„Die Pflege ist ein kommunalpolitisches Schlüsselthema”, sagt Helmut Friedel. Er ist der Ideengeber für das soziale Netzwerk, das im Steigerwald geknüpft wird. Zusammen mit Langenfelds Bürgermeister Reinhard Streng bildet Friedel als Geschäftsführer auch die Doppelspitze der Unternehmergesellschaft „Wir für uns”.
Diese gemeinnützige UG wurde am Mittwochabend nach über anderthalbjähriger Vorarbeit offiziell gegründet. Der Ort dafür war mit Bedacht gewählt. Die Vertreter der beteiligten Kommunen und der Wohlfahrtsverbände trafen sich in der Dorflinde-Scheune. Die seit vielen Jahren in Langenfeld etablierte „Dorflinde” gilt als ideelles Vorbild für „Wir für uns”: ein generationenübergreifendes wechselseitiges Sich-helfen. Das soll nun ins gesamte Gebiet der Kommunalen Allianz „Franken 3” transportiert werden, wie Scheinfelds Bürgermeister Claus Seifert formulierte.
Der regionale Zuschnitt der UG ist mit den neun „Franken 3”-Kommunen beschrieben, also die Städte Scheinfeld und Schlüsselfeld sowie die Gemeinden Burghaslach, Geiselwind, Langenfeld, Markt Bibart, Markt Taschendorf, Oberscheinfeld und Sugenheim. Die inhaltliche Ausrichtung lässt sich ein Stückweit aus den beteiligten Wohlfahrtsverbänden ablesen: der Arbeiter-Samariter-Bund, die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, die Diakonie und die Lebenshilfe. Insgesamt hat die UG also 14 Gesellschafter.
Das Rote Kreuz kann aus rechtlichen Gründen nicht formal mit im Boot sein, will aber mit dem Netzwerk kooperieren, hieß es bei der Veranstaltung. Rechnet man das BRK mit ein, so sind alle im hiesigen Landkreis tätigen Wohlfahrtsverbände Partner von „Wir für uns”, zeigten die Gründer sich stolz.
Es geht also nicht ausschließlich um Pflege. Als satzungsgemäße Ziele will die UG das öffentliche Gesundheitswesen unterstützen, Hilfen im Alter leisten, das Wohlfahrtswesen fördern und das bürgerschaftliche Engagement stärken. Susanne Kleider, designierte neue Franken-3-Allianzmanagerin und in der Vorbereitungszeit eine der Motoren des Netzwerks, fasste zusammen: „Letztlich geht es immer um die Menschen, die in den Orten wohnen”, und denen Unterstützungsoptionen eröffnet werden sollen, damit sie möglichst lange in ihrem Zuhause bleiben können.
Als Startkapital bringt jede der neun Kommunen 1000 Euro ein. Die fünf Wohlfahrtsverbände stellen zusammen 10.000 Euro zur Verfügung. Der kommunale Anteil bleibt somit unter 50 Prozent; das mache man bewusst, um nicht unter das für Kommunen geltende Vergaberecht zu fallen, erläuterte Streng. Zudem werden noch stille Teilhaber mit ins Boot genommen, die Unternehmensform ist also eine „UG & Still” und soll für jedermann offen sein.
Landrat Dr. Christian von Dobschütz stufte das Aufgabenfeld des Netzwerks als „ungemein drängendes” Thema ein. Auch der Landkreis werde einer der dieser stillen Teilhaber werden, kündigte von Dobschütz in seinem Grußwort an. Zu einer Region, in der man gut und gerne lebt, gehöre selbstverständlich auch das Thema Gesundheit, erklärte der Landrat. An die Netzwerkverantwortlichen appellierte er, nicht nur die aktuellen Rahmenbedingungen im Blick zu haben, sondern auch künftige.
Dass dies bereits der Fall ist, wurde aus mehreren Redebeiträgen deutlich. Streng und Friedel gingen auf den demografischen Wandel ein, der vor allem auf dem Land einen steigenden Altersdurchschnitt bringen werde. Gründe dafür sind neben der höheren Lebenserwartung auch der Abfluss der Kinder- und Enkelgeneration in die Städte. Friedel sprach deshalb von der Notwendigkeit von „Enkelersatzkräften”, die den Älteren etwa Tipps zum Umgang mit neuen Technologien geben.
Bürgermeister Seifert legte seinen Fokus auf das Thema Einsamkeit, die zunehmend zur Volkskrankheit zu werden drohe. Die menschliche Nähe, die es im Dorfklischee noch gibt, sah Seifert offenbar am Schwinden, wie aus seinen Worten hervorging. Man müsse sich jetzt kümmern, um nicht in wenigen Jahren vor einem übergroßen Problemberg zu stehen.
Friedel sprach von einer „sorgenden Gemeinschaft”. Die Kosten im sozialen Bereich liefen aus dem Ruder, deshalb müsse man sich gemeinsam um diese Themen kümmern und die Möglichkeiten, die die Kommunen und die die Sozialträger haben zusammenbringen. Zudem sei Pflege auch immer eine Vertrauenssache. Den Pflegekräften müsse man statt starrer Zeitvorgaben besser Spielräume geben, um sich auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftien einlassen zu können.
Seifert wurde zum Vorsitzenden des Aufsichtrats gewählt, der künftig mindestens aus drei Personen bestehen soll. Das sei eine Aufgabe, die sehr gut unter den Bürgermeistern der neun Kommunen rotieren könne, fand Scheinfelds Stadtoberhaupt.
Für den Anfang ergebe es Sinn, dass diejenigen, die die Vorarbeit geleistet haben, zunächst auch die Leitungsaufgaben übernehmen, erklärte Streng. Als Startphase ging man vorerst von einem Jahr aus, in dem Streng im verwalterischen Bereich und Friedel im Projektbereich die Geschäftsführung innehaben.
Am kommenden Dienstag, 9. Dezember, ist eine Auftaktveranstaltung in Scheinfeld geplant. In der Wolfgang-Graf-Halle wird das Netzwerk ab 19.30 Uhr den Bürgerinnen und Bürgern vorgestellt. Dabei wird es auch um die Beteiligungsmöglichkeiten gehen, die jede und jeder Einzelne beziehungsweise auch Firmen haben. Anfang kommenden Jahres soll dann eine Versammlung der stillen Teilhaber der Gesellschaft stattfinden. Dabei sollen (mindestens) zwei weitere Aufsichtsräte gewählt werden.