Schon bald wird in Dinkelsbühl ein Volocopter stationiert, der künftig Notärzte an ihren Einsatzort bringen soll. Der Notfallmediziner Rainer Sabinski vermisst aber vor dem Beginn des Testbetriebs eine öffentliche Debatte über Sinn und Unsinn des fliegenden „Notarzt-Taxis“.
„Darf unsere Bevölkerung also eine Innovation zur Verbesserung der außerklinischen medizinischen Versorgung erwarten?“, fragt er sich – und ist aus mehreren Gründen skeptisch. Wenn die Multikopter mittelfristig in das System der Notfallrettung integriert werden, seien die Kosten laut einer Machbarkeitsstudie von den gesetzlichen Kranken- und Unfallkassen zu tragen.
Daher müssten sie wirtschaftlich betreibbar sein. Im Idealfall dürften die Gesamtkosten des Systems nicht steigen. In der Studie würden die Gesamtkosten einer rund um die Uhr besetzten Multikopterstation im 24-Stunden-Betrieb auf rund 1,35 Millionen Euro geschätzt.
Das ist weniger als eine Rettungshubschrauberstation kostet, aber teurer als eine Wache für ein konventionelles Notarztfahrzeug. Die Rechnung geht, so steht es in der von Sabinski zitierten Studie, dann auf, wenn der Versorgungsbereich des Multikopters größer ist als der eines Notarztfahrzeugs.
Also, so schließt der Dinkelsbühler Rettungsmediziner, wird ein wirtschaftlicher Betrieb nur möglich sein, wenn gleichzeitig die Zahl der Notarzt-Einsatzstandorte reduziert wird. „Vielleicht wird das bodengebundene Rettungswesen nicht ersetzt, aber definitiv wird das Notarztwesen unter neuen Gesichtspunkten betrachtet werden“, meint er: Notarzt-Taxi aus der Luft versus Notarzt, der im Pkw an die Einsatzstelle fährt. Dies bedeute einen Paradigmenwechsel. Es sei fragwürdig, einen derartigen Paradigmenwechsel ohne eine gesellschaftliche Diskussion einzuleiten, die auch auch bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse einbezieht.
Gegen die elektrisch angetriebenen, senkrecht startenden Fluggeräte spricht nach Sabinskis Überzeugung, dass die bisher üblichen Notarztfahrzeuge auch bei schlechtem Wetter und eingeschränkter Sicht einsetzbar sind. Außerdem könnten sie entsprechend der Leitlinien für die medizinische Versorgung ausgerüstet werden, was gewichtsbedingt bei Multikoptern nicht möglich sei.
Außerdem seien bodengebundene Notarztfahrzeuge billiger. Selbst bei einer bisher noch gar nicht erreichten Reichweite der Multikopter von 150 Kilometern seien Notarztfahrzeuge aktuell im Vorteil, vor allem wenn ein weiterer Notfall als Folgeauftrag kommt.
Mit Bezug auf eine Studie von Dr. Anna Straubinger vom Leibniz-Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung bezweifelt Rainer Sabinski, ob das Problem überhaupt darin besteht, den Notarzt schnell an den Einsatzort zu bringen.
Der Rettungshubschrauber Christoph 65 sei in Dinkelsbühl stationiert worden, weil Patienten vor allem mit Schädel-Hirn- und Poly-Traumata nicht schnell genug in eine geeignete Klinik gebracht werden konnten. Er ist im gesamten Gebiet des Rettungszweckverbands für Westmittelfranken im Einsatz. Der Volocopter könne aber keinen Patienten mitnehmen, gibt Rainer Sabinski zu bedenken.
Das „drückende und größer werdende Problem der weiter werdenden Wege zur Patientenversorgung“ sei mit einem Notarzt-Taxi nicht lösbar. Bessere Chancen sieht er hingegen für den „eResCopter“, der im Raum Memmingen getestet wird und der vom Notarzt begleitete Patiententransporte erlaubt. Mit diesem Wissen sei „Skepsis angeraten“, was das Ergebnis der Pilotstudie in Dinkelsbühl zeigen solle.
Die Ausdünnung der stationären Versorgung im ländlichen Raum werde große Herausforderungen für den Rettungsdienst mit sich bringen. Die durch das Krankenhausstrukturgesetz zu erwartende Zentralisierung werde für längere Wege sorgen, aber keine zusätzlichen Betten für Notfälle schaffen.
Schließlich hat Rainer Sabinski Zweifel an dem Argument, dass der Volocopter schneller vor Ort ist. Schließlich könne er nicht überall landen und brauche Zeit für Start und Landung. Die angestrebte Spitzengeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern werde mit dem aktuellen Modell nicht erreicht.
Insgesamt sei, so seine Einschätzung, bei dem Volocopter-Projekt eher eine „marktstrategische Ausrichtung zu erkennen“ als eine an der Versorgung der Bevölkerung ausgerichtete Fokussierung.