„Ohne Kaspar Hauser“, sagte Intendant Eckart Böhmer sichtlich berührt, „wären wir alle hier nicht versammelt.“ Das Thema „Menschwerdung“ steht im Mittelpunkt der diesjährigen Kaspar-Hauser-Festspiele, die bis 4. August gehen und am Sonntag im Onoldiasaal eröffnet wurden.
Oberbürgermeister Thomas Deffner dankte gleich zu Beginn seiner Begrüßungsworte Eckart Böhmer, dem Initiator der Kaspar-Hauser-Festspiele und Festspiel-Leiter, daneben auch Ansbacher Kulturpreisträger, für sein langjähriges Engagement und die immer neuen Impulse. „Die Festspiele prägen seit 26 Jahren das Bild der Stadt“, betonte Deffner. Kaspar Hauser sei ein zeitloses Symbol für Fragen nach der wahren Identität des Menschen, aus philosophischer, psychologischer sowie auch pädagogischer Sicht. Für die Stadt seien die Festspiele zudem ein Alleinstellungsmerkmal, das es so nirgendwo anders gebe.
Dreißig Veranstaltungen, von Vorträgen, Musik, künstlerischer Auseinandersetzung bis hin zu einer Theater-Uraufführung, bietet das diesjährige Programm. Ganz unterschiedliche Wege, sich dem Mythos Kaspar Hauser zu nähern.
„Gerade derjenige“, sagte Böhmer, „der keinem Menschen begegnen sollte, einem markanten Teil der verbrecherischen Isolierung, führt uns heute hier zusammen.“ Am Anfang habe, so Böhmer, bevor Kaspar Hauser 1828 wie aus dem Nichts, in Nürnberg in der Welt erschienen war, zwar ein tragisches Ereignis gestanden, doch sei etwas anderes stärker gewesen.
Böhmer erinnerte an Jakob Wassermanns bedeutenden Roman „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“. Das Werk habe viele Wissenschaftler inspiriert.
Im Folgenden widmete sich der Intendant der „Menschwerdung“, die während der wenigen bekannten Lebensjahre Hausers „in Windeseile“ verlaufen sei. Als Geschöpf sei der Mensch durchaus vollendet, allerdings gebe es Anteile, eine Art Schöpferkraft, die dem Menschen die Möglichkeit gibt, „sich selbst schöpferisch zu vollenden“. Kritisch setzte sich Böhmer etwa mit der Künstlichen Intelligenz auseinander, die ihrem Wesen nach „bereits gestorben sei, nichts Zukunftsweisendes in sich trage“. Durchaus habe KI auch gute Anteile, allerdings berge sie auch die große Gefahr eines fortschreitenden Seelentodes. Dies zu erkennen, sei die große Aufgabe im Hinblick auf fortschrittliche Entwicklungen.
Diese Zeichen lesen zu können, eine Voraussetzung, um die lauernden Gefahren erkennen und ihnen begegnen zu können. Solche „Zeichen der Zeit“ seien etwa auch Goethes Faust und der Pakt mit dem Teufel oder auch das Erscheinen Kaspar Hausers gewesen.
Hätte man die Zeichen richtig gelesen, hätte es vielleicht auch die Atombombe nicht gegeben. Den Gedanken stellte Böhmer deutlich in den Raum. Als Symbol für den Aufstieg. Das Innehalten und einem drohenden Abstieg der Menschheit, wählte Böhmer das Symbol der Leiter.
Maßgebliche Menschheitsfragen tauchen in Verbindung mit Hausers Geschichte immer wieder auf: „Woher komme ich? Wer bin ich? Wo gehe ich hin?“ Fragen, die sich jeder stellen sollte, so der Intendant. Den Begriff der Menschwerdung brachte Böhmer auch in Bezug mit der Menschwerdung Christi.
Musikalisch umrahmte das Baseler Duo Chagall, Birgit und Marc Böhme (Violoncello und Klavier), die Eröffnungsfeier. Sie interpretierten virtuos Werke von Arvo Pärt, die den Worten einen mystisch-magischen, meditativ anmutenden Klangteppich ausrollten.