Bei manchen Werken ist der Bezug zu Kaspar Hauser deutlich. Wenn etwa sein berühmtes Konterfei auf einer Art Steckbrief zu entdecken ist – und ein Messer daneben liegt. In anderen Arbeiten ist die Verbindung subtiler – zum Beispiel bei einer Frauengestalt mit einem Holzpferd in der Hand. Der junge Kaspar soll mit so einem Pferdchen gespielt haben.
Oft bleiben die Bildwelten jedoch rätselhaft – was die Ausstellung im Kunsthaus Reitbahn 3 im Rahmen der Kaspar-Hauser-Festspiele erst recht spannend macht. „Menschwerdung“ lautet der Titel, unter dem rund 50 Gemälde, Skulpturen, Objekte und Fotografien von 36 Kunstschaffenden präsentiert werden.
„Der Themenkomplex ,Menschwerdung‘ hat eine Dimension, die über Kaspar Hauser hinausgeht“, betont der aus Ornbau stammende Künstler Johannes Vetter, der die Werkschau zusammen mit dem Kunsthaus-Team und Festspiel-Intendant Eckart Böhmer geplant und koordiniert hat. „Die von der Jury ausgewählten Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit dem Menschsein im Zusammenhang zum Beispiel mit technischem Fortschritt und gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie stellen mit ihren ganz unterschiedlichen Werken Fragen dazu – ohne aber immer Antworten zu geben.“
Im Triptychon des Ansbacher Males Udo Winkler ist auf der mittleren Tafel jener Steckbrief Kaspar Hausers zu erkennen – in der Hand einer am Meer sitzenden Gestalt im dunklen Kapuzenmantel. Der Verhüllte scheint das Gesicht Hausers zu betrachten, ein langes Messer und ein Paar Handschuhe liegen bereit, hohe Wellen branden heran. „Schicksal und Vorbestimmung“ sind hier Winklers Themen, wie der für seine surrealen Werke bekannte Künstler in einem Infoblatt erklärt.
Bei Maren Diedrich, einer Malerin aus Georgensgmünd, sind aus den mythischen Argonauten maskentragende „Argwohnauten“ geworden, die durch einen gelbgrünrosabläulichen Raum taumeln. Die Nürnberger Künstlerin Fatma Güdü konfrontiert den Betrachter dagegen mit dem Bild der „Verlorenen Mutter“, einem ebenso eindringlichen wie irritierenden Porträt. Bei Stella Springhart aus Fürth sitzt ein Mensch, vielleicht ein Kind oder inneres Kind, auf einem Bett, eine Spitzkappe mit Schleier auf dem Kopf. Wer steckt in dieser „Wundertüte“? Was wird aus dem Kind? Ist es wohl glücklich?
Graue Ahornblätter umwehen einen Mann mittleren Alters, der ein Papier, einen Brief in der Hand hält. Das naturalistische Gemälde mit dem Titel „Schwarze Gedanken“ hat die 1941 geborene Malerin Jo Niklaus aus Nürnberg geschaffen. Was könnte auf dem aufgefalteten Blatt zu lesen sein? Und was stand eigentlich in Spiegelschrift auf dem Zettel, den Hauser im Hofgarten erhielt, ehe er niedergestochen wurde?
In Katja Gehrungs Fotografie „Behind the wall“ ist eine schlanke Gestalt mit venezianischer Pestmaske hinter dreckigen Fensterscheiben zu sehen; die Künstlerin inszeniert sich in ihren Werken selbst, oft an „Lost Places“. Annelies Schindler macht mit dem Bild eines Neugeborenen in intensiven Blautönen den „Start ins Leben“ zum Thema. In Klaus Müller-Köglers Gemälde „Aus dem Ungewissen“ fotografiert sich ein Mann in einem Spiegel, den Sprünge durchziehen. Einsam scheint er im leeren Raum mit der mattgrauen Wand.
Rita Zeller hat aus Steinen, Drähten, Metallteilen ein Wesen gebaut, das auf zwei Beinen stakst. „Menschwerdung?“ nennt sie ihre Schöpfung mit direktem Bezug zum Titel der Werkschau. Gregor Sauer lässt in seinem schmalen Bild einen Mann fliegen, vorne schmaucht’s aus einer Art Zigarre wie aus dem Schlot einer Dampflok. Darüber kriecht, im gleichen extremen Querformat, eine knallbunte, fast bildfüllende Larve.
Köpfe scheinen in Werner Nowkas „Genesis“-Objekt aus weichem Boden emporzutauchen. Neben Christine Römheld-Rothes „Eva“ im Fantasy-Paradies grinst der Teufel, schlängelt sich die Schlange. Und auf Podesten stehen breitbeinig die grotesken „Strange Visitors“, halb Tier, halb Mensch, von Monika Jeannette Schödel-Müller.
„Als Kaspar Hauser zu Pfingsten 1828 in Nürnberg in die Welt trat, wurde er sowohl gesehen als ein halbwilder Tiermensch als auch als ein engelhaftes Wesen, nicht ganz von dieser Welt“, schreibt Intendant Eckart Böhmer zur Ausstellung. „Durch seine daraufhin erfolgende rasante Sozialisation, durch die er beispielsweise als ein pädagogisches Phänomen gesehen wurde, verlor er jedoch auch, von beiden Seiten her, Maßgebliches.“ Tier, Engel, Mensch oder all das? Die Besucher des Kunsthauses können sich auf die Suche machen, nach Hauser und sich selbst.
Während der Festspiele bis 4. August ist die Ausstellung werktags und am Samstag von 11 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr sowie am Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Öffnungszeiten bis 25. August: Mittwoch bis Samstag von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr, Sonntag von 14 von 17 Uhr.