder individuell nach Hause.


Irmeli Pohl
Irmeli Pohl
Volontärin
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