Freilaufende Hunde, Fußgänger abseits der Wege, Menschen, die mit Quads durch das Wiesmet rasen: Die Jagdpächter im Naturschutzgebiet bitten um mehr Rücksicht auf das Wild und die seltenen Wiesenbrüter. Gemeinsam mit den Jägern will das Projekt Chance.Natur Lösungen finden.
Jeder hat das Recht auf Erholung in der Natur, die Bayerische Verfassung garantiert das freie Betreten von Wald und Flur. Das findet auch Erich Weißmann gut. Er ist Jagdpächter, unter anderem im Ornbauer Teil des Wiesmets. Generell in der Natur und dort ganz besonders sind dem Betretungsrecht aber auch Grenzen gesetzt. Im Wiesmet gilt zum Beispiel von März bis Oktober eine Leinenpflicht für Hunde.
„Das Wiesmet ist ein Refugium, das Ruhe braucht“, sagt Weißmann gegenüber der FLZ. Dort leben seltene Wiesenbrüter-Arten, sieben davon sind vom Aussterben bedroht. Diese Ruhe sehen er und andere Jagdpächter im über 1000 Hektar großen Feuchtgebiet aber immer wieder gestört. Beispielsweise die Leinenpflicht werde wiederholt missachtet.
Schon kurz nach 5 Uhr gingen Menschen im Schutzgebiet mit ihren Hunden spazieren oder joggen. „Ich verstehe, dass die Leute arbeiten müssen, aber so früh und auch spät sind sehr schlechte Zeiten.“ Dann sind zum Beispiel Rehe unterwegs, um zu fressen oder die Kitze zu säugen.
Im Wiesmet können sich die verschreckten Rehe nicht gut verstecken, da es an Bäumen fehlt. Das Wild renne dann weite Strecken, was Energie koste. Die Altgrasstreifen im Wiesmet sind aber auch wichtig für Rebhühner und Hasen, ihnen kommen Hunde gefährlich nahe. Auch Menschen die Skaten, Mountainbike oder sogar Quad und Auto fahren, haben Weißmann und seine Kollegen schon beobachtet. „Es gibt so viele Ziele, warum muss man mit einem Quad ausgerechnet ins Wiesmet?“, fragt er erzürnt. Weißmann will nicht verallgemeinern, es gebe Besucher, die sich respektvoll verhalten, doch für viele gilt: „Die Menschen, die in Berchtesgaden wohnen, die wissen, was sie dort haben. Bei uns wird zu wenig auf die Natur geachtet.“
Ihm stößt es auf, wenn er bei seiner Arbeit gestört wird. „Schließlich sind wir hier, um die Wiesenbrüter und die Natur zu schützen.“ So wird im Feuchtgebiet vor allem Raubwild bejagt. Fuchs, Marder, Dachs und Wiesel zum Beispiel. Aber auch Krähen sind eine Gefahr für die Wiesenbrüter.
Was ist so schlimm daran? Dietmar Herold ist Leiter des Projekts Chance.Natur und koordiniert die verschiedenen Interessen im Wiesmet gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband.
Die Vögel nehmen Menschen und Hunde generell als Gefahr wahr, auch wenn diese ihnen nicht nachjagen. Für die gefährdeten Wiesenbrüter ist das ein unnötiger Stressfaktor, vor allem in der Brutzeit. Sie fliegen hoch, um Warnrufe auszustoßen, und zeigen Abwehrverhalten gegen den Hund.
„Je öfter das passiert, desto höher ist die Gefahr, dass die Gelege auskühlen.“ Dann hätten außerdem Krähen die Chance, sich an den Eiern zu vergreifen. Der Räuberdruck ist Herold zufolge der größte Faktor dafür, dass nicht genügend Küken nachkommen. Und unachtsame Passanten erhöhen also indirekt den Räuberdruck.
Wer mit einem Fahrzeug in das Wiesmet fährt und kein Anlieger – Jäger, Angler, Landwirt oder Naturschützer – ist, bekomme eine Strafe, erklärt Herold. Generell sei es so, dass jede Störung im Wiesmet ein artenschutzrechtlicher Verstoß ist. Laut den Warnschildern kann ein solcher mit Bußgeld bis zu 20.000 Euro bestraft werden. „Die Frage ist natürlich, ob man die auch verhängen will.“ Mit Verboten zu arbeiten, sei nie gut.
Stattdessen will das Team im nächsten Jahr ein neues Wegenetz etablieren. Denn Passanten nähmen noch zu oft Landwirtschaftswege und Trampelpfade, die im Nichts enden. „Und dann laufen sie plötzlich über Wiesen.“
Testweise wolle man das Betreten gewisser kritische Bereiche vorübergehend verbieten. „Aber ein komplettes Verbot ist immer ein Problem wegen des freien Betretungsrechts.“ Vielmehr will man in Zukunft bestimmte Weg unzugänglicher machen, mit Barrieren oder Grobschotter, über den man mit dem Fahrrad nicht gut fahren kann, während der Landwirt kein Problem hat.
Doch auch „positive“ Besucherlenkung ist das Ziel. Mit dem gezielten Ausbau von Aussichtspunkten, Erlebniswegen oder gar einem Aussichtsturm sollen Besucher an gewisse Stellen geleitet und fernab von kritischen Bereichen geführt werden. Und gleichzeitig Spaß daran haben. „Wir wollen die Leute ja nicht vertreiben, sondern zeigen, wie schön und schützenswert die Natur dort ist.“