Oberstleutnant Manfred Scholl rechnet nicht damit, dass die US-Armee in nächster Zeit ihre Einheiten aus Ansbach abzieht. Zur Begründung sagte der Bundeswehr-Offizier aus Dinkelsbühl im Gespräch mit der FLZ, Hubschrauber seien hochwirksame Waffen, die nur mit hohem Aufwand verlegt werden könnten.
Scholl ist seit rund einem halben Jahr als Studienreferent Verteidigungspolitik an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) in Berlin tätig. Zudem ist er als CSU-Kommmunalpolitiker im Ansbacher Kreistag und im Dinkelsbühler Stadtrat vertreten. Sein Schwerpunkt ist die nationale Sicherheitsstrategie, mit der er sich bereits auf seiner vorigen Einsatzstelle im Außenministerium beschäftigt hatte.
Der Offizier im Generalstabsdienst hält es zudem für unwahrscheinlich, dass die Bundeswehr im Rahmen ihres geplanten Wachstums neue Kasernen in der Stadt oder im Landkreis Ansbach errichten wird. Zusätzliche Einheiten würden eher an bestehende Einrichtungen angedockt. „Allerdings kann man nichts ausschließen“, betonte er.
Für besonders wichtig hält er es, die Zivilgesellschaft auch im heimischen Westmittelfranken gegen Desinformation und Cyberangriffe zu stärken und das Land so „wehrhaft, resilient und nachhaltig“ zu machen. Deshalb sei es nötig, stärker zu vermitteln, „was unsere Demokratie auszeichnet“. Mit Sorge nehme er wahr, dass politische Kräfte wie die AfD und das BSW den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht eindeutig verurteilten.
„Blaulichtorganisationen“ wie die Feuerwehren und das Rote Kreuz sowie Behörden wie das Landratsamt müssten sich klar werden, welche Rolle sie bei einer Attacke spielen. Städte und Gemeinden sollten sich damit beschäftigen, wie die Wasserversorgung und das Abwassermanagement gesichert werden, wenn beispielsweise durch einen Cyberangriff der Strom ausfällt. Das Gleiche gelte für das Gesundheitswesen.
Scholl verzeichnet weiterhin ein großes Interesse an Informationen zur Sicherheitslage und ist auch entsprechend aktiv. Nach dem „jähen Ende der Friedensdividende“ sei es schwierig, in der Gesellschaft Verständnis dafür zu wecken, dass die Bundeswehr wieder „ausgerüstet und aufgerüstet“ werden müsse, damit sich Deutschland gegen eine Aggression aus Russland verteidigen könne. „Ja, ich bin dafür“, meint er zur laufenden Debatte über eine Wehrpflicht oder ein gesellschaftliches Pflichtjahr.
Verteidigung sei eine Haltung in der Bevölkerung. In Finnland und im Baltikum werde die Bedrohung viel stärker wahrgenommen. Dort ließen sich die Menschen freiwillig militärisch ausbilden, während man in Deutschland schnell als „Kriegstreiber“ bezeichnet werde. Dabei gehe es nicht darum, Ängste zu schüren, sondern aufzuklären und die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen.
Die früheren territorialen Strukturen werden seiner Meinung nach zwar nicht mehr in dem Umfang wie im Kalten Krieg wiederhergestellt werden. Unter anderem für den regionalen Schutz der kritischen Infrastruktur seien aber bereits Landesregimenter aufgestellt worden, die über einen permanenten Stab verfügen und im Ernstfall mit Reservistinnen und Reservisten aufgefüllt werden.
Die Bedrohung komme mittlerweile vor allem aus der Luft, besonders durch Drohnen. „Der Frieden ist weit, weit weg“, meinte der Offizier zur Lage in der Ukraine. Es gebe keine Anzeichen, dass die russische Regierung mit Wladimir Putin von ihren für die Ukraine unerfüllbaren Maximalforderungen abgeht. Im Gegenteil, Russland rüste weiter militärisch auf. Das Rohstoffabkommen zwischen den USA und der Ukraine begründe aber immerhin die Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten diese Rohstoffquellen auch schützen.
„Für mich ist das jetzt die Stunde Europas“, erklärte Scholl, um eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland aufzubauen.