Premiere in Ansbach: Mit Geläut zur grotesken Selbsterkundung | FLZ.de

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Veröffentlicht am 26.09.2022 08:00

Premiere in Ansbach: Mit Geläut zur grotesken Selbsterkundung

Eingepfercht in ein enges Zimmerchen, ausgestellt wie in einer Museumsvitrine: „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab mit Katja Schumann (Grete), Sophie Weikert (Mariedl) und Nicole Schneider (Erna). Regie: Frank Siebenschuh. (Foto: Jim Albright)
Eingepfercht in ein enges Zimmerchen, ausgestellt wie in einer Museumsvitrine: „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab mit Katja Schumann (Grete), Sophie Weikert (Mariedl) und Nicole Schneider (Erna). Regie: Frank Siebenschuh. (Foto: Jim Albright)
Eingepfercht in ein enges Zimmerchen, ausgestellt wie in einer Museumsvitrine: „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab mit Katja Schumann (Grete), Sophie Weikert (Mariedl) und Nicole Schneider (Erna). Regie: Frank Siebenschuh. (Foto: Jim Albright)

„Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab sind eine zentnerschwere Spielvorlage. Könnte man meinen. Drei Klofrauen breiten ihre Lebensgeschichten aus und türmen dabei einen gärenden, blubbernden, blutigen, riesigen Unglückshaufen auf. So könnte es sein. Im Theater Ansbach ist es nicht ganz so. Und es ist sehr gut so.

Frank Siebenschuh verwandelt Schwabs gewesenes Skandalstück – es stammt von 1990 – in feinironisches Meta-Theater, in Theater über eine Lieblingsdisziplin des Theaters: das Ausleuchten von Abgründen und Niederreißen bürgerlicher Fassaden. Siebenschuh tut das mit einer schönen Leichtigkeit, die aus Formstrenge und existenziellem Ernst entsteht. Es wird viel gelacht im Publikum.

Erna, Grete und Mariedl ringen um Anerkennung, um Lebenssinn, jede auf ihre Art. Sie suchen etwas, das ihnen Halt gibt. Erna hält sich an bürgerlich-religiöse Tugendideale. Grete sucht ihr Heil in Beziehungen, Mariedl in der Arbeit. Alle drei richten sich in ihre Lügen und ihrem Wahn ein. Das ist das Allgemeingültige an ihnen. In dieser Inszenierung sieht man das so klar wie selten.

Frank Siebenschuh kommt Schwabs Fäkaliendrama nahe, in dem er auf Distanz geht. Also: kein detailpusseliger Wohnküchenrealismus, keine Blasmusik, keine billige Kleinstbürgerinnen-Schmähung. Und auch kein Orgien-Mysterien-Theater à la Hermann Nitsch. Schwabs kantiger Text gäbe es her.

Was stattdessen? Siebenschuh stilisiert. Er verknappt. Er friert Bewegungen ein. Er choreographiert die Körpersprache seiner drei Schauspielerinnen und schickt sie mit ihren Figuren und Glockengeläut zu einer grotesken, beinahe rituellen Selbsterkundungssitzung. Er setzt sie dazu in einen winzigen, grün tapezierten, zentralperspektivisch verschrägten Kunstraum, der halb Zimmerchen, halb Vitrine ist.

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Das Ergebnis sieht nach lebenden Bildern aus, in denen die sprechenden Figuren ab und an die Positur wechseln, halb Menschen, halb Gliederpuppen. Kein lustiges Kasperltheater, ein bitterkomisches Gretel-Theater ist das. Es schafft Raum für Schwabs verrenkte Figurensprache.

Die drei Schauspielerinnen sind großartig. Nicole Schneider verhärmt ihre Erna zum Inbild grauer Freudlosigkeit. Sophie Weikert erhebt ihre strähnig-bleiche Mariedl zur Märtyrerin der verstopften Aborte. Und Katja Schumanns aufgeschminkte Grete klimpert mit ihren Armreifen so hinterhältig wie niemand sonst.

Hoffnung, dass sich je etwas zum Guten wenden könnte, blitzt nicht auf. Am Ende blitzen die Klingen der Schlächterinnen.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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