Rokokissimo-Ausstellung in Ansbach: Giftgrüne Putten und eine gefräßige Tasse | FLZ.de

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Veröffentlicht am 25.07.2025 19:15

Rokokissimo-Ausstellung in Ansbach: Giftgrüne Putten und eine gefräßige Tasse

Aus pinkfarbenen Wolken purzeln grellgrüne Engelchen Richtung Erde, mit ihnen „Grünonen” und „Eronen”, die in den Bildwelten von Reiner F. Schulz immer wieder auftauchen. (Foto: Lara Hausleitner)
Aus pinkfarbenen Wolken purzeln grellgrüne Engelchen Richtung Erde, mit ihnen „Grünonen” und „Eronen”, die in den Bildwelten von Reiner F. Schulz immer wieder auftauchen. (Foto: Lara Hausleitner)
Aus pinkfarbenen Wolken purzeln grellgrüne Engelchen Richtung Erde, mit ihnen „Grünonen” und „Eronen”, die in den Bildwelten von Reiner F. Schulz immer wieder auftauchen. (Foto: Lara Hausleitner)

Rokoko. Verschwenderischer Stuck und goldener Glanz, Blätter, Blüten, Muscheln. Natürlich Muscheln – die Rocaille, das berühmteste Ornament des Rokoko. Viele antike Götter und neun Musen. Eine Fülle, die fast überfordert. In Ansbach, der Stadt des Rokoko, ist eine moderne künstlerische Auseinandersetzung mit der Epoche zu erleben.

Rokoko und noch ein bisschen mehr – „Rokokissimo”. So ist die Ausstellung überschrieben, die an drei Orten präsentiert wird: im Kunsthaus Reitbahn 3, in der Gumbertuskirche und in der Gotischen Halle des Stadthauses. Die Arbeiten der zehn Künstlerinnen und Künstler sind höchst unterschiedlich und originell, mal witzig und mal gruselig, pompös bis dekadent, verspielt oder voller Ironie. Ein riesiger Krake, der sich auf der Kirchenempore räkelt, ist da zum Beispiel zu entdecken – und ein üppig geschmücktes Skelett im gläsernen Sarg.

Der Textil-Oktopus mit blauen Kringeln, sieben Tentakeln und einer menschlichen Hand ist ein wundersames Geschöpf der Malerin, Bildhauerin und Konzeptkünstlerin Petra Krischke. Ihre grotesken Wesen und Gebilde haben Einzug gehalten in den barocken Saal von St. Gumbertus und fügen sich hier ganz erstaunlich ein: die pinke Blume mit den Blütenbrüsten, die Krötenlilie und die knallbunte Kannenkönigin, eine mit Zähnen bewährte Sammeltasse, ein fleischfressender Sessel, Meeresmedusen und, ganz versteckt rechts hinterm Altar, eine tote Venus auf der Fensterbank.

Die Wunderkammern der Markgrafen

Die surrealen Mischwesen aus Pflanzen, Tieren und Objekten, genäht aus Rohleinwänden und versehen mit intensiven Farbakzenten, würden gut in die Wunderkammern der Ansbacher Herrscher im 18. Jahrhundert passen. Zu den Schlangen im Glas und den Narwalzähnen, die Markgraf Alexander einst seinen staunenden Gästen zeigte.

Gleich gegenüber, im Erdgeschoss des Stadthauses, ragen Stelen empor, verschnörkelt und üppig gemustert. Nicht aus Stein oder Holz oder einem anderen festen Material sind sie, sondern aus Stoff, der prall ausgestopft ist. Die Künstlerin Nina Heinlein setzt die überlebensgroßen Skulpturen in Bezug zur menschlichen Gestalt. „Donna Anna” heißt eine von ihnen, eine besonders prächtige Figur mit goldenen Blättern, blauen Blumen.

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Drüben im Kunsthaus geht es bunt und schrill zu, wild und zauberhaft. Die Besucherinnen und Besucher setzen eine VR-Brille auf und tauchen ein in einen bewegten Raum, ein Farbenwunderland, in dem jeden Moment die Grinsekatze und das weiße Kaninchen um die Ecke huschen könnten. Wobei es wenig Ecken gibt, dafür wabernd-weiche Formen. Geschaffen hat den virtuellen Raum Klaus Haas, ein Experte für digitale Kunst.

Ein mit Schmuck und Glitzer verziertes Skelett im Glassarg

Daneben wird es ernst und gleichzeitig skurril, denn Susanne Stiegeler greift in ihren Installationen das barocke Vanitas-Motiv und den Reliquien-Kult der katholischen Kirche drastisch auf. Ihr Skelett im Glassarg und einzelne Knochensplitter sind beunruhigend realistisch gestaltet und überbordend mit Schmuck, Glitter und Glitzer verziert. Obwohl artifiziell, rücken die Reliquiare die menschliche Vergänglichkeit schmerzlich ins Bewusstsein. Der Schädel mit den zwei unterschiedlichen Modeschmuckaugen, dem goldenen Lockenkranz und den abgebrochenen Zähnen wird zum plakativen Zeichen: Von Jugend, Schönheit, Reichtum und Gefühlen bleibt am Ende – nichts.

Bezug zu den gemalten Blumesträußen der Barockzeit

Alexander Ivanovski nimmt mit seinen großformatigen Blütenbildern Bezug auf die gemalten, oft angewelkten Blumensträuße der Barockzeit, in denen ebenfalls das „Memento mori” steckt: Die „Flowers” des zeitgenössischen Künstlers sind opulent und farbenprächtig. Seine „Toy Stories” erinnern dagegen an Wimmelbilder – wie die Deckenfresken des 17. und 18. Jahrhunderts mit ihren unzähligen Details. Ivanovski hat massenweise Spielzeugfiguren und Legosteine fotorealistisch in Öl gemalt. Die Figürchen sind – Soldaten.

Gerhard Mayer schafft irritierende Unendlichkeitsräume mit Kreisen und Bögen. Miriam Lenks Fruchtbarkeitsgöttinnen, Nixen und vielbrüstige Fantasiegeschöpfe sind neben giftgrünen Putten von Reiner F. Schulz zu entdecken. Die Engelchen feiern Kindergeburtstag mit Weltraumraketen und Luxusautos oder stürzen aus leuchtend pinkfarbenen Wolken vom Himmel Richtung Erde herab, wobei ihnen spermienartige „Grünonen” und „Eronen” aus den Händen rutschen. Selten war eine solche Fülle, ein solcher Farbenrausch, ein solches Formengewirr im Kunsthaus zu erleben. Der Besuch macht großen Spaß – und nachdenklich.

Zu sehen ist die Ausstellung „Rokokissimo” bis zum 10. August im Kunsthaus und im Stadthaus. Die Installationen in der Gumbertuskirche sind nur noch diesen Samstag zu erleben, weil sie dann wegen der Vorbereitungen auf die Bachwoche abgebaut werden.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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