Die Feuerwerksdebatte, sie ist neu entfacht. Sollte man den großen Krach zum Jahreswechsel verbieten? Eine Frage, die am Montagmorgen kurz vor 6 Uhr im Schlüsselfelder Gewerbegebiet Ost niemanden interessiert. Hunderte Menschen aus ganz Franken sind gekommen und stehen Schlange, um sich mit Raketen, Vulkanen und Böllern einzudecken.
„Warum kommen die alle immer gleich so früh?“, fragt Heiko Röder. Er ist Geschäftsführer eines Feuerwerkhandels bei Schlüsselfeld. Überrascht sein dürfte er aber nicht, denn das Kalenderblatt zeigt den 29. Dezember: der Starttermin für den Feuerwerksverkauf. Dann erfüllen Black-Friday-ähnliche Zustände das Land. Schon am frühesten Morgen reisen Menschen aus ganz Bayern ins Drei-Franken-Eck.
Unweit von Burghaslach (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) – einmal die A3 überquert – liegt das Schlüsselfelder Gewerbegebiet-Ost. Ein Wohnmobil-Gigant thront über der Landschaft, daneben können Fahranfänger und alle Autofans ihre Boliden auf der ADAC-Teststrecke triezen. Auf halber Höhe steht eine Halle, auf den ersten Blick ist sie völlig unauffällig. Es ist die Heimat von Röder Feuerwerk. Mit dem 29. Dezember brechen dort bis Silvester die stressigsten Tage des Jahres an, wenn der Kassen-Scanner im Sekundentakt Striche ausliest.
Montagmorgen, 5.30 Uhr: Das Thermometer zeigt knackige minus neun Grad. Trotzdem ist die Schlange vor dem Eingangstor schon rund 100 Meter lang. Schließlich öffnen in 30 Minuten die heiligen Hallen. Die ersten Personen, die ganz vorne stehen, warten schon seit 4 Uhr. Wenige Meter weiter hinten trägt ein Mann Badelatschen, T-Shirt und kurze Hose. Verfroren sind sie nicht, diese Feuerwerk-Fans.
Die Straße ist schon gut zugeparkt – aus Pfullendorf, Pfaffenhofen, Haßfurt und sogar aus Österreich sind Kunden angereist, teilweise haben sie sich mitten in der Nacht auf den stundenlangen Weg gemacht, und fiebern nun der Toröffnung entgegen. 5.50 Uhr: „Noch zehn Minuten”, ruft einer der Wartenden motivierend.
Punkt 6 Uhr geht sie los, die heiße Schlacht um den besten Knall. In den Regalen stehen farbenfrohe Verpackungen. Der bunte Hund und die Tentakel, beides Feuerwerksbatterien, stehen heute hoch im Kurs. Daneben finden sich noch andere Namenshöhepunkte: die böse Oma etwa, das Drachenfeuer, der böse Nachbar oder auch schlicht und ergreifend der Exorzist. Offenbar lassen sich mit lauten Knallern auch Teufel austreiben. Die Feuerwerksfans haben an diesem Morgen jedenfalls alle nicht nur einen Schuss, sondern mindestens 25 – im Einkaufswagen, im Karton oder in der Hand: Batterien sind an diesem frühen Morgen der Verkaufsschlager.
„Irgendwie muss man ja das alte Jahr gut abschließen”, sagt ein Mann. Nebenan füllen sich Einkaufswagen randvoll. Die meisten haben sich ein Limit gesetzt, das irgendwo zwischen 200 und 1500 Euro liegt. „Jungs, es reicht jetzt”, ruft eine Frau zu ihren Söhnen. „Auf zur Kasse.” Irgendjemand muss dem bunten Kaufrausch schließlich ein Ende setzen. An der Kasse angekommen, gibt es eigentlich kaum jemanden, der nicht einen dreistelligen Geldbetrag bezahlt. Und einige kündigen an: „Das war jetzt nur unsere erste Station.” Weitere hochexplosive Einkäufe werden also folgen, der Tag ist schließlich noch jung.
Marco Schiemann kommt aus Lörrach an der Schweizer Grenze. Knapp fünf Stunden ist er angereist. „Ich gucke eigentlich nach den Effekten”, sagt er. Supermarkt-Feuerwerk ist deshalb nicht so sein Favorit. Viele bunte Farben, ein gutes Knistern und „dass es laut ist”: Diese drei Anforderungen hat Schiemann an sein liebstes Feuerwerk. An diesem Morgen herrscht bei ihm allerdings leichte Ernüchterung: Die Lieblingsbatterie ist schon ausverkauft. Alternativen aber gibt es genügend.
Andreas Wenz aus Weiden in der Oberpfalz ist hingegen beim Feuerwerkskauf eher der Bummel-Typ. Er streift durch die Hallen, schaut, was ihn so anspricht. Um nicht das Beste zu verpassen, ist er früh aufgestanden, zusammen mit seiner Tochter: „Die ist auch so eine kleine Pyrotechnikerin.” Über 1000 Euro wird er an diesem Montagmorgen ausgeben und später in den Himmel schießen. Andere sind bei ihren Großeinkäufen durchgeplanter und holen ihre Vorbestellungen ab. Der eine oder andere Kracher landet aber natürlich auch noch spontan im Einkaufswagen.
Um 6.30 Uhr wird die Schlange vor der Tür kürzer. Aber auf der Straße fährt weiterhin Auto nach Auto an. Es ist der Nachschub an kauffreudigen Raketenfreunden. „Silvester ist nur einmal im Jahr, also tut man alles dafür”, erklärt ein Kunde seine Motivation. Heiko Röder freuen solche Sprüche – natürlich. Und er hofft auf ein gutes Geschäft.
Und wie sieht es jetzt mit der alljährlichen Verbotsdebatte aus? Röder ist davon wenig überrascht, seine Firma hatte dazu sogar eine Umfrage in Auftrag gegeben – das Ergebnis: „Eine überwältigende Mehrheit von 84 Prozent der Deutschen sieht privates Silvesterfeuerwerk auch weiterhin als Tradition.” Und wer auf zertifiziertes Feuerwerk setzt, sei sehr sicher unterwegs. Feinstaub, Tierangst: Heiko Röder sieht die Fakten da auf seiner Seite. Tier- und Naturschützer sind allerdings traditionell anderer Meinung. Die nächste Verbotsdebatte kommt also bestimmt, spätestens zum Silvester 2026/2027.
7 Uhr: Mittlerweile ist die Straße so zugeparkt, dass zwei Autos nur mit Mühe noch aneinander vorbeikommen. Der 29. Dezember hat seine eigenen Gesetze. Er ist eben der Black Friday der Feuerwerksaktivisten.
Offiziell findet sich der Hauptsitz der Röder Feuerwerk Handelsgesellschaft mbH im Schlüsselfelder Gewerbegebiet Ost. Trotzdem führen auch einige Spuren des Unternehmens in den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Mit geplanten Feuerwerktests im Rimbachgrund hatte das Unternehmen vor nicht allzu langer Zeit für Wirbel gesorgt. Die Pläne waren aber letztlich am Widerstand der Anwohnerinnen und Anwohner gescheitert.
Dafür finden sich einige Meter höher in den ehemaligen Nato-Munitionsbunkern bei Markt Taschendorf schon seit längerer Zeit Lagerhallen für Feuerwerk-Nachschub, die Geschäftsführer Heiko Röder angemietet hat. Röders Unternehmen ist einer der größten deutschen Online-Händler für Privatfeuerwerk.