Nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft stehen Thomas T. nun die Monate der Entscheidung bevor: Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit einer terroristischen Reichsbürger-Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß einen Umsturz geplant zu haben. Ab diesem Dienstag sitzt der Mann aus dem Landkreis Ansbach mit sieben weiteren Beschuldigten am Oberlandesgericht (OLG) München auf der Anklagebank. Es wird ein historischer Mammutprozess.
54 Verhandlungstage sind angesetzt, verteilt bis 2025. Am 23. Januar könnte das Urteil fallen. Der Prozess am 9. Strafsenat des OLG ist nicht das einzige Verfahren in der Sache. Die vermeintlichen Mitputschisten von Thomas T. stehen bereits seit April in Stuttgart und Mai in Frankfurt vor Gericht. Zusammen gilt das Verfahrens-Trio als einer der größten Terrorprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik.
Die bisherigen Geschehnisse werfen schon jetzt ein Schlaglicht auf das, was den Beteiligten in München blühen könnte: In Frankfurt hatte der Prozessbeginn nach Medienberichten beinahe den Charakter eines „Happenings”, inklusive Umarmungen. Einer der Beschuldigten salutierte mit dem militärischen Gruß.
Ex-Elitesoldat Peter Wörner, der nach FLZ-Informationen zeitweise im Landkreis Ansbach bei Geslau wohnte, lässt sich von Verteidigern vertreten, die als rechte Szene-Anwälte gelten. Gleich zu Beginn des Verfahrens versuchten Anwälte, das Gericht mit Anträgen zu fluten. Es dauerte bis Nachmittag, bis überhaupt die Anklage verlesen wurde.
In Stuttgart: ähnliche Szenen - die Süddeutsche Zeitung beschreibt die Stimmung wie „auf einem Klassentreffen”. Bei einem Prozess in München gegen einen der Beschuldigten in anderer Sache mischten dessen Fans die Verhandlung auf.
Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft haben es derweil in sich. Die „Patriotische Union” soll sich um Prinz Reuß dazu verschworen haben, „die bestehende staatliche Ordnung in Deutschland gewaltsam zu beseitigen”. Das dahinterstehende Gedankengut sei von typischen Verschwörungstheorien der Reichsbürger-Szene geprägt. Es kursieren Geschichten über Angeklagte, die an die Existenz angeblicher Kinder-Schlachtkeller führender Politiker geglaubt haben sollen.
Für ihr Vorhaben sollen die mutmaßlichen Putschisten massenhaft Waffen gehortet und Hunderttausende Euro aufgetrieben haben. Eine der Angeklagten, eine damalige AfD-Bundestagsabgeordnete, soll Mitgliedern der Truppe ermöglicht haben, die Räumlichkeiten des Parlaments auszukundschaften. Wörner soll darüber hinaus eine Liste von Politikern, Journalisten und Prominenten angefertigt haben - mutmaßlich eine von mehreren „Feindeslisten”, von denen die Bundesanwaltschaft spricht.
Thomas T. soll laut Anklage Gründungsmitglied der Gruppe sein, das erste Treffen der „Patrioten” soll in seinem Haus stattgefunden haben. „Außerdem sollte er an dem Angriff auf den Deutschen Bundestag teilnehmen”, heißt es von der Bundesanwaltschaft. Mit der Angeklagten Ruth L. habe er in der Runde das bizarre Ressort „Transkommunikation” übernommen - um neue Ratsmitglieder „spirituell” zu überprüfen und Prinz Reuß zu beraten.
Laut Ermittlungsergebnissen aus 2023, die der FLZ vorliegen, soll Thomas T. in einem Chat über die Pläne der Gruppe geschrieben haben: „Dann kommt das Aufräumen bis in die Rathäuser hinein“. An einem Schießtraining soll T. bereits teilgenommen haben.
Die Anklagepunkte gegen Thomas T. lauten nach Angaben des OLG München nun konkret: Gründung und Betätigung in einer terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens und Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Prozessbeginn ist um 9.30 Uhr.
Dem Terrorprozess um Thomas T. und seine mutmaßlichen Komplizen gehen bei der FLZ eineinhalb Jahre der Recherche voraus.
Wer ist der Angeklagte? Welche Verbindungen hatte er? Was wusste sein Umfeld? Um Licht ins Dunkel zu bringen, helfen vor allem Gespräche vor Ort. Auch das Durchforsten des Internets mit speziellen Rechercheprogrammen kann Treffer ergeben. Es ist wie eine Spurensuche, die oft genug in Sackgassen endet, manchmal aber auch wertvolle Hinweise bringt - etwa zu den früheren Lebensumständen von Peter Wörner im Kreis Ansbach.
Die Ergebnisse dieser Arbeit hat die FLZ seit 2022 in bislang acht Texten veröffentlicht. Nun präsentiert vor Gericht die Bundesanwaltschaft ihrerseits die zusammengetragenen Beweise. Die FLZ wird den Mammutprozess vor Ort begleiten.