Ernst, naiv, tragisch, fordernd oder verzweifelt: Die verschiedenen Facetten der Liebe standen in Feuchtwangens Stadthalle Kasten im Mittelpunkt. Zum Auftakt der Kreuzgangspiele extra-Reihe 2025/2026 lasen Gesine Cukrowski und Gerd Lukas Storzer Liebesbriefe namhafter Persönlichkeiten.
Die aus Film und Fernsehen bekannte Schauspielerin Gesine Cukrowski und Gerd Lukas Storzer, der schon mehrfach auf der Kreuzgang-Bühne zu sehen war und 2016 mit dem Kreuzgangpreis der Fränkischen Landeszeitung ausgezeichnet wurde, arbeiten seit ihrer gemeinsamen Zeit auf der Schauspielschule immer wieder zusammen. Sie sind ein eingespieltes Duo, sie harmonieren miteinander. Das zeigt sich schnell.
Sie lesen im Wechsel: Gesine Cukrowski die Liebesbriefe der Frauen, Gerd Lukas Storzer die der Männer. Sie tun das beide mit einer ungeheuren Intensität, finden sich ein in die Situation der Verfasserin beziehungsweise des Verfassers. Damit werden sie dieser besonderen literarischen Form des Liebesbriefes gerecht. Sie holen die in den Zeilen festgehaltenen Emotionen, das Pure und das ungeheuer Ehrliche hervor.
Das Schöne ist, dass Gesine Cukrowski und Gerd Lukas Storzer die Briefe nicht nur lesen, sondern sie auch biografisch einordnen, sodass das Publikum etwas über die ganze Liebesgeschichte erfährt.
Tragisch ist jene von John Keats und Fanny Brawne. Der britische Dichter starb 1821 im Alter von nur 25 Jahren an Tuberkulose. Auf dem Nachtisch lag der letzte Brief von ihr. Er hatte jedoch nicht mehr die Kraft, ihn zu lesen. Der Brief wurde ihm mit in den Sarg gelegt.
Eine ganz andere Bedeutung bekommt ein Brief voller Kosenamen von Heinrich von Kleist vom November 1811 an Adolfine Henriette Vogel mit dem Wissen, dass sie kurze Zeit später gemeinsam in den Tod gingen. Am Kleinen Wannsee erschoss Kleist zuerst seine unheilbar an Krebs erkrankte Gefährtin und dann sich selbst.
Nicht aufhören zu schreiben konnte der französische Surrealist Paul Éluard an „seine” Gala, die ihn für Salvador Dalí verlassen hatte. Das konnte Éluard nicht akzeptieren und beschwor mit sehr, sehr deutlichen Worten eine Intimität herauf, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr bestand.
Temperamentvoll und voller Theatralik schrieb die Schauspielerin Adele Sandrock an den Schriftsteller Arthur Schnitzler. Man bekam eine Vorstellung davon, wie sich die beiden anzogen und wieder abstießen.
Auf besondere Weise rächte sich die britische Kriminalschriftstellerin Dorothy Sayers an dem amerikanischen Schriftsteller John Cournos, der sie weder heiraten noch Kinder mit ihr wollte: In einem ihrer Romane wird eine Figur, die sehr an Cournos erinnert, mit Arsen vergiftet.
Den letzten Lebensbrief an diesem Abend liest Gerd Lukas Storzer auf einem Sofa sitzend, Gesine Cukrowski hat neben ihm Platz genommen und schaut ihn nur an. Die Zeilen hat Dylan Thomas an seine Frau Caitlin, seinem Rettungsanker im Leben, gerichtet. Mit einem Zitat aus einem Gedicht des walisischen Literaten endet diese besondere literarische Reise dann auch: „Wenn die Liebenden fallen – die Liebe fällt nicht; und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.” Passender hätten es Gesine Cukrowski und Gerd Lukas Storzer nicht wählen können. Das Publikum applaudiert lange.