Dr. Oliver Gußmann organisiert zum 15. Mal die jüdische Kulturwoche „Le Chajim!” mit, die am 30. Oktober einen Bürgerpreis des Bayerischen Landtags erhält. Zu jüdischen Kultur hat der 61-Jährige eine besondere Beziehung. Er hat ein Jahr in Israel gelebt und spricht auch Hebräisch.
Wie die Verbindung des evangelischen Gäste-, Pilger- und Touristenpfarrers von St. Jakob zur jüdischen Kultur kommt? „Das hat keinen familiären Hintergrund”, erklärt der gebürtige Nürnberger, der in Fürth aufgewachsen ist und seit dem Jahr 2000 mit seiner Familie in Rothenburg lebt. Er erklärt: „Das hat seinen Grund darin, dass ich mich während der ersten Semester meines Studiums der evangelischen Theologie gefragt habe: Wer ist eigentlich Jesus? Wer war er wirklich aus dem Blick eines Historikers? Das hat mich interessiert. Und da stößt man dann unweigerlich auf das Thema Judentum.”
Das Interesse war geweckt. Kurz vor Ende seines Studiums hatte er dann einen sechswöchigen Kurs an einer Universität zwischen Jerusalem und Bethlehem in Israel belegt. „Die haben uns das ganze Land gezeigt. Das war für mich sehr anregend.” Für Deutsche, die Theologie studieren, gab es damals außerdem Möglichkeiten, in Israel ein ganzes Jahr zu verbringen. Die Chance ergriff Gußmann Mitte der 1990er-Jahre. „Das hat mich sehr geprägt. Ich wusste vorher nicht, wo ich theologisch stehe. Seitdem weiß ich es.”
Als er dann seine Arbeit in Rothenburg aufgenommen hat, bemerkte er, dass die jüdische Geschichte in der Stadt „noch gar nicht so bearbeitet worden ist”. Es habe zwar schon Führungen gegeben, aber er dachte sich: „Da lässt sich noch einiger Schatz heben.” Er hat einen Stadtführer geschrieben, den es mittlerweile auch auf Englisch und Hebräisch gibt. Er macht Führungen. Und hat sich in das Thema immer weiter vertieft.
Dann kam irgendwann die Idee, eine „Rothenburger Woche Jüdischer Kultur” zu organisieren. Den Anstoß habe Annika Keller gegeben, damalige Kulturbeauftragte der Stadt. Das Team hinter dem Projekt ist groß, Gußmann ist einer von ihnen.
Dieses Jahr geht die 15. Ausgabe über die Bühne. „Das Ziel ist eigentlich, die Stein-Situation etwas zu beseitigen”, sagt Gußmann. Mit Stein-Situation meint er: „Es gibt keine lebendige jüdische Gemeinde vor Ort, aber es gab mal eine. Die Zeugnisse, die Relikte – die meist eben steinern sind – sind noch da. Und man versucht dies lebendig zu machen, in dem man Führungen anbietet. Und vor allem gestaltet man diese Führungen so, dass von den Dingen der Vergangenheit nicht so gesprochen wird, dass das Judentum Vergangenheit ist. Sondern es ist ja gegenwärtig.”
Die Veranstaltungen der Kulturwoche finden rund um den 22. Oktober statt. Gußmann sagt dazu: „Der 22. Oktober ist der 9. November 1938 von Rothenburg. An diesem Tag wurden damals die Jüdinnen und Juden aus Rothenburg vertrieben.” In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland jüdische Menschen angegriffen und ermordet. Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden gestürmt und zerstört.
Gußmann, der auch Referent für den christlich-jüdischen Dialog beim Verein Begegnung Christen und Juden Bayern ist, sagt über das Programm der Kulturwoche, dass es eine gute Mischung ist – mit für die Stadt sehr aktuellen Bezügen. So führt Gußmann selbst zum Beispiel am Mittwoch, 22. Oktober, über den „Neuen Jüdischen Friedhof”. Dort hatten Anfang des Jahres Unbekannte randaliert und Grabsteine umgestoßen – für Gußmann eine klar antisemitische Tat. Eine Menschenkette soll nach der Führung gebildet werden, die symbolisch den Friedhof schützt, erklärt er (etwa um 17.45 Uhr).
Die jüdische Religionslehrerin Michaela Rychlá erklärt am Dienstag, 21. Oktober, ab 19 Uhr im Mikwenhaus das jüdische Festjahr, Juliane Dehner liest jüdische Märchen vor (Donnerstag, 23. Oktober, 19 Uhr im Mikwenhaus). Zwei Filme werden gezeigt: „Guns & Moses” am Montag, 20. Oktober, ab 19 Uhr im Mikwenhaus und am Donnerstag, 30. Oktober, „Überleben im Versteck”. Beginn ist um 19 Uhr im Campus.
Über die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen am Kapellenplatz spricht am Sonntag, 26. Oktober, Robert Frank im Rahmen seines Vortrags „Die Synagogen in Rothenburg”. Beginn ist um 19 Uhr im Musiksaal. Frank ist langjähriger Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege in der Abteilung Bodendenkmalpflege und stellt die ersten Ergebnisse vor und möchte auch auf die zweite Synagoge am Schrannenplatz (1404-1520) eingehen.
Zwischen Mittwoch, 15. Oktober, und Donnerstag, 30. Oktober, gibt es fast täglich einen Programmpunkt. Bis zum 31. Oktober ist täglich die Ausstellung „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus” in der Franziskanerkirche zu sehen.
Und am 30. Oktober bekommt das Team von „Le Chajim!”, bestehend aus Dr. Oliver Gußmann, Camilla Ebert, Thomas Glück, Hannelore Hochbauer, Franziska Krause, Robert Nehr, Judith Schlumberger-Steger, Lothar Schmidt, Brigitte Wagner und Elke Wedel, die Auszeichnung für den dritten Platz des Bürgerpreises des Bayerischen Landtags für ehrenamtliches Engagement in München verliehen.