Überall wird mehr Bio-Landwirtschaft gefordert. Doch beinahe hätte sich ein Rückschritt vollzogen: Eine geplante Vorschrift sah vor, dass Milchkühe in ökologischen Betrieben direkten Zugang zur Weide haben müssen. In Westmittelfranken wären schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Höfe gezwungen gewesen, wieder konventionell zu wirtschaften.
An der Spitze einer Protestbewegung stand von Anfang an die Interessengemeinschaft „Kein Zwang zur Weide“. Ihr Sprecher ist Jens-Martin Keim aus Gehrenberg bei Feuchtwangen. Er wird unter anderem von den Ansbacher Biolandwirten Gerhard Keil aus Schalkhausen und Hans-Jürgen Bauer aus Eyb unterstützt.
Keim nutzt seit Monaten jede Gelegenheit, um die Problematik Politikern und Verwaltungen vorzutragen. Zuletzt bei einem Hearing über die Zukunft des Schlachthofes Crailsheim mit Peter Hauk, Baden-Württembergs Minister für den Ländlichen Raum, und dem bayerischen Bauernverbandspräsidenten Günther Felßner.
Von den 15.573 Milchbauern in Bayern sind 1200 Biomilcherzeuger. Sie produzieren 8,5 Prozent der Milch. Wenn es nicht gelingt, den geplanten Weidezwang für Kühe in Biobetrieben zu Fall zu bringen, könnten rund ein Viertel aller Erzeuger von Biomilch gezwungen sein, ihre Milch als konventionelle Ware zu einem deutlich niedrigeren Preis – rund 50 Cent statt 60 Cent – verkaufen.
Doch inzwischen zeichnet sich ein Erfolg des bäuerlichen Widerstandes ab, berichtet Jens-Martin Keim. In der vergangenen Woche habe EU-Kommissar Hansen zugesagt, das „Weidepapier 2.0“ umsetzen.
Keim dankt unter anderem dem Naturlandverband und dem bayerischen Bauernverbandpräsidenten Günther Felßner für ihren Einsatz für faire Lösungen. Den gefährdeten Familienbetrieben helfen keine bürokratischen Härtefallregelungen, über die bisher diskutiert wurde, sagte Keim. Er hofft, dass die Agrarministerkonferenz „Mindestbedingungen“ beschließt, die dem Tierwohl und der Praxis mit ihren unterschiedlichen Betriebsstrukturen und regionalen Gegebenheiten gerecht werden.
Keim selbst hält in Gehrenberg 24 Kühe. Seine Kühe müsste er zum Melken jeden Tag zweimal über die Straße treiben. Das Jungvieh ist dagegen im gesamten Sommer auf der Weide.
Ein wesentlicher Punkt der Forderungen ist der Wegfall des pauschalen Weidezwangs für alle Tiergruppen. Stattdessen müsse es genügen, dass mindestens eine Tiergruppe pro Betrieb Weidezugang erhält, so Keim. Auch Alternativen wie Ausläufe, Ganzjahreslaufställe oder Hybridmodelle müssten als gleichwertige Lösungen zum Weidegang zugelassen werden. Schließlich gelte es, Klima- und Wetterextreme zu berücksichtigen.
Am Ende brauche es Planungssicherheit und Flexibilität statt starrer Kalenderlogik angesichts von Hitzetagen, Dürre, Starkregen oder Frost. Zudem dürfen keine Gefahren für Tiere und Menschen entstehen, indem Straßen überquert werden müssen oder an Bahnlinien und Hanglagen. Weiter unterstreicht Keim, dass die Landwirte einfachere Dokumentationspflichten und Bürokratieabbau brauchen. Er setzt auf eine Zusage von Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder, der seine persönliche Unterstützung zusagte.
„Wenn die heimische Biomilchproduktion wegbricht, müssen Molkereien mehr importieren – das kann nicht im Sinne von Bayern und Deutschland sein“, so Keim.