Sie ist schon längst eine alte Dame, flirtet aber nach wie vor hemmungslos: Mieze Schindler wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Glaubt man ihrer Betreuerin, ist sie klein, süß und fein, aber auch ein wenig zickig. Ihre Bäckchen sind meist rot, sie verzichtet selbst an heißen Tagen auf jeglichen Sonnenschutz und geht gerne Verbindungen mit Schlagsahne ein. Mieze Schindler ist eine Erdbeersorte. Eine ganz besondere.
Zur Geschichte: Otto Schindler aus Pollnitz hatte im Jahr 1925 die Sorten Lucida Perfecta und Johannes Müller gekreuzt und nannte das Resultat nach seiner Ehefrau Margarete, genannt Mieze. Dass diese Sorte so langlebig sein würde, war übrigens nicht zu erwarten – fast wäre sie schon vor Jahren gestorben.
Denn Mieze Schindler blühte und gedieh über Jahrzehnte hinweg fast ausschließlich in den Gärten der ehemaligen DDR – im Westen war sie (obwohl politisch stets neutral) fast in Vergessenheit geraten. Doch Roswitha Schemm, heute Seniorchefin des Erdbeerhofes Zehelein-Schemm im Diespecker Ortsteil Ehe, hatte schon in den Zeiten des Eisernen Vorhangs viel Gutes von der roten Mieze gehört. Kaum war die Mauer gefallen, machte sich Roswitha Schemm auf den Weg in den tiefsten Osten der nunmehr vereinigten Republik und wurde in Cottbus fündig. Ableger von Mieze wurden in den Aischgrund verpflanzt und gediehen auch dort prächtig: Der Beweis ist somit erbracht – Miezes Mutterboden muss nicht sozialistisch sein.
Roswitha Schemm war seit jeher Erdbeeranbauerin aus Leidenschaft. Der Erhalt vieler Sorten, die Zucht von Pflanzen, die schon fast vergessen sind – damit kennt sie sich aus. Zu Recht und erfolgreich, denn heute kommen sogar Prominente nach Ehe, um die aromareiche Mieze zu erwerben: Sternekoch Alexander Herrmann ist regelmäßig da sowie die vom Münchner Viktualienmarkt bestens bekannte Marktfrau Resi, um auch in der Landeshauptstadt Mieze Schindler anbieten zu können. „Da kommt es uns weniger auf das Geld an, sondern es ist uns vielmehr eine Ehre, wenn Sterneköche unsere Beeren verwerten“, sagt Roswitha Schemm.
Und tatsächlich: Auch die Süßspeisen auf dem Nockherberg kommen aus Ehe. Denn angeblich enthält Mieze Schindler alleine 360 verschiedene Aromen, sagt der Inhaber des Erdbeerhofes, Peter Schemm. Im Vergleich: Eine Kirsche habe etwa 42.
Mieze ist also auch in ihrem 100. Jahr noch eine echte Hochleistungserdbeere, aber – und damit zum eingangs erwähnten Wort „zickig“ – auch nicht so ganz pflegeleicht. Auf dem Feld sei sie auf Unterstützung angewiesen, denn für die Bestäubung der Blüten benötigt sie eine bestimmte Bestäubersorte, damit die ausschließlich weiblichen Blüten auch Fruchtkörper ausbilden. „Bei uns sind deswegen immer ein paar Reihen anderen Sorten zwischen den Mieze Schindler-Exemplaren angepflanzt“, sagt Peter Schemm.
Für diese „Vermittlerrolle“ hat sich in der Vergangenheit die Züchtung Senga Sengana gut bewährt, da der Zeitraum der Blüte übereinstimmen muss, berichtet Peter Schemm.
Die Saison auf dem Erdbeerhof Zehelein-Schemm mit Filialen in Ehe und Dottenheim beginnt nun. Mieze Schindler allerdings wird es für die zahlende Kundschaft erst in ein bis zwei Wochen geben – bis dahin wird unter den rund 40 Sorten wohl Sweet Mary XXL den „Publikumspreis“ erhalten. Die sei, sagt Roswitha Schemm, beim Anbau so herrlich unkompliziert. Gar nicht zickig.