„Ich war so winzig und er war so mächtig“, erinnert sich ein ehemaliger Schüler des katholischen Studienseminars St. Michael in Traunstein. „Dieses Erlebnis hat die katholische Welt, die meine Heimat sein sollte, zerstört“, sagt Ex-Seminarist Johannes Koch.
Eine Studie hat Gewaltvorfälle im katholischen Studienseminar St. Michael in Traunstein ans Tageslicht gebracht. Es geht um Missbrauch, Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse - und den Zwang, das eigene Erbrochene zu essen. Das alles an dem Ort, an dem einst auch Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., Seminarist war.
Die Studie bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1960 und 1990. In diesen Jahren kam es nach Angaben der Projektleiterin und Autorin Judith Dubiski vom federführenden Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt/Main zu verschiedenen Formen von Gewalt gegen minderjährige Schüler.
Am häufigsten wurde den Angaben zufolge von psychischer und körperlicher Gewalt berichtet, die nicht in Einklang mit dem christlichen Anspruch der Einrichtung stand: „Die Hand, die schlägt ist die Hand, die in der Messe den Segen spendet“, fasst Dubiski das zusammen.
Die Wissenschaftler sehen eine „mangelnde Vorbereitung und Begleitung des Personals“ und Überforderung, die oft Ursache der Gewalt gewesen sei. Außerdem gebe es Hinweise auf geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch - und auch auf einige Fälle von sexuellem Missbrauch von Erwachsenen an Minderjährigen sowie sexualisierter Gewalt zwischen gleichaltrigen Seminaristen.
Es sei allerdings kein Fall bekanntgeworden, „wo ein Seminarist über einen längeren Zeitraum sexuellen Missbrauch erleben musste“, sagte Dubiski.
„Anders als bei psychischer und körperlicher Gewalt wurde sexualisierte Gewalt jedoch nicht als Sanktion eingesetzt, sondern war als „Zuwendung” getarnt“, heißt es von den Autoren der Studie, die von betroffenen ehemaligen Seminaristen initiiert und vom Erzbistum München und Freising finanziert wurde. Auch die aktuelle Schulleitung unterstützt die Aufarbeitung ausdrücklich.
„Mit der Studie machen wir das Leid sichtbar, wir erkennen es an“, sagte Seminarleiter Wolfgang Dinglreiter. Er betonte auch: „Aktuell ist das Studienseminar ein völlig anderes Internat.“
Das 1929 gegründete Internat in Oberbayern hat seinen Ruf als katholische Kaderschmiede vor allem deshalb, weil auch Joseph Ratzinger, der spätere deutsche Papst Benedikt XVI., dort einst Seminarist war. In den 1930er und 1940er Jahren - also vor dem in der Studie untersuchten Zeitraum - lebte er während des Besuches des Gymnasiums dort und blieb dem Haus auch später sehr verbunden.
2020 machte der heutige Studieninitiator Koch in einem Interview Missbrauchsvorwürfe öffentlich. Bei der Vorstellung der Studie sprach er darüber, wie ein Franziskanermönch, den er über das Studienseminar kennengelernt hatte, ihn missbrauchte. „Er war freundlich und zugewandt“, sagte Koch. „Sexualisierte Gewalt ist diskret und kann sich gerade in einem Umfeld, in dem Sexualität tabuisiert wird, gut verbergen.“
Nachdem Koch seine Erlebnisse öffentlich gemacht hatte, meldeten sich weitere mutmaßliche Betroffene. 18 Monate lang forschten die Wissenschaftler, sichteten Akten und führten Interviews mit Betroffenen. Hinweise auf systematischen und strukturellen Missbrauch, wie er sich in ähnlichen Studien gezeigt habe, sehen die Wissenschaftler im Fall von St. Michael nicht.
Der Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Christoph Klingan, zeigte sich betroffen von den Ergebnissen der Studie. „Mich hat die Lektüre sehr bewegt“, sagte er. Im Studienseminar habe es „viel Licht, doch eben auch viel Schatten“ gegeben. Er wolle „um Entschuldigung bitten für das, was Sie, die heute Anwesenden, aber auch andere, hier durch kirchliche Mitarbeiter erlitten haben“.
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