Die Bilanz für viele Schutzgebiete in Deutschland fällt Experten zufolge schlecht aus. Nach einer umfassenden wissenschaftlichen Analyse sogenannter FFH-Gebiete seien nur sechs Prozent der Lebensräume und vier Prozent der Arten in einem günstigen Zustand, heißt es in einem Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle. Schutzgebiete nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) sollen besonders wertvolle oder gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräume schützen.
„Die Ausweisung von Schutzgebieten ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die biologische Vielfalt dauerhaft zu erhalten und zu fördern – vorausgesetzt, sie sind wirksam“, betonen die Experten, zu denen Katrin Böhning-Gaese und Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gehörten. Eine rechtliche Ausweisung allein reiche nicht aus. Nötig seien klare Schutzziele, regelmäßige Kontrollen und ausreichend Personal und Geld. „In vielen Schutzgebieten bestehen erhebliche Defizite bei Management und Umsetzung.“
Der Bericht listet anhand von vier Beispielen auf, wie Natur wirkungsvoll geschützt werden kann und die Gesellschaft gleichzeitig profitiert:
Als zentrale Ursachen für den schlechten Zustand vieler Schutzgebiete nennt das Autorenteam intensive Landwirtschaft, Entwässerung, forstliche Nutzung und menschliche Störungen. Hinzu kämen Belastungen von außen wie Pflanzenschutzmittel, Nährstoffeinträge, Bebauung und Klimawandel.
Besonderen Handlungsbedarf sehen die Experten bei Wäldern und Meeresschutzgebieten. Ziel sollte es demnach sein, zehn Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum und zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als streng geschützte Bereiche ohne sogenannte stoffliche Nutzung – vor allem ohne Fischerei und ohne Bauwerke – auszuweisen. Derzeit sei in deutschen Meeresgebieten nur etwa ein Prozent der Fläche von jeglicher Nutzung ausgenommen.
Zudem werden in dem Papier einzelne Schwerpunkte für verbessernde Maßnahmen hervorgehoben: Für Agrar- und Offenland sowie für Binnengewässer und Auen sei vor allem eine weniger intensive Landwirtschaft wichtig. In Wäldern sollten naturnahe Bestände und Totholz geschützt werden. An Küsten und in Küstengewässern müssten die verschiedenen Belastungen – unter anderem Fischerei, Schifffahrt, Energiegewinnung und Verschmutzung – verringert werden.
Aktuell gilt rund ein Drittel der etwa 30.000 erfassten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland als bestandsgefährdet, wie es von den Experten heißt. Es existiert ein Netz aus Schutzgebieten verschiedener Kategorien, insbesondere Nationalparks, Naturschutzgebiete, FFH-Gebiete, Vogelschutzgebiete, Biosphärenreservate, Landschaftsschutzgebiete und Naturparks. Sie verfolgen jeweils spezifische Schutzziele und -strategien und unterliegen unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen.
„Biodiversität ist die Grundlage funktionierender Ökosysteme und damit von großer Bedeutung für uns Menschen“, heißt es im Leopoldina-Papier. „Ohne Bestäuber kein Obst im Garten, ohne vielfältige, gesunde Böden keine dauerhaft produktive Landwirtschaft, ohne resiliente Wälder kein Holz und ohne artenreiche Lebensräume keine wertvollen Erholungsräume.“
Das Diskussionspapier wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Forschungseinrichtungen erarbeitet. Die darin vertretenen Thesen und Empfehlungen stellen keine inhaltliche Positionierung der Akademie dar.
Der zentral am Papier beteiligte Biodiversitätsforscher Josef Settele ist nach Angaben des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) kürzlich verstorben. „Wir trauern um den Verlust eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers und einer der wirkungsvollsten und einflussreichsten internationalen Stimmen für die Natur“, hieß es. Settele sei eine tragende Säule für den Erfolg von IPBES gewesen. „Doch sein vielleicht nachhaltigstes Vermächtnis war die Herzlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Großzügigkeit, mit der er jedem Menschen begegnete.“
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