Keine Epidemie der Kurzsichtigkeit in Deutschland | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.06.2026 04:03

Keine Epidemie der Kurzsichtigkeit in Deutschland

Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. (Foto: Sebastian Kahnert/zb/dpa)
Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. (Foto: Sebastian Kahnert/zb/dpa)
Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. (Foto: Sebastian Kahnert/zb/dpa)

Die Sehkraft ganzer Gesellschaften hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit schier unglaublicher Geschwindigkeit verschlechtert. In Deutschland scheint aber längst ein Plateau erreicht, wie ein Forschungsteam im Fachjournal „Frontiers in Public Health” berichtet. Bei Kindern und Jugendlichen mit Brille sei in den vergangenen 25 Jahren keine Zunahme der Kurzsichtigkeit mehr festzustellen. Offenbar milderten regionale Umwelt- und Lebensstilfaktoren die globalen Trends zur Kurzsichtigkeit hierzulande wirksam ab.

Die Daten zeigen auch, dass Menschen in Deutschland nicht beschleunigt kurzsichtiger werden. Der mittlere Wert und die Wahrscheinlichkeit, wegen Kurzsichtigkeit eine Brille zu erhalten, blieben weitgehend stabil. Bei jüngeren Jahrgängen zeigte sich sogar eine leichte Tendenz zur Weitsichtigkeit.

Immenser Anstieg in asiatischen Ländern

Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. Vor allem Ostasien hatte in den vergangenen Jahrzehnten einen immensen Anstieg verzeichnet. Der Anteil Kurzsichtiger bei jungen Erwachsenen sei dort rasant von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf 60 bis 90 Prozent heute gestiegen. In Europa habe es eine langsamere Verbreitung gegeben. Prognosen zufolge pendele sich der Anteil Kurzsichtiger in Europa bei etwa 40 Prozent ein.

Das Team um Wolf Lagrèze von der Uniklinik Freiburg hatte rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 analysiert. Es wurde festgelegt, ab welcher Stärke der Fehlsichtigkeit ein Auge als kurzsichtig eingestuft wird - schon bei einem relativ geringen Kurzsichtigkeitswert von minus 0,50 Dioptrien oder mehr. „Entgegen der weit verbreiteten Annahme einer sich rapide beschleunigenden globalen Myopie-Epidemie fanden wir zwischen 2001 und 2025 keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen.“ 

Brillen würden heute zwar im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben, das gehe aber womöglich auf die gestiegene Aufmerksamkeit und frühere Verschreibung auch schon bei recht niedrigen Werten zurück. „Unsere Ergebnisse bestätigen letztlich eine kürzlich durchgeführte europäische Metaanalyse, die darauf hinweist, dass die Myopieprävalenz in Europa seit dem Jahr 2000 weitgehend stagniert.“

Deutsche Kinder sind mehr draußen

Die Forschenden betonen allerdings, dass ihre Daten nur Kinder und Jugendliche erfassen, die bereits eine Brille verordnet bekamen. Kinder ohne Sehkorrektur seien in der Analyse nicht enthalten. Außerdem beruhten die Daten auf realen Verordnungen aus Optikbetrieben und nicht auf standardisierten augenärztlichen Untersuchungen.

Den Anstieg in Ostasien werde unter anderem von der extremen und frühen Intensität der schulischen Ausbildung und dem gravierenden Mangel an Zeit im Freien begünstigt, hieß es. Im deutschen System und Lebensstil seien diese Faktoren wohl weniger ausgeprägt oder würden besser ausgeglichen.

Das Team um Lagrèze fand auch keinen Hinweis auf ein Myopie-Plus im Zuge der Corona-Pandemie. „Dies widerlegt die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung in Deutschland einen Anstieg der Kurzsichtigkeit während der Quarantäne ausgelöst haben, wie er in anderen, vorwiegend asiatischen Studien berichtet wurde.“

Die Dosis macht das Gift

Schon manche Dreijährige werden täglich vor Smartphone- oder Tablet-Bildschirme gesetzt. Das kann ihrer Sehkraft lebenslang schaden, warnen Mediziner. Dabei macht Analysen zufolge die Dosis das Gift: Bei bis zu etwa einer Stunde Bildschirmzeit pro Tag steigt das Risiko kaum, danach bedeutet jede weitere Stunde ein deutliches Risikoplus von jeweils etwa 20 Prozent. Ab etwa fünf Stunden Bildschirmzeit flacht die Kurve ab, das Risiko steigt nur noch geringfügig weiter an.

Entscheidend ist Experten zufolge der Abstand zum Auge, daher habe die Zeit am Smartphone, das oft 20 Zentimeter oder näher vor den Augen gehalten wird, wohl besonders großen Einfluss. Ständiges Nahsehen führt zu einer Anpassungsreaktion, mit der das Auge die energieaufwendige Muskelarbeit verringert: Der Augapfel wächst in die Länge, der Brennpunkt des Auges liegt in der Folge vor der Netzhaut. Nahe Objekte werden dadurch schon mit weniger Muskelarbeit scharf gesehen, entfernte Objekte aber unscharf. Umkehren lässt sich Kurzsichtigkeit nicht.

© dpa-infocom, dpa:260628-930-296409/1


Von dpa
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