Auf einer alten Postkarte sind die Lichtenauer Strafanstalt in der Festung und der Hexenbrunnen abgebildet. Wie beides zusammenhängt, weiß Reiner Heller vom Museumsverein. Der Lichtenauer findet, dass das fast vergessene Relikt auf der Grünfläche zwischen der VR-Bank und dem Rathaus Aufmerksamkeit verdient.
„Viele Lichtenauer wissen gar nicht, was das für ein Brunnen ist“, sagt Heller. Das Gesicht auf dem Stein sieht aus wie das einer Hexe, daher stammt auch der Name, erklärt er. Der 78-Jährige hat versucht, mehr über den Brunnen und seine Ursprünge herauszufinden. Manches bleibt jedoch im Dunkeln.
Das steinerne Objekt ist vermutlich ein Geschenk einer Fürther Stahlbrillenfabrik, deren Inhaber ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der Lichtenauer Strafanstalt Brillengestelle produzieren ließen.
Mitgründer des Unternehmens war 1840 der jüdische Gürtlermeister und Stahlbrillenfabrikant Abraham Schweizer (1810 bis 1866). In seiner Fabrik wurden zunächst hauptsächlich Metallspielzeug – Schweizer besaß das Patent für das Jo-Jo – und optische Spielsachen hergestellt, später dann Brillen. Weil die Fabrik aus allen Nähten platzte, wurden ab etwa 1859 zusätzlich in den Strafanstalten Lichtenau und Laufen Brillengestelle angefertigt. Etwa 200 Gefangene waren daran beteiligt. Die Produktion wurde bis zum Ersten Weltkrieg aufrechterhalten.
Nach Schweizers Tod im Jahr 1866 blieb das Unternehmen im Familienbesitz. Einer seiner Nachfolger muss es gewesen sein, glaubt Heller, der 1910 einen Brunnen mit Trog an den damals noch existierenden Lichtenauer Verschönerungsverein gestiftet hat. „Wer ihn gemacht hat, weiß man nicht.“ Das Hexengesicht trug damals noch eine Brille aus Stahl, deren Verbleib ungeklärt ist.
Seinen ersten Standort hatte der Brunnen im Eichelgraben bei Malmersdorf. Zwischen 1924 und 1931 zog er in die Gartenanlage vor dem Beamtenhaus, dem heutigen Rathaus, um. 1933 störten sich die Nazis am jüdischen Ursprung, erzählt Heller. Um den Brunnen zu retten, musste der Judenstern am Trog unkenntlich gemacht werden. „Man hat den Trog herumgedreht und als Bank genommen.“ Diese fiel in der Gartenanlage nicht weiter auf.
Ohne das Brunnenbecken sei der Rest zurück in den Eichelgraben nach Malmersdorf gebracht worden. Das Wasser floss nun nicht mehr aus dem Hexenmaul, sondern aus einem Rohr im unteren Sockelstein.
In den 1950er oder 1960er Jahren fiel der Brunnen um. Die Gemeinde ließ Stein und Trog zurück nach Lichtenau transportieren und erneut im Rathausgarten aufstellen. Der Sockel blieb dagegen im Eichelgraben.
Reiner Heller möchte bei den Bürgern das Interesse am Brunnen wecken. Was ihm missfällt, ist die Grünanlage. „Der Zustand ist miserabel.“ Früher sei der Rathausgarten gepflegter gewesen, auch ein Blumenbeet war vor dem Brunnen angelegt. Finanziert werden könnte eine Neugestaltung über das Regionalbudget, schlägt er vor. Einen Beitrag zur Verschönerung trägt zumindest der Obst- und Gartenbauverein bei, berichtet Heller: Einmal im Jahr schmücken die Mitglieder das Steinobjekt als Osterbrunnen.