Altersmilde? Nein – eher nicht. Dr. Wolfgang Mück, ehemaliger Gymnasiallehrer, ehemaliger Neustädter Bürgermeister, ehemaliger Flüchtling aus Mähren, mittlerweile 85 Jahre alt, Ehemann, Vater, Großvater, Historiker, Autor und Getriebener: Nein, altersmilde, müde, oder gar nachsichtig wird er wohl nicht mehr werden. Freuen kann er sich aber noch immer wie ein Kind.
„Gerührt“ sei er, sagt er zu Beginn seiner Lesung, er freue sich sehr, dass so viele Weggefährten, Freunde, Bekannte und auch viele fremde Menschen gekommen seien. Und er guckt in den Saal im Obergeschoss des Kaffeehauses im Aischgrund, blinzelt ein wenig, lächelt dieses etwas unbeholfene, ein bisschen schelmische und so typische Mück-Lächeln und beginnt zu lesen.
Wir waren nicht die einzigen, die Hunger litten. Seit dem Kriegsende in der alten Heimat war Mangel für uns eigentlich zur Normalität geworden.
Ob es ihm früher auch schon geholfen hat, dieses Lächeln? Ob es Frau Wimmer einst bezaubert hat, die im Ort einen Gemischtwarenladen betrieb, mit den Süßigkeiten in den Glasgefäßen mit dem schrägen Hals? Ob es Pfarrer Karl Schmidt dazu veranlasst hat, den Buben Wolfgang und dessen Bruder Manfried als Ministranten auszuwählen? Ob es dieses Lächeln war, das Karl Flory, den genialen Geschichtenerzähler, dazu veranlasste, die Buben beim Basteln an seinem Russen-Ford zuschauen zu lassen? Man weiß es nicht und irgendwann fragt man sich, ob der kleine Wolfgang damals überhaupt Grund zum Lächeln hatte.
Wieder mal hat ein Dr. Wolfgang Mück ein Buch geschrieben. Diesmal kein fachlich-sachliches Werk über Kriegerdenkmale im Landkreis, über Haus- oder Hofnamen, über Aischgrund-Mühlen oder die einstige Nazihochburg Neustadt. Ein ganz persönliches Buch ist es geworden, ein Buch des alten Wolfgang über den jungen Wolfgang, ein Buch über eine Mutter und drei Buben, ein Buch über eine Nähmaschine, die aus Mähren mitgeschleppt wurde, über ein schmales Fenster in einem Güterwaggon, der die erste Etappe der Vertreibung bildete, ein Buch über Mangel und Enge, ein Buch über Sehnsucht nach Empathie, Zugehörigkeit, nach Bildung und Wohlstand – ein Buch, wie es damals viele hätten schreiben können und es nie taten, ein Buch über große Träume und kleines Glück und ein Buch, das im Titel den Ort trägt, in dem sich das alles abspielte: Schauerheim.
Doch Mück wäre nicht Mück, wenn er tatsächlich nur in Erinnerungen schwelgte – mit Nostalgie kann er nicht viel anfangen. Helmut Haberkamm, einst ein Schüler des Lehrers Mück („Ich schätzte seine ruhige Art, seine Geduld“), später zum Freund geworden und Freund geblieben, selbst ein Autor und gänzlich unverdächtig der schmeichlerischen Verklärung, bringt es zur Einstimmung auf die Lesung wunderbar auf den Punkt: „Flüchtlinge“ seien die Mücks gewesen, damals wie heute kein „neutraler Begriff“. Die Ungeliebten waren das, die „Dahergelaufenen“, die „Hungerleider“ – der zuweilen so grausam erfinderische Volksmund hatte viele Worte für jene, die den Osten verlassen mussten, und aus Sicht derer, die mit der Realität des verlorenen Krieges haderten, im damals noch versehrten Westen nie hätten ankommen sollen.
Ein „ausgewiesener Zeitzeuge“ in der ganzen Doppeldeutigkeit des Begriffs sei Mück, sagt Haberkamm und der solcherart Vorgestellte liest später ganz und gar ohne Anklage oder Pathos von den „sieben mageren Jahren“ in Schauerheim, von Kleingeistigkeit, von drangvoller Enge, von Neid und Missgunst, von Ablehnung und Vorurteilen. Und dann erzählt er von den Kerwa-Sprüchen jener Zeit, in denen es auch mal um stinkende Juden ging und da bleibt das Lachen in der Kehle stecken, da riecht es plötzlich nach Gülle und Hass. Nein, altersmilde ist er nicht.
200 Menschen haben sich in den Saal des Kaffeehauses gequetscht. Es muss nachbestuhlt werden, die Luft wird dick, bis das eine oder andere Fenster aufgemacht wird. In regelmäßigen Abständen läutet draußen die Kirchturmglocke, dann hebt Mück die Stimme. Natürlich sind die üblichen Verdächtigen da, SPD-Genossen, Mitstreiter aus der Politik, einstige Lehrergefährten, die Familie. Aber viele sind auch nur deshalb gekommen, um den Mann zu sehen, der „seinen“ Neustädtern ihre Nazi-Geschichte so ungeschminkt um die Ohren haute, wollen miterleben, wie es ist, wenn der bekannte Historiker von der eigenen Kindheit erzählt.
Sie werden nicht enttäuscht. Gut, die Stimme trägt nicht mehr so wie einst im Sitzungssaal des Rathauses, wird zuweilen brüchig. Ganz und gar grau ist er schon seit Jahren und der Blick schweift ein wenig mehr umher als früher. Aber noch immer sitzt da einer, der die Augen weit offen hat, der beobachtet, der notiert und sortiert, der nicht schweigt, ein Mahner, ein Chronist, einer, der sich erinnert.
Wenn Sie nicht besser heizen, wird das Kind nie gesund, sagte die resolute Ärztin im Winter 1946/47 zur Mutter. ,Dann verschreiben Sie mir doch einen Zentner Kohlen’, war Mutters Antwort.
Im Buch „Schauerheim“ erzählt er, wie es war, als er und sein Bruder auf dem Strohsack im Arbeitszimmer des Pfarrers schliefen, als die Mutter im Sommer so lange wie möglich am Fenster saß, um Socken zu stopfen und gleichzeitig Strom sparen zu können. Er erzählt mehr, als dass er liest vom weihnachtlichen Warten auf den „Vati“, den er vor Jahren in dessen Fronturlaub mit Scharlach angesteckt hat, ein fremder Mann für ihn, ein Gast und doch der, auf dessen Heimkehr die Mutti hofft, mit dem alles besser werden soll und der doch nie kam. Verschollen, vermisst, vergraben – irgendwo im Osten, einer von Tausenden.
Mück erzählt von Feiern in der Stöckacher Mühle („Es wurde getanzt und gelacht, die Alltagssorgen traten für einige Stunden in den Hintergrund“), er berichtet von Kopfspülungen mit Essigwasser, auf die die Mutter einst schwor („Das verlieh den Haaren Glanz, wie sie sagte.“) und vom Wechsel der Jahreszeiten, den man damals noch intensiver wahrnehmen konnte.
Er schreibt über den „besonderen Geruch, den das Wasser der Aisch im Sommer verströmte“ und fast beiläufig erzählt er, wie er jetzt, in der mutmaßlich letzten Lebensphase, immer häufiger Umwege in Kauf nimmt, um auf dem Heimweg von Weiß-Gott-woher durch Schauerheim zu fahren, auf der Jagd nach den Gerüchen, den Bildern, den Gedanken von einst, von sieben prägenden Jahren.
Mück schreibt über die hoffnungslose und letztlich gescheiterte Liebe eines Bauernsohns zu einem Flüchtlingsmädel, torpediert von den Eltern: „Um einen gemeinsamen Kinobesuch in Neustadt zu vertuschen, blieben die Schuhe wie gewohnt im Hausflur stehen, die jungen Leute gingen barfuß nach Neustadt.“ Er schreibt über den alltäglichen Rassismus, der den deutschen Flüchtlingen seitens der deutschen Einheimischen entgegengebracht wurde, er berichtet vom Lanz-Bulldog, der nicht etwa angelassen, sondern mühsam „zum Leben erweckt“ werden musste. Mück berichtet von der tiefen Frömmigkeit der vielen Bauern im Ort, von den derben Kerwa-Liedli, die unflätiger und obszöner daherkamen, als ihre heutigen Versionen. Nicht alles war früher besser – man lernt das schnell in diesem Buch.
Ein Romancier wird er nicht mehr, dieser Wissensaufsauger und Geschichtsvermittler, der sich so ganz und gar unfreiwillig aber letztlich doch leidenschaftlich zur neuen Heimat bekannt hat. Wer von ihm eine „Ach-weißt-du-noch-Atmosphäre“ erwartet, wird enttäuscht. Das Lautmalerische, das Plaudernde, die Pastelltöne – das alles ist Mück fremd, suspekt, wird nie seine Sache sein. Leidenschaftslos und daher fast noch eindringlicher kommt es daher, wenn er von den „Hausleuten“ in der zweiten Schauerheimer Wohnung schreibt – zwei Kammern unter dem Dach. Zugewiesen wurde auch dieses Quartier, freiwillig wurden die Mücks nicht aufgenommen: „Wir waren ihnen ganz und gar nicht willkommen und sie taten alles, um uns das auch spüren zu lassen.“
Mutter blieb ihrer Herkunft sprachlich treu. Schämte ich mich manchmal für ihre Ausdrucksweise? Ich glaube schon.
„Satt werden und nicht frieren, ein eigenes Bett haben, keine Angst davor, jemandem zu nahe zu kommen und etwas wegzunehmen, was uns nicht zustand, das waren in den ersten Jahren mit die größten Wünsche, an die ich mich erinnere“, schreibt Mück und man sieht ihn regelrecht vor sich, den mageren, hustenden, kurzbehosten Buben, der das fränkisch Weiche allein zum Selbstschutz schnell erlernt, der auf der Suche nach Heizmaterial durch den Gemeindewald streift, den die größeren Buben beim Fußball lässig wegschubsen, der den „Glubb“ und Max Morlock liebt, das schwarzhaarige Mädchen in der Schule anhimmelt, aber nicht anspricht und Ami-Kippen aus den Rinnsteinen sammelt. Man sieht ihn, man fühlt mit ihm, aber helfen kann man ihm heute nicht mehr. Hätte man es damals getan?
Mit solchen Fragen hält Mück sich nicht auf. Es ist zwar kein Sachbuch wie die anderen, die er schon geschrieben hat, aber „Schauerheim“ ist erst recht kein Roman, nicht einmal eine Autobiografie im strengeren Sinne, sondern schlichtweg ein Versuch, eigene Erinnerungen zu bündeln, ihnen ein Gesicht zu geben. Was der Leser daraus macht, was er erkennt, welche Parallelen zum Hier und Jetzt jeder Einzelne sieht – das will Mück nicht beurteilen.
Es war keine Idylle dieses Dorf, es war kein Ort, in dem ein Flüchtlingskind 1946 sich willkommen fühlen konnte. Umso beruhigender, versöhnlicher, wärmender liest es sich, wenn Mück von denen schreibt, die keinen Unterschied zwischen den „Hungerleidern“ aus dem Osten und den Einheimischen machten. Flüchtlingspfarrer Karl Schmidt, die Schulspeisungsköchin Flory und ihr erzählender Mann, die Neustädter Bäckerin, die gerne mal „vergaß“, die Lebensmittelmarken abzuschneiden, das Fräulein Rott, das zuweilen zwar auch Backpfeifen verteilte, aber ihre Schüler dennoch wie Schätze behandelte. Sie waren, sie sind – damals wie heute – nicht die Mehrheit, aber sie machten und machen die Dörfer, die Städte, die Welt ein bisschen wärmer: Schauerheim und andere.
Für Mück war Schauerheim ein Schicksalsort, wie in diesen Zeilen deutlich wird: „Da hatte sich Stolz entwickelt über die kindliche Teilhabe im Kampf der Erwachsenen ums Überleben. Da wuchs der Wille, niemals mehr Opfer zu sein, sondern Gemeinschaft respektvoll mit zu gestalten.“ Hat er geschafft.. Dank und trotz „Schauerheim“.