Hans Maurer blickt in Ansbach auf fast 91 Jahre Zeitgeschichte zurück | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 17.11.2024 15:47

Hans Maurer blickt in Ansbach auf fast 91 Jahre Zeitgeschichte zurück

Der 91-jährige Hans Maurer aus Moosbach kann sich noch an viele Details aus seiner Kindheit und Jugend erinnern. (Foto: Luca Paul)
Der 91-jährige Hans Maurer aus Moosbach kann sich noch an viele Details aus seiner Kindheit und Jugend erinnern. (Foto: Luca Paul)
Der 91-jährige Hans Maurer aus Moosbach kann sich noch an viele Details aus seiner Kindheit und Jugend erinnern. (Foto: Luca Paul)

Adolf Hitler hat „innerhalb kürzester Zeit erreicht, was kein Mensch erwartet hat“, sagte der inzwischen 91-jährige Hans Maurer, Staatsminister a. D., bei einer Veranstaltung des Verbands für landwirtschaftliche Fachbildung (VlF). Er tauchte dabei tief in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein.

„Am 1. September 1939 hat der Krieg gegen Polen begonnen. Ich kann mich gut erinnern.“ Damals stand neben dem Wohnhaus der Familie Maurer in Moosbach (Gemeindeteil der Stadt Windsbach im Landkreis Ansbach) ein Milchhäuschen. Es diente auch als Treff für die Dorfbewohner. Am besagten Septembertag sei Johann Geiselsöder, damaliger Bürgermeister und Gastwirt, zum Milchhäuschen geeilt. „Heute hat der Krieg angefangen“, habe er gesagt.

Von einer der ersten Amtshandlungen Hitlers hat Hans Maurer noch einen Nachweis zu Hause liegen: eine „Ahnentafel“. Hitler hatte von der deutschen Bevölkerung verlangt, nachzuweisen, dass sie keine jüdischen Vorfahren in der Familie haben, erzählte der 91-Jährige. Ansonsten hätten Bauern ihr Anwesen nicht übergeben können, führte er aus. Der aufgeschriebene Stammbaum der Familie Maurer reicht bis 1772 zurück.

Seine Wende hat der Zweite Weltkrieg in Stalingrad genommen, so Maurer. „Aus Moosbach, wo ich her bin, waren zwei Bauern Soldaten gewesen“, erzählte er. Adam Grillenberger und Matthias Maurer – ein Verwandter des ehemaligen Staatsministers – seien in Stalingrad Teil der „berühmten sechsten Armee“ gewesen. „Als Stalingrad verloren war, und die sechste Armee besiegt“, wurden zusätzliche Männer einberufen, sagte Maurer. Auch sein Vater.

Der Vater ist abgehauen

8. Mai 1945: Ende des Zweiten Weltkriegs. Hans Maurers Vater sei zu diesem Zeitpunkt in Tetschen-Bodenbach in Tschechien gewesen. Viele Soldaten hätten damals gedacht, dass sie heimgefahren würden. „Mein Vater hat das nicht geglaubt. Er ist mit anderen abgehauen“, sagte der 91-Jährige. Noch in der Nacht auf den 9. Mai seien sie losgelaufen. Ein paar Wochen später kamen sie in ihrer Heimat an. „Er hat Glück gehabt“, so Maurer. Soldaten, die vor Ort geblieben sind, kamen in russische Gefangenschaft, sind entweder gar nicht mehr heimgekommen oder erst Jahre später.

Das könnte Sie auch interessieren
Eingeschlafen aus Übermüdung: 89-Jähriger landet bei Bechhofen im StraßengrabenHalbzeit zum Frühlingsfest in Ansbach: Das Bierzelt wird zum TanzsalonLandesbund startet Vogelbeobachtungsprojekt in Feuchtwanger PflegeeinrichtungAnsbacher Zeitzeugin: Eva Rödel erzählt von ihrer Vertreibung 1947 aus SchlesienHeilsbronn: „Babyboomer-Marktsonntag“ erhält bayerischen InnovationspreisVermeintlich verschwundene Bänke im Dinkelsbühler Stadtpark: Stadt klärt aufEmskirchens wandelndes Archiv: Vom leidenschaftlichen Sammler Helmuth RöschleinDer erste Scheinfelder Stadtführer Rudolf Ilg lässt nun andere erzählenDie Post erklärt Senioren in Neustadt den Umgang mit den PoststationenFördermittel fließen: Gollhofen will die Alte Ziegelei mit neuem Leben füllenWas der Seniorenbeirat Rothenburg so vorhatSo gut ist Neuendettelsau für den demografischen Wandel gerüstetGegen Einsamkeit: Die Stiftung Lebendige Stadt würdigt Ansbacher SeniorenbeiratFLZ-Auszeichnung: Friedrich Rohm ist Ehrenamtlicher des Monats FebruarGedenkstunde in Ansbach: Erinnerung an verheerende Bombenangriffe vor 81 Jahren

„Dann begannen die Nachkriegszeiten.“ Es folgten Entnazifizierungsverfahren, die Währungsreform – von Reichsmark auf D-Mark –, das Wirtschaftswunder und letztlich die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949. „Der Geburtstag unseres heutigen Staates“, wie Maurer betonte – auch wenn damals der östliche Teil Deutschlands noch nicht dabei war.

Am 15. September 1949 stand der Deutsche Bundestag – bestehend aus 402 Abgeordneten – erstmals vor der Frage „Wer wird Bundeskanzler?“, erzählte Maurer. Knapp wurde Konrad Adenauer gewählt. Hans Maurer nahm die Zuhörerenden mit auf den Weg von Adenauer zu Erhard über Brandt bis hin zu Merkel. Der 91-Jährige hat alle politischen Wechsel an der Spitze Deutschlands miterlebt.

Wiedervereinigung war nicht absehbar

16 Jahre war Helmut Kohl Bundeskanzler. „In diese Phase fällt auch die deutsche Wiedervereinigung. Das hat man am Anfang nicht absehen können“, so Maurer. „Der Ostblock ist zerfallen.“ Viele Bürgerinnen und Bürger seien dagegen gewesen, erinnert er sich, doch die Wiedervereinigung sei „gut so“ gewesen, befand er.

An ein weiteres bedeutendes Ereignis kann sich der 91-Jährige noch bis ins Detail erinnern: die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Deutschland siegte mit 3:2 gegen Ungarn – das „Wunder von Bern“ war geschehen.

„Da sind wir Moosbacher Burschen auf Nürnberg geradelt und haben dem Morlock (Anm. d. Red.: Max Morlock vom 1. FC Nürnberg) zugeschaut. Das war etwas Besonders.“

Zur Person

Hans Maurer war 28 Jahre lang für die CSU im Landtag tätig und ist ehemaliges Mitglied der Staatsregierung. Er war erst mehrere Jahre Staatssekretär und stieg dann zum Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bayern auf. Hans Maurer wurde 1933 in Neuendettelsau geboren und wuchs in Moosbach auf einem Bauernhof auf. Er ist Ehrenbürger der Stadt Ansbach und der Gemeinde Adelshofen.


Luca Paul
Luca Paul
Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach
north