Er ist eine wichtige Stimme, wenn es um Themen politischer Analyse und historischer Einordnung geht: Herfried Münkler. Am Samstag war der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt Universität bei der LesArt zu Gast.
Im Gepäck hatte Münkler sein jüngstes Buch „Macht im Umbruch“, das die Reihe seiner längst zu Standardwerken gewordenen Bücher „Die neuen Deutschen“, „Der große Krieg“ oder „Welt im Aufruhr“ fortsetzt. Doch weil dieses Werk zum auszugsweisen Vortragen zu komplex ist, wählte Münkler die Form der akademischen Vorlesung. Durch die Veranstaltung in der Staatlichen Bibliothek führte deren Leiter Christian Mantsch.
Münkler, der nicht nur Bücher schreibt, sondern auch Politiker berät, in Zeitungsinterviews ebenso präsent wie im Fernsehen ist, legt den Schwerpunkt seines Vortrags auf die Veränderung der Machtverhältnisse in der Welt, die Rolle Europas und Deutschlands im Besonderen. Ausgang dieser dezidierten Analyse ist der Ukraine-Krieg, der sich anbahnende Entwicklungen drastisch verschärft hat.
Es ist höchst aufschlussreich, den kristallklaren, fundierten, strukturierten Ausführungen Münklers zu lauschen, die sich doch sehr vom allgemeinen Talk-Show-Geplapper abheben. Seine akademische Herangehensweise beleuchtet nicht nur den Ist-Zustand, sondern schließt historische Hintergründe, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen, mit ein. Vor allem sind ihm da die geostrategischen Betrachtungen wichtig, weil Münkler der Meinung ist, dass diese dazu beitrügen, die Gegenwart besser zu verstehen. Geschichte wiederhole sich zwar nicht, aber es gebe durchaus Ähnlichkeiten in manchen Abläufen.
Zwei geopolitische Machtkonzepte stellt Münkler nebeneinander. Die maritime Theorie von Alfred Mahan (1890), die besagt „wer die Meere beherrscht, beherrscht die Welt“, wie das Beispiel des Britischen Empires zeigt. Daneben Halford Mackinders Heartland-Theorie (1904), die im Bau der großen Eisenbahnlinien den entscheidenden Faktor sieht. Wahrscheinlich treffe beides zu, so Münkler. Bereits unter Obama sei eine Verschiebung der geopolitischen Interessen zum pazifischen Raum erfolgt. Trump schließlich habe das Interesse an Europa gänzlich verloren.
Auf der anderen Seite stehe da der aggressive Versuch Putins, die Grenzen seines Landes nach Westen hin auszuweiten – von „Lissabon bis Wladiwostock“ laute sein angeblicher Schlachtruf.
Europa befinde sich in einer Sandwich-Position, Gefahr laufend, zwischen den Mächten zerrieben zu werden. Zu lange sei der alte Kontinent „bräsig“ gewesen und müsse Eigenständigkeit erst wieder lernen. Dafür brauche es die Führungskraft einiger starker Länder, eine Entente der Willigen, um die Lähmung der EU durch das Einstimmigkeitsgebot auszuhebeln. Dies könnten Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und auch Großbritannien sein – obwohl letzteres nicht zur EU gehöre. Deutschland als größte Volkswirtschaft könne dabei eine führende Rolle einnehmen. „Ob wir allerdings dafür das geeignete politische Personal haben, sei dahingestellt“, so Münkler.
Bei allen Zweifeln sei er jedoch kein Pessimist. Die unklare weltpolitische Lage mache er sich durch tägliches Schreiben durchschaubarer. Um sie dann als erhellende, sachliche, wenn auch nicht immer beruhigende Analyse an seine Zuhörenden weiterzugeben.