Tumult am Flur, schockierende Bilder und ein Zusammenbruch im Saal: Im Prozess am Landgericht Ansbach wegen eines Doppelmords im Irak hat am Montag die Schwester des Angeklagten stundenlang gegen ihren Bruder ausgesagt. Als die 26-Jährige zwischenzeitlich von Weinkrämpfen erschüttert wird, unterbricht Richter Matthias Held die Sitzung.
Als Verwandte des Angeklagten hätte sich die junge Frau eigentlich gar nicht zu den Vorwürfen gegen den 36-Jährigen äußern müssen. Doch in dem schwierigen Verfahren macht die 26-Jährige deutlich, dass sie als Zeugin aussagen will.
Ihrem Bruder wirft die Staatsanwaltschaft Ansbach vor, im Juli 2025 im Irak den eigenen Vater und die Schwester mitten in der Nacht überrascht und mit mehreren Schüssen hingerichtet zu haben. Der in Mittelfranken wohnende Vater hatte sich im früheren Heimatort der Familie gerade zu Besuch aufgehalten. Als Motiv führt die Staatsanwaltschaft an, der Angeklagte habe sich das Vermögen des Vaters, speziell das Tatortanwesen, aneignen wollen. Die Schwester habe wegen vermeintlich „ehrenlosem“ Verhalten sterben müssen, erklärt die Zeugin als weiteres Motiv.
Weil der Angeklagte neben der irakischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist der Fall Thema für die deutsche Justiz.
Vor Gericht berichtet die 26-Jährige vom zerrütteten Verhältnis innerhalb der Familie. Der Angeklagte habe sich immer wieder mit dem Vater gestritten. „Mein Bruder, der war schon immer eigenartig. Ganz ehrlich, unberechenbar“, sagt sie. Den Angeklagten zeichnet sie als machtversessenen, aggressiven Charakter. Sie selbst sei mehrmals von ihm geschlagen worden; einmal wegen eines simplen Fotos einer Sängerin in einem Chat.
Vor gut einem Jahr habe sich die Situation dann verschärft: In Auseinandersetzungen mit dem Vater habe der Angeklagte darauf bestanden, zusammen mit einem noch im Irak lebenden Bruder das dortige Anwesen zu erhalten. Das Familienoberhaupt lehnte ab. Dann seien die Drohungen losgegangen: Er werde den Vater töten. Auch der Bruder habe Ähnliches gesprochen, beteuerte ein weiteres Familienmitglied später im Zeugenstand. Die Schwester sei wegen ihres angeblich unsittlichen Verhaltens ebenfalls ins Visier geraten.
Als dann der Vater in den Irak flog, um seine bedrohte Tochter nach Deutschland zu holen, sollte es seine letzte Reise gewesen sein. In der Nacht des 20. Juli 2025 fielen Schüsse im Haus der Familie. Am nächsten Tag fanden Bekannte die Leichen von Vater und Tochter.
Klar ist, dass sich der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt im Irak aufhielt. Auf der Straße soll er Menschen erzählt haben, er sei hier, um seinen Vater zu ermorden. Es habe zudem ein TikTok kursiert, in dem der Angeklagte die Tat gestanden haben soll, heißt es von mehreren Zeugen. Als die Familie von dem Doppelmord erfuhr, informierte sie die deutschen Behörden, die den 36-Jährigen am Flughafen Nürnberg festnahmen.
Die Emotionen kochen im Landgericht Ansbach an diesem Montag immer wieder hoch. Schon am Flur geraten einige Familienmitglieder, die als Zeugen geladen sind, mit dem Angeklagten aneinander. Es kommt zu hitzigen Wortgefechten, Justizkräfte greifen schlichtend ein. Als sich ein Bruder später noch einmal ausfällig zeigt, droht ihm das Gericht mit einem Ordnungsgeld.
Als die Schwester im Zeugenstand unter Tränen Szenen eines Videos vom Tatort schildert, muss Richter Held eine Pause für die völlig aufgelöste Frau ausrufen. Später folgen Bilder der Leichen. Die Aufnahmen bringen die 26-Jährige und einen in München lebenden Bruder emotional an Grenzen.
Die Augen des Angeklagten blicken in diesen Momenten nur für Sekundenbruchteile auf den Bildschirm und schweifen sonst ausweichend durch den Raum. Der Verhandlung folgt der 36-Jährige, kurze geschorene Haare, gepflegter Bart, weitgehend still. Nur die Fußfesseln klimpern in regelmäßigen Abständen über den Boden, wenn der schwarz gekleidete Mann auf der Anklagebank die Beine ausstreckt.
In den Fragen der Verfahrensbeteiligten dreht sich weiterhin vieles um die vorhandenen – respektive nicht vorhandenen – Beweismittel. Gelöschte Chatnachrichten, nicht erfasste Spuren am Tatort, Wissenslücken und Sprachbarrieren erschweren die Suche nach der Wahrheit.
Kompliziert machen den Fall auch die früheren politischen Aktivitäten des getöteten Vaters. Er sei angesehener Politiker in der Region gewesen, womöglich auch aktiv im Kampf gegen den Islamischen Staat, heißt es von verschiedenen Beteiligten. Könnte also ebenso ein politischer Mord infrage kommen? Den Parteitätigkeiten des Vaters spüren vor allem die Verteidigenden Julia Weinmann und Dr. Wolfgang Staudinger nach.
Klärende Antworten erhalten sie nicht immer. Das ziehe sich ja „wie Kaugummi“, entfährt es Staudinger einmal mitten in einer Vernehmung. Was allerdings auch für den generellen Fortgang des Prozesses gilt: Fragen wiederholen sich, Aussagen drehen sich im Kreis. „Das hat sie doch jetzt schon dreimal gesagt“, verliert Richter Held irgendwann die Geduld bei einer besonders intensiven Befragung einer Zeugin durch die Verteidigenden.
Und auch bei diesen liegen die Nerven am Nachmittag blank. „Woher wissen Sie das?“, donnert Staudinger einen der Brüder im Zeugenstand an, als er nur ausweichende Antworten auf eine Nachfrage erhält.
Für folgende Fragerunden bleibt auch in Zukunft ausreichend Gelegenheit. Mit den geplanten Zeugenaussagen kommt das Gericht am Montag nicht durch. Der nächste Verhandlungstag ist am Mittwoch.