Dr. Karl-Heinz Fröba ist vergangenes Jahr gestorben. Seine Villa hat der Arzt aus Rothenburg der Lebenshilfe vermacht. In das Gebäude sollen bereits im Sommer dieses Jahres Menschen mit Behinderung einziehen – gemeinsam mit Oliver, dem Sohn des Verstorbenen.
„Was wird aus Oliver, wenn wir mal nicht mehr sind?” Diese Frage trieb die Eltern sowie Onkel Peter und Tante Ingrid Schmitt vor zehn Jahren um. Oliver, der heute 53 Jahre alt ist, hat von klein auf eine geistige Behinderung und Spastiken in den Händen, erklärt Peter Schmitt. Behütet gelebt hat der „Junge” bis zum vergangenen Jahr in seinem Elternhaus in Rothenburg.
Dass diese liebevolle Umsorgung irgendwann ein Ende haben wird, dessen war sich die Familie bewusst. „Wir haben überlegt, ob ein Familienmitglied dauerhaft mit im Haus leben und sich um Oliver kümmern kann”, sagt Peter Schmitt. Egal welche Betreuungsszenarien die Familie durchspielte, am Ende kam immer wieder heraus: „Jede Person, die wir auswählen, wird älter werden und kann am Ende die Aufgabe, einen behinderten Menschen zu versorgen, nicht mehr übernehmen”, erklärt der 84-Jährige.
Da das Problem familienintern nicht zu lösen war, entwickelte Oliver Fröbas Familie eine ungewöhnliche Idee: das Vorhaben mit Hilfe einer Organisation umsetzen. Um diese zum Mitmachen zu überzeugen, hatten sie großzügige Geschenke: eine Villa mit 300 Quadratmetern und ein Mehrfamilienhaus mit 140 Quadratmetern. Die Gebäude mitsamt Grundstück sollten einer Einrichtung, die auf die Betreuung behinderter Menschen spezialisiert ist, vermacht werden. Unter einer Bedingung: Oliver Fröba darf sein Leben lang in der elterlichen Villa in Rothenburg bleiben.
Mit dieser Idee sind Peter Schmitt und sein Schwager Dr. Karl-Heinz Fröba vor dreieinhalb Jahren bei der Lebenshilfe Ansbach, die Menschen mit Behinderung im gesamten Landkreis Ansbach unterstützt, vorstellig geworden. „Eine außergewöhnliche Idee, die uns durchaus fordert”, sagt Michael Breuker, der Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Ansbach. Zumal der Übergabeprozess schneller kam, als von allen Beteiligten geplant: Olivers Mutter war bereits tot, im vergangenen Sommer starb auch Dr. Karl-Heinz Fröba im Alter von 88 Jahren. Seitdem wohnt Oliver im Wechsel bei Tante und Onkel, die in der Nähe von München leben, sowie in einem Wohnheim von Diakoneo in der Region.
Nach dem Tod von Dr. Fröba hat sich die Lebenshilfe sehr genau überlegt, ob sie sein „Erbe” antreten möchte. In Sachen Wohngemeinschaft mit Elterneinmischung hat die Einrichtung nicht nur gute Erfahrungen. Bei einem vergleichbaren Projekt in Ansbach hatten sich die Eltern intensiv eingebracht, waren auch in die Auswahl der Bewohnenden und in Abläufe innerhalb der WG involviert. „Das hat nicht funktioniert, wir mussten das Projekt abbrechen”, so Breuker. Trotz dieser negativen Erfahrungen hat sich die Lebenshilfe entschlossen, das Erbe der Fröbas anzutreten. „Wir wollen für diese Idee offen sein”, meint der Vorstandsvorsitzende.
Ab Mitte Februar beginnen die Umbauarbeiten. Doch: „Wir machen das nicht nur für Oliver. Wir übernehmen die Gebäude nur, wenn hier weitere Menschen mit Unterstützungsbedarf leben dürfen”, erklärt Michael Breuker. Dafür soll das ehemalige Wohnhaus der Fröbas umgestaltet werden.
395.000 Euro plant die Lebenshilfe in die Maßnahme zu investieren. Wände werden aufgerissen und neu gezogen, der Sanitärbereich wird erweitert. Am Ende sollen sechs neue Appartements, darunter ein Appartement für zwei Personen, und ein Gemeinschaftsbereich entstehen. Oliver hat sich seinen Platz bereits ausgesucht: Er möchte dort einziehen, wo sich früher das Arbeitszimmer seines Vaters befand. Mit ihm soll in der Villa künftig eine Wohngemeinschaft aus sieben Menschen entstehen.
Im Mehrfamilienhaus nebenan sind die Wohnungen teilweise vermietet, andere sollen an vorerst vier Menschen mit Behinderung vergeben werden. Die Lebenshilfe möchte hier Wohnen mit „inklusivem Charakter” etablieren.
Die Erfahrungen aus dem gescheiterten Projekt in Ansbach nimmt die Lebenshilfe mit und geht das Konzept in Rothenburg anders an, erklärt Michael Breuker. Olivers Onkel und Tante werden beim Projekt nicht mitbestimmen: sie wählen weder aus, wer einzieht, noch wie der Garten gestaltet, oder wann und wie im Haus geputzt wird. Die Lebenshilfe möchte in den beiden Gebäuden eine ambulant begleitete Wohnform aufziehen, bei der die Bewohnerinnen und Bewohner möglichst selbstständig leben.
„Es ist kein Pflegeheim und wir haben auch keinen Schlüssel”, stellt Uwe Salvasohn, der bei der Lebenshilfe das ambulant begleitete Wohnen leitet, klar. Die Menschen, die in die ehemaligen Gebäude der Fröbas einziehen, werden von der Lebenshilfe ambulant betreut. Das heißt, zu bestimmten Zeiten kommt qualifiziertes Personal ins Haus und unterstützt bei Alltagstätigkeiten wie dem Beantworten der Post, Wahrnehmen von Arztterminen oder beim Einkaufen.
Den Antrag auf ambulante Hilfe müssen die Betroffenen beim Bezirk Mittelfranken stellen, je nach Bedarf wird dann Unterstützung von einer Stunde bis 15 Stunden pro Woche gewährt. Für die unterschiedlichen Bewohnerinnen und Bewohner werden jeweils andere Fachkräfte zuständig sein, es wird vorkommen, dass drei bis vier von ihnen gleichzeitig im Haus sind, sieht Breuker voraus. Zusätzlich sucht die Lebenshilfe nach Ehrenamtlichen, die bei Freizeitaktivitäten und Alltagstätigkeiten mitwirken.
„Unser Ziel ist ein selbstständiges und langfristiges Wohnen, bei dem wir die Menschen bestmöglich fördern und fordern”, stellt der Lebenshilfe-Vorsitzende Breuker dar. Die Räumlichkeiten werden barrierefrei sein, sind also für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geeignet, auch Bewohnende mit leichter geistiger Behinderung sind willkommen. „Wer hier leben möchte, muss ein gewisses Maß an Selbstständigkeit besitzen und in der Lage sein, sich selbst Hilfe zu holen, also zum Beispiel telefonieren können”, sagt Uwe Salvasohn.
„Ich freue mich, wenn hier Neue einziehen”, sagt Oliver Fröba selbst zum Wohnprojekt. Wie bei einer Wohngemeinschaft üblich, wird er ein Mitspracherecht bei der Auswahl seiner künftigen Mitbewohnerinnen und -bewohner haben. Die Hauptverantwortung bei der Gruppenzusammenstellung trägt die Lebenshilfe. Es soll Probewohnen geben und eine sorgfältige Auswahl getroffen werden.
Doch all das ist kein Garant dafür, dass die besondere Idee in Rothenburg zum Erfolg wird. „Wenn etwas nicht klappt, können wir die WG auflösen. Dass wir scheitern können, gehört zur Wahrheit dazu”, sagt Breuker. Oliver Fröbas Onkel Peter Schmitt blickt optimistisch auf die kommenden Monate: „Ich bin überzeugt, dass das Projekt gut gehen wird.”
Interessenten für das Wohnprojekt können sich bei der Lebenshilfe Ansbach an Uwe Salvasohn unter der Mailadresse abw@lebenshilfe-ansbach.de oder per Telefon 0981/97777 417 wenden.