Elstar, Pink Lady oder Braeburn – alle kennen diese Apfelnamen aus dem Supermarkt. Doch es gibt auch den Geflammten Kardinal, Adamsapfel oder Sternapi. Noch nie gehört? Rund 600 dieser alten Sorten umgaben die Teilnehmenden eines Pomologie-Seminars in Triesdorf, geleitet von Hans-Joachim Bannier.
Der Raum ist erfüllt von Apfelduft – nicht das künstliche Aroma, nein, ein kräftiger, natürlicher Geruch. Ein Korb reiht sich neben den anderen. In einem liegen glänzende, rotbackige, runde Früchte, andere sind gelb, matt und länglich.
Einen Teil davon werden sich die Teilnehmenden des Seminars ganz genau anschauen. Es geht um die Familie der Cox-verwandten Äpfel. Hans-Joachim Bannier hält eine Frucht hoch, lässt sie von einer zur anderen Hand wandern. Es ist ein eher hoch gebauter Apfel, Sorte Geheimrat Dr. Oldenburg. Er wurde um 1900 gezüchtet. Bannier spricht über die Haltbarkeit, das Aroma und analysiert die äußerlichen Merkmale zusammen mit den Teilnehmenden. Der Experte aus Bielefeld referiert minutenlang – ganz ohne Skript.
Es ist eine von rund 700 Apfelsorten, die Bannier laut seinen Worten kennt. Der 68-Jährige gehört damit zu den Top-Pomologen des Landes. Er ist eine Art wandelnde Bibliothek. Damit sein breites Wissen über die alten Sorten nicht verloren geht, hält er Seminare – auch in Triesdorf.
23 Teilnehmende tauchten von Dienstag bis Donnerstag tief in die Welt der Pomologie ein. Unter ihnen sind viele Baumwarte, Streuobstwiesenbesitzerinnen und auch Menschen, die bei Ämtern oder Behörden arbeiten. Einige sind sogar aus Sachsen und aus der Schweiz angereist.
Die Pomologie ist die Lehre der Sorten. Es ist die „Edeldisziplin”, findet einer der Teilnehmenden. Bannier hat sich das zu seiner Lebensaufgabe gemacht. „Für andere Dinge bleibt weniger Zeit”, erzählt der 68-Jährige. Doch das nimmt er in Kauf. Moderne Apfelsorten sind sehr krankheitsanfällig, überleben kaum ohne Spritzmittel. Bis zu 30 Mal werden Äpfel und Birnen im Jahr gespritzt, sagt Bannier. „Die Rückstände essen wir mit.”
Bei den alten Sorten ist das nicht so. Die überleben auch ohne Pflanzenschutzmittel. Doch um sie gezielt erhalten zu können, muss man sie erst einmal bestimmen. Und dieses Wissen haben nur noch wenige Leute. Selbst Fachbücher und das Internet haben Lücken, erzählt Bannier.
Die Obstbäume im eigenen Garten zu identifizieren, ist auch die Motivation einiger Teilnehmenden des Pomologie-Kurses. Schon seit einigen Jahren gibt es Schulungen in Triesdorf, Hans-Joachim Bannier war bereits mehrmals zu Gast. Jedes Mal geht es um einen anderen Teilbereich, manche Leute kommen immer wieder. Bannier schätzt die Lehranstalten. „Die Sortensammlung hier ist etwas ganz Besonderes”, sagt er und lässt seinen Blick über die vielen Körbe schweifen.
Im Triesdorfer Pomoretum stehen je zwei Bäume von über 850 bestimmten Sorten, erzählt Benjamin Steiger. Der 33-Jährige ist Mitarbeiter des Projekts BaySort an den Landwirtschaftlichen Lehranstalten (LLA), das sich im Rahmen des Streuobstpaktes für die genetische Sortenerhaltung einsetzt.
Steiger ist unter anderem dafür zuständig, die Triesdorfer Baumsammlung zu erhalten. Er kontrolliert also die Gesundheit und sorgt dafür, dass rechtzeitig „nachproduziert” wird, sollte ein Baum schwächeln. Dafür schneidet er Edelreiser. Diese landen dann sowohl bei Hobbygärtnern, als auch bei Baumschulen. Ziel ist es nämlich, die alten Sorten wieder auf den Markt zu bekommen. Dafür müssen sie einen aufwendigen und langwierigen Zertifizierungsprozess durchlaufen, erklärt er.
Steiger will daraus einen Sortenkatalog gestalten, der Empfehlungen für die Region bereithält. Die Vielfalt und auch die Bekanntheit der alten Sorten liegen ihm am Herzen, das merkt man im Gespräch sofort. Diese Freude möchte er mit Seminaren auch vermitteln. „Wir möchten die Liebe zur Pomologie weitergeben. Das geht nicht halbherzig”, steht für den 33-Jährigen fest. Deshalb hat er Hans-Joachim Bannier ins Boot geholt.
Mit einer Streuobstwiese hat die Leidenschaft bei dem Experten vor vielen Jahren begonnen. Er kannte die Bäume nicht, die dort standen. „Ich habe verzweifelt Leute gesucht, die mir das bestimmen können.” Dann wurde er fündig. Er fragte den Mann, wie viele Menschen noch so viele Sorten kennen, wie er. Nur eine Hand voll, war die Antwort, erinnert Bannier sich noch heute.
Diese Experten waren damals rund 20 Jahre älter als er. „Ich ging dann bei ihnen in die Lehre.” Bannier brachte sich zahlreiche Sorten bei. Er hat sie fotografiert, Kerne gesammelt, gepaukt wie Vokabeln. Und er hat selbst viele Bäume gepflanzt.
Der Großteil der alten Sorten sind auch für Allergiker verträglich, erzählt Bannier. Außerdem sind sie in Geschmack und Optik vielfältiger. Gala aus dem Supermarkt ist ihm viel zu süß. Er mag zum Beispiel den Finkenwerder Prinz sehr gerne – nicht so hübsch, aber viel aromatischer. Hat Bannier einen Lieblingsapfel? „Der, der ungespritzt ist”, sagt der Pomologie-Papst und lacht.
Damit die alten Sorten aus dem LLA Pomoretum in Privatgärten heimisch werden, geben die LLA Reiser zur Veredelung ab. Bis zum 18. Januar können diese bestellt werden. Information und Bestellformular unter:
www.triesdorf.de/blog/aktuelles-1