Vor Josefi schnellt der Koffein-Pegel von Thorsten Siebenhaar exponentiell in die Höhe. Die Aufgabe, die angefallenen Absurditäten des Stadtgeschehens zu Papier zu bringen, hält ihn nicht selten bis tief in die Nacht wach. Ehe der Schauspieler heute Abend erstmals die bissig-humorigen Pointen beim diesjährigen Derblecken setzt, ist viel handwerkliche Arbeit nötig.
Ob sich so etwas wie Routine einstellt, wenn man wie Siebenhaar nun schon zum dritten Mal in Folge das Wirken der Granden der Stadt kritisch unter die Lupe nimmt und dabei die ein oder andere verbale Spitze setzt? Mitnichten, lässt Siebenhaar durchblicken. Wobei das wohl auch an dem geordneten Chaos liegen dürfte, dem seine bunte Stoffsammlung gleicht.
Mal schnell einen Satz, eine Idee oder eine witzige Zeile ins Handy getippt – mit der Zahl von 365 Tagen multipliziert, mag man den Wust erahnen, aus dem der Schauspieler dann in mühevoller Kleinarbeit seine Texte filtriert. Auf satte 35 DIN-A4-Seiten hat sich die Stoffsammlung in diesem Jahr summiert. „Das ist kein Spaß“, sagt Siebenhaar und nimmt sich gleichzeitig wie in jedem Jahr vor, etwas mehr Struktur und Vorarbeit in sein Grundkonzept zu bringen.
Das wird, man mag das auch ohne Glaskugel prognostizieren, ein schwieriges Unterfangen werden. Denn Siebenhaar beschränkt sich ja nicht nur auf das Geschehen in Ansbach, vom allgegenwärtigen Landesvater Markus Söder und dem politischen Berlin „gibt es ja täglich Steilvorlagen. Da könntest du den ganzen Abend damit vollmachen“.
Doch auch das ist eine der Aufgaben, die sich Siebenhaar selbst stellt. Sein Programm, das heuer erstmals an drei statt nur an zwei Tagen zur Aufführung gelangt, soll eine ausgewogene Mischung darstellen aus dem Wahnsinn des Weltgeschehens und den nicht wenigen Ansätzen, die sich dem Ur-Ansbacher in seiner Heimatstadt bieten.
„Diese Balance zu finden, das ist die Königsdisziplin“, findet Siebenhaar, der sich selbst in diesen Tagen in einer Art Zwickmühle sieht. „Was da alles auf uns einprasselt, kann ich doch nicht ausblenden“, meint er etwa in Richtung von Politik-Trampeln aus Übersee oder auch halbgarer Wahlversprechen der Unions-Parteien, die nur ein paar Tage nach dem Urnengang schon wieder null und nichtig sind.
Womöglich ist er selbst gespannt, wie ihm diese verbale Gratwanderung zwischen der Kommentierung des Zeitgeschehens und dem Blick für die Befindlichkeiten der Kommunalpolitik gelingt. „Ich kann da nicht nur unbefangen über sinnlose Diskussionen in Ansbach referieren“, führt Siebenhaar aus.
In welcher Rolle er auf die verschiedenen Themen eingeht, lässt er noch offen. Ob er als Kardinal Fehler seine Schäfchen anzählt, im Paradefach des Hausmeisters Schorsch vor sich hinwischend durch die Reihen der Biertische in der Kammer wandelt oder als Thorsten Siebenhaar in dem zur eigenen Überraschung noch immer passenden roten Derblecken-Wams seinen Mitbürgern den Spiegel vorhält: „Die Charaktere werden noch nicht verraten“, sagt Siebenhaar deutlich.
Tatsächlich hat er ja in den Tagen vor der Premiere und den weiteren Vorstellungen am Freitag und Samstag noch viel zu tun – mit seinem Programm und der Art des Vortrags. Denn er weiß ja nie genau, an welchem Tag er einen der Großkopferten vor sich hat. „Es muss funktionieren, ohne dass der Derbleckte vor Ort ist.“
Zur Vorbereitung seiner Paraderolle als Derblecker in verschiedenen Gestalten ist der Schauspieler zweimal für ein paar Tage ins Exil nach Dinkelsbühl gegangen. Etliche Nachtschichten und nicht weniger Leberkässemmeln später steht dann das Programm. Zumeist in groben Zügen, ehe sich Siebenhaar an den Feinschliff macht.
Schon lange gibt es keine Karten mehr – für keine der nun auf drei Aufführungen ausgedehnten Veranstaltungen. „Das hatten wir uns so gewünscht. Es ist wirklich erfreulich, dass es so funktioniert“, sagt Florian Brendel, Geschäftsführer der Kammer Events, der jeden Abend etwa 300 Besucher begrüßen wird.
Für Siebenhaar ist das Fluch und Segen. Er spürt „schon einen gewissen Druck“, sagt der Ansbacher Fastenprediger, „aber es ist doch auch schön, dass sich die Menschen immer noch freuen, wenn sie mich maulen hören.“