Leseschwäche und die Bedrohung durch Künstliche Intelligenz: Diese Themen stehen im Fokus der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Die US-Historikerin Jill Lepore sieht die Menschheit „auf des Messers Schneide der Geschichte“. Die Menschheit müsse sich entscheiden, ob sie zulasse, „dass Maschinen das Lesen und Schreiben und sogar das Denken für uns übernehmen“, sagte die US-amerikanische Historikerin und Autorin zum Auftakt der 78. Buchmesse.
Künstliche Intelligenz bedrohe die Kunst und das Schreiben, die Freiheit des Denkens, die demokratischen Gesellschaften und - wie die Tech-Unternehmen selbst warnen - sogar die Menschheit selbst, sagte die Harvard-Professorin in ihrer Rede auf der Pressekonferenz vor der Eröffnung. „Wenn die Menschheit vor dem Maschinenstaat kapituliert, verlieren wir nicht nur unsre Freiheit, sondern auch unseren Verstand.“
Freiheit und Demokratie seien nur möglich, wenn Menschen selbst leben und schreiben und denken. Die Buchmesse sei die Gelegenheit, unsere Unabhängigkeit zu erklären beim Schreiben und Lesen von Büchern. „Unsere Gedanken und unsere Worte - und unsere Bücher - gehören uns. Und die Zustimmung zu jedem Regierungssystem oder ihre Verweigerung muss von uns kommen“, sagte Lepore („Die Regierung der Maschinen“).
In Frankfurt dreht sich in dieser Woche alles um Bücher. Am Montagabend wurde der Deutsche Buchpreis verliehen - an Shida Bazyar für „Die Lücken“. Am Dienstagabend wird die Messe eröffnet. Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher erwartet.
Zum Auftakt hatte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, vor gravierenden Folgen der zunehmenden Leseschwäche bei jungen Leuten gewarnt. „Wie soll man sich eine fundierte Meinung bilden, wenn man nicht in der Lage ist, verschiedene Positionen lesend zu verstehen und zu vergleichen?“ Laut der jüngsten Pisa-Studie fehlte jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Kompetenz beim Lesen.
„Das Problem der Lesekompetenz kann nicht vom Siegeszug der KI, die uns beliebig abgerufene Antworten liefert, kompensiert werden“, sagte Guggolz weiter. Im Gegenteil: Die mangelnde Lesekompetenz werde dadurch sogar noch befeuert. „Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen.“ Das solle die Gesellschaft alarmieren, denn die Menschen seien dabei, ihre Selbstbestimmung zu verlieren.
Der scheidende Direktor der Buchmesse, Juergen Boos betonte: „Permanentes digitales Spektakel lenkt uns vom Denken ab.“ Für Boos ist diese Ausgabe nach 21 Jahren die letzte Messe. Er geht in den Ruhestand. Neuer Buchmessen-Chef wird Joachim Kaufmann, langjähriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags.
„Aufmerksamkeit ist heute umkämpft“, sagte Boos. Zwischen einem Buch und seinen Leserinnen und Lesern stünden immer mehr Plattformen, Empfehlungen und Algorithmen. Die Antwort darauf beginne mit Begegnungen - und die Messe bringe die Menschen zusammen: „Frankfurt leuchtet.“
Die Stimmung in der Buchbranche ist zu Beginn der Messe nicht besonders gut: Der Umsatz lag 2025 mit 9,62 Milliarden Euro 2,7 Prozent unter dem von 2024. In den ersten acht Monaten 2026 ging der Wert noch weiter runter, wie der Börsenverein berichtet. Dennoch war zum Auftakt auch Positives zu hören: „Die Liebe zum Buch blüht nach wie vor“, sagte Guggolz.
Er sprach im Zusammenhang mit KI vom „doppelten Raubzug an unseren Büchern und an unserer Denkfähigkeit“. Noch sei kein Vorschlag in Aussicht, wie die Urheberrechtsverletzungen, „die geschehen sind und Tag für Tag weiterhin geschehen, bei der Zuführung von urheberrechtlich geschützten Werken beim Training der Systeme vergütet werden“.
Ehrengastland ist in diesem Jahr Tschechien. Der Gastland-Auftritt steht unter dem - bewusst verwirrenden - Motto „Ein Land an der Küste“. Im Ehrengast-Pavillon soll Künstliche Intelligenz eine große Rolle spielen. Rund 75 tschechische Autorinnen und Autoren reisen für die Messe nach Frankfurt.
Zur Eröffnung der Messe am Abend wird die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková sprechen. Die Politik ist unter anderem mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vertreten.
Zu den prominentesten Gästen auf der Messe gehören in diesem Jahr der Musiker und Autor Wolf Biermann, die Französin Gisèle Pelicot und Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Auch Politiker wie Robert Habeck oder Filmemacher wie Volker Schlöndorff werden erwartet.
Das Event-Programm wurde erweitert - auf zehn Bühnen sind mehr als 1.000 Sprecher zu erleben. Mit Spannung erwartet wird die Bekanntgabe des Jugendworts am Samstag. Zum Abschluss nimmt der französisch-britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.
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