Die Macher des Uffenheimer Gollachgaumuseums hatten hohen Besuch: Vertreter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen schauten am Schlossplatz vorbei. Zum einen wurde über die Förderung für die Menhir-Ausstellung verhandelt, zum anderen hatte die Delegation eine besondere Person im Schlepptau: Meyrav Levy, Judentum-Wissenschaftlerin aus Israel.
Die 33-Jährige arbeitet an einem Großprojekt für die Landesstelle. „Jüdisches Leben und kulturelles Erbe in bayerischen Museen“ nennt es sich. Levy tingelt von einem jüdischen Museum zum nächsten und hofft auf hochkarätige Exponate und interessante Erkenntnisse.
„Ich versuche, die jüdische Geschichte vor der NS-Zeit zu erzählen.“ Denn die grausame Shoah sei häufig zentraler Punkt der Ausstellungen. „In den Museen wird mehr über den Tod als über das Leben der Juden erklärt. Ich will das jüdische Leben sichtbar machen, erlebbar.“ Ihr Ziel: Sie möchte durch die Besuche und Gespräche verstehen, wie man die jüdische Geschichte vor Ort erzählen kann.
Jüngst stand Uffenheim auf ihrer Liste – mit einem echten Alleinstellungsmerkmal, sagt Meyrav Levy. Ein fränkisches Heimatmuseum mit eigener Judaica-Abteilung, „das könnte sogar bundesweit einmalig sein“. Der Welbhäuser Ruhestandspfarrer Hans Schlumberger, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Synagogen-Gedenkband Bayern „Mehr als Steine“ mitgewirkt hat und ein Judaica-Experte ist, führte die Wissenschaftlerin gemeinsam mit den Museumsvereinsvertretern Ernst Gebert und Norbert Holzmann durch die Räume.
Die originale Tür der ehemaligen Synagoge in Uffenheim begeistert Levy, ebenso ein Buch. „Der vollkommene Pferde-Kenner“ heißt es, Autor ist Wolf Ehrenfried zu Reizenstein; er war Oberamtmann in Uffenheim. Es beschäftigt sich mit der jüdischen Geheim-Sprache auf den Viehmärkten. Im Dezember 2007 hatte sich das jüdische Museum in Berlin ein Exemplar von 1764 gesichert. Gedruckt in Uffenheim, ersteigert bei einer Auktion von Sotheby’s in New York. Für wie viel? Darüber schweigt das Berliner Museum. Günstig dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein.
Uffenheim zeichnet vor allem eines aus. Noch bis ins Jahr 1931 lebten hier Christen und Juden friedlich Tür an Tür. Es gab kein Getto, die jüdischen Häuser verteilten sich über das Stadtgebiet, auch wenn die Bahnhofstraße ein kleiner Schwerpunkt war. „Das Landjudentum um Uffenheim war sehr lebendig“, sagt Meyrav Levy. „Ein sehr friedliches Zusammenleben seit dem 17. Jahrhundert.“ Auch eine der bekanntesten Matzenfabriken, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz Bayern belieferte, findet sich in Uffenheim. Der Ofen steht noch heute in einem Hinterhof in der Schlossstraße.
Die jüdische Gesellschaft sei sehr bildungsfreundlich gewesen. Der angesehenste Jude in Uffenheim war Abraham Strauß, der seine erste Stelle als jüdischer Religionslehrer eben dort antrat. Er fungierte gewissermaßen als Vermittler zwischen Christen und Juden und war auch Mitbegründer des Uffenheimer Heimatmuseums. „Da hatte Antisemitismus erst einmal kaum eine Chance“, sagt Schlumberger. Erst nach Strauß’ Tod 1931 „ging der Hass hoch“, geschürt von der NSDAP, der Hitler-Partei. Der Rest ist als das dunkelste Kapitel in die Deutsche Geschichte eingegangen.
Das Gros der Exponate in der Uffenheimer Judaica-Abteilung stammt aus der Sammlung von Abraham Strauß. Sie ist allerdings in zwei gerissen. Martin Oettinger, ein aus Uffenheim vertriebener Jude, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg zurück und stellte sie sicher, weil in den Wirren der Nachkriegszeit viele „herrenlose“ Kostbarkeiten aus jüdischem Familienbesitz in Deutschland verschwunden waren und man allgemein damit rechnete, dass Juden und jüdische Kultur in Deutschland keine Zukunft hätten. Diese Exponate oder zumindest der größte Teil davon werden in New York verwahrt. Erste Annäherungen mit Hilfe einer deutschen Pfarrerin sind im Gange. Sie könnten möglicherweise dazu führen, die alten Schätze aus dem Gollachgau eines Tages wieder in Uffenheim sichtbar zu machen.
„Vielleicht ist es unsere Rolle, die Sammlung zusammenzubringen“, sagt Meyrav Levy von der Landesstelle der nichtstaatlichen Museen in Bayern. Sie will nun versuchen, zu vermitteln und es dem Gollachgaumuseum eines Tages ermöglichen, tatsächlich die gesamte Strauß-Sammlung zu präsentieren.
Hans Schlumberger und Meyrav Levy schauen sich zudem in Kartons die Stücke an, die in der Ausstellung keinen Platz mehr hatten. Die Israelin stammt aus einer religiösen Familie, kann Hebräisch und hat jüdische Geschichte studiert – in Tel Aviv hat sie ihren Bachelor absolviert, in Heidelberg ihren Master und in Münster ihren Doktorgrad. Seitdem forscht sie vor allem zum Judentum im Mittelalter.
12 Uhr: Während sich die Presse verabschiedet, macht Meyrav Levy Mittagspause. Ihr Tageswerk hat sie da in Uffenheim aber noch lange nicht vollbracht. „Ich werde noch einige Stunden bleiben“, sagt die 33-Jährige. „Ich will mir das ganze Depot anschauen, vielleicht findet sich noch ein Schatz.“ Immer mit dem Hintergedanken, das jüdische Leben erlebbar zu machen.
Für Uffenheim hat sie lobende Worte: Dort gebe es starkes Interesse an der jüdischen Vergangenheit, „das ist in vielen Orten anders“. Aber im Gollachgau, da spürt sie diese Motivation. Meyrav Levys Arbeit ist in diesen Tagen wichtiger denn je. Ihre Hoffnung: mehr Toleranz und mehr Respekt durch Bildung und Kultur, durch Begegnung, auch wenn es „nur“ in einem Museum ist.