Der Klinikverbund ANregiomed greift nun hart durch, um die Zahl der Fälle in der Notaufnahme zu reduzieren. Ab sofort werden alle, die ohne medizinische Einweisung kommen, überprüft, ob eine Behandlung durch einen Arzt akut notwendig ist. Die meisten Patienten werden wohl direkt wieder heimgeschickt.
„Das wird zu viel Unmut führen“, ist Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer bewusst. Gleichwohl sieht er keine Alternative, um der Flut an Patienten in der Notaufnahme Herr zu werden. Zumal die allermeisten von ihnen dort fehl am Platz sind.
Bundesweit schlagen immer mehr Menschen in den Ambulanzen der Krankenhäuser auf. Es fehlt an niedergelassenen Haus- und Fachärzten, bei den Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigung hängt man zum Teil ewig in der Warteschleife und mancher findet es schlicht angenehmer, den Arzt am Abend oder am Wochenende aufzusuchen.
ANregiomed hat die Zahlen für Juni und Juli ausgewertet. 5165 Menschen wollten sich in den beiden Monaten in der Notaufnahme in Ansbach behandeln lassen. 58 Prozent der Patienten wurden dabei nicht von einem Arzt geschickt, sondern wiesen sich selbst ein, berichtete Klinikvorstand Sontheimer. In absoluten Zahlen sind das ziemlich genau 3000 Menschen für zwei Monate. Zum Vergleich: Stationär behandelt hat ANregiomed in Ansbach in den zwei Monaten 2328 Menschen. Und das ist die eigentliche Aufgabe des Krankenhauses.
„Das hat in erheblichem Umfang zugenommen“, bestätigt Chefarzt Professor Dr. Thomas Meier aus seiner jahrelangen Erfahrung. Belastbare Vergleichszahlen gibt es nicht, weil eine derartige Auswertung extrem aufwendig ist. Aber verschiedene bundesweite Studien kommen zu ähnlichen Feststellungen, wie sie ANregiomed nun gemacht hat.
Von den Selbsteinweisern gehen 90 Prozent der Menschen wieder nach Hause. Nur die zehn Prozent, die tatsächlich im Krankenhaus stationär aufgenommen werden, sind eigentlich ein Fall für die Notaufnahme. Alle anderen sollten – in der Theorie – von niedergelassen Ärzten oder dem Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) versorgt werden.
Die Sanitäter des Rettungsdienstes haben in den beiden Monaten gut 1000 Menschen ins Krankenhaus gefahren. Hier blieb etwa die Hälfte der Fälle im Krankenhaus, die andere Hälfte konnte wieder heimgehen, berichtete Sontheimer.
Mit 62 Prozent ist die Zahl der Nach-Hause-Entlassenen in der Gruppe der Patienten, die mit Einweisung eines Arztes in der Notaufnahme ankommen, sogar noch etwas höher. Was kaum jemand weiß: Die Krankenkassen kommen auch in diesen Fällen nicht für die Kosten im Krankenhaus auf, wenn aus ihrer Sicht eine ambulante Behandlung reicht.
Einzig bei jenen Fällen, die ein Notarzt in die Klinik bringen lässt, wird die klare Mehrheit stationär aufgenommen. Nur 22 Prozent geht hier direkt wieder nach Hause.
Klinikchef Sontheimer verweist darauf, wie viele Kapazitäten die Fälle binden, die am Ende nicht stationär aufgenommen werden. Das habe dazu geführt, dass ANregiomed in Ansbach „über drei Wochen fast durchgängig von der Notfallversorgung abgemeldet“ war, weil Personal fehlte. „Wir haben keinen Versorgungsauftrag und wir können uns das nicht mehr leisten“, unterstreicht Sontheimer.
Es sei fatal, wenn deshalb „Schlaganfälle oder Herzinfarkte nach Nürnberg fahren müssen“, gibt er zu bedenken. Er hat dabei sogar Verständnis für die niedergelassenen Ärzte und die Ärzte im Bereitschaftsdienst der KVB. „Auch deren Möglichkeiten sind limitiert.“ Aber das Gesundheitssystem sieht nun einmal vor, dass die Notaufnahme im Krankenhaus nur für akute Notfälle gedacht ist. Alles, was Zeit hat, ist Sache der niedergelassenen Ärzte.
Aber es landet eben auch der Mann, den seit drei Wochen Magenschmerzen plagen, die junge Frau, deren Periode ausgeblieben ist, oder das Kind, das vom Fahrrad fiel und Schürfwunden hat, in der Notfallaufnahme. Das will Sontheimer nun ändern. Vor allem, um das Personal, aber auch um die Kasse von ANregiomed zu entlasten. Im Schnitt gibt es für einen behandelten Patienten 74 Euro – bei durchschnittlich mehr als 155 Euro Kosten. Allein die Laboruntersuchung schlägt mit 60 Euro zu Buche. Um die Zahl der Fälle in der Notaufnahme zu reduzieren soll das Pflegepersonal ab sofort mit dem Manchester-Triage-System (MTS) ermitteln, wie dringend es ist, dass sich ein Arzt den Patienten ansehen muss. Das läuft nach einem Farbsystem. „Triage stell keine Diagnosen“, macht Sontheimer deutlich. Von jenen, die weggeschickt werden, erfasst das Krankenhaus nicht einmal mehr Name und Anschrift.
MTS ist ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung in Notaufnahmen weltweit. In Deutschland findet es seit fast 20 Jahren Anwendung. Schätzungen gehen davon aus, dass es etwa 20 Prozent der Notaufnahmen nutzen. Nachdem die Politik nicht auf die Hilferufe der Krankenhäuser reagiert habe, „sehen wir einfach keine andere Möglichkeit“.