Christian Etl ist an sich kein sonderlich geduldiger Mensch. Auch jetzt geht es dem künftigen Direktor des Hotels im Kaspar-Hauser-Zentrum nicht schnell genug mit dem Umbau des historischen Gebäudekomplexes. Wieder mal ist ein geplanter Eröffnungstermin geplatzt.
Etls Vorgänger, Projektleiter Stefan Weber, der die Führung im vergangenen Jahr an den künftigen Hotelchef übergab, hatte ursprünglich avisiert, „das Weihnachtsgeschäft mitnehmen“ zu wollen – das bezog sich allerdings auf den Jahreswechsel 2023/2024. Fünf Monate später ist allenfalls vage absehbar, wann tatsächlich die ersten Gäste die neugestalteten Räume des Gebäudes beziehen können, in dem Kaspar Hauser von 1831 bis zu seinem geheimnisumwitterten Ableben zwei Jahre später daheim war.
„Nach 17 Jahren Leerstand kommt es auf ein halbes Jahr hin oder her auch nicht mehr an“, meint Etl inzwischen augenzwinkernd, „aber das habe ich im vergangenen Dezember auch schon gesagt.“ Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass bei der Sanierung eines rund 300 Jahre alten Gebäudes immer neue Herausforderungen auftauchen. Das war und ist auch der Fall bei Kaspars Haus, so lautet der offizielle Titel. Etliche Änderungen hat es hinsichtlich der Nutzung der 1200 Quadratmeter gegeben, die neben einem Hotel auch ein Seminarzentrum sowie ein Restaurant nebst Kaspars Bistro beherbergen werden. Der Erinnerungsraum im ehemals von Europas berühmtesten Findelkind bewohnten Zimmer findet sich im zweiten Stock.
Eine Pilgerstätte für die Anhänger der Erbprinzen-Theorie, wonach Hauser – kurz gesagt – als unliebsamer Spross des Adelshauses Baden 1833 ermordet worden sein soll, ist nicht vorgesehen. „Das wird sicher kein Museum“, sagt Etl, auch wenn immer wieder Touristen an seinem Büro anklopfen, um mehr über die spannende Kriminalgeschichte zu erfahren. „Wenn ich die über die Baustelle führe, sind sie oft sehr gerührt. Das sind schöne Erlebnisse.“
Dabei soll die nur wenige Quadratmeter große Kammer mit dem von Hauser geschätzten Blick zur gegenüberliegenden Mädchenschule eine Art Begegnungsstätte werden. „Man soll Kaspar Hauser spüren können. Wir wollen ihn in die Gegenwart bringen“, erklärt Etl. Mehr will er noch nicht verraten.
Immerhin ist noch viel zu tun. Erst kürzlich sind die lang ersehnten Fenster auch im Erdgeschoss eingebaut worden. Die weißen Sprossenfenster sind alle nach historischem Vorbild gefertigt, bodentief lassen sie viel Licht hinein. Dort, wo im besten Fall in ein paar Monaten Hotelgäste an der Rezeption empfangen und im Restaurantbereich der geneigte Gaumen von Speisen in Bio-Qualität verwöhnt werden soll.
Man soll Kaspar Hauser spüren können.
Im Obergeschoss des vierstöckigen Ensembles, das aus den Gebäuden mit der offiziellen Anschrift Pfarrstraße 16, 18 und 20 besteht, wurden im runderneuerten Dachbereich zahlreiche Gauben eingezogen. Ein Umstand, der den von restaurierten historischen Balken atmosphärisch getragenen Familienzimmern des Hotels viel Licht beschert – und ein charmantes Tête-à-Tête von Vergangenheit und Moderne. „Das ist ein tolles Projekt“, sagt Hoteldirektor Etl, der gebürtige Österreicher, der mehr als zehn Jahre lang das Integrationshotel Masatsch in Südtirol leitete.
Seine inklusive Expertise ist nun auch in Ansbach gefragt, zwölf Menschen mit Beeinträchtigung werden in Kaspars Haus beschäftigt werden. Diese Arbeitsplätze hat Etl dank der guten Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe und dem Integrations-Fachdienst bereits vergeben können. Auch die künftige Rezeptions-Leiterin des Hotels, die nach Karrierestationen in Tirol und Berlin in ihre Ansbacher Heimat zurückkehrt, hat die Arbeit im Hintergrund inzwischen aufgenommen.
„Wir haben die Wartezeit gut nutzen können“, sieht Etl in der langen Umbauphase einen Vorteil. Der für das kulinarische Grundkonzept verantwortliche Bio-Spitzenkoch Konrad Geiger hat das Personal geschult und Ideen wurden entwickelt. Etwa der nette Gedanke, dass die benötigten Pflanzen für die Kräuterküche künftig ganz oben im Hotel unter Ansbachs Sonne gezogen werden.
Gerade schaut Christian Etl in Richtung der aufziehenden Wolken. Das Dach soll dieser Tage fertig gedeckt werden. Noch wichtiger sind im Ablaufplan hin zum derzeit favorisierten Eröffnungstermin im Januar 2025 aber die Elektriker, sagt Etl. Erst wenn von ihnen Trassen und Leitungen verlegt sind, geht es über das Verputzen der Wände an die Feinarbeiten. „Ich mache mir noch keine Sorgen“, versichert Etl, der ungeduldige Hotelchef.