Joggen geht gar nicht. Selbst Spazierengehen ist eher schwierig. Georg Wegers Knie machen das nicht mit. Aber der 69-jährige Wachsenberger, der ohne Sport nicht leben kann, hat sich arrangiert mit seinen verschlissenen Gelenken. Er läuft auf Rollen oder, wenn mal Schnee da ist, auf Skiern, vor Kurzem gleich 43 Kilometer am Stück.
Bewegung ist sein Ding. „Sport habe ich schon immer gemacht“, so Weger, der aus Buch am Wald stammt und als Bub mit dem Fußballspielen begann. Für ihn war das mehr als nur Freizeitbeschäftigung. „Ich habe oft für mich selber noch Trainingseinheiten draufgelegt“, erzählt er. Weger durchlief als Kicker die Jugend-Teams, landete in der Ersten und blieb dem Heimatverein als aktiver Fußballer auch treu, als er heiratete und nach Wachsenberg zog. In seinen Dreißigern wechselte er zu den Alten Herren und ging für das Team auf Torejagd, bis er 47 Jahre alt war.
Damals ging es los mit den Knieproblemen, die aber nicht nur vom Sport herrührten, sondern laut Weger vor allem vom Beruf. Als Rohrleitungsbauer hatte er jahrzehntelang in gelenkbelastenden Körperhaltungen gearbeitet. Weil es für ihn nicht infrage kam, ganz mit Sport aufzuhören, verlegte er sich auf das Laufen. Weger trainierte regelmäßig, nahm erfolgreich an Wettbewerben teil und absolvierte Halbmarathons.
Ein paar Jahre machten die Gelenke das noch mit. Dann wurden die Schmerzen zu stark. Ein Arzt habe damals zu ihm gesagt, er solle lieber Schach spielen, denn die Knie seien kaputt, erzählt Weger. Den Gedanken an künstliche Gelenke verdrängte er mit Anfang Fünfzig. Es war eine schwierige Zeit. Weger konnte auch seinen Beruf nicht mehr ausüben und beantragte notgedrungen Erwerbsminderungsrente. Das Bewilligungsverfahren zog sich lange hin.
„Es war ein Kampf“, erinnert sich Weger. Das Leben musste neu sortiert werden. Der Sport half ihm dabei, denn er hatte in der Zwischenzeit Bewegungsarten für sich entdeckt, die besser zum Zustand seiner Gelenke passten. Vor allem Radfahren ging gut. Weil auch Ski-Langlauf wegen der gleichförmigen Bewegung, die ohne Stoßbelastung auskommt, als relativ knieschonende Sportart gilt, wollte er es damit ebenfalls probieren. „Ich hatte das in jüngeren Jahren gelegentlich gemacht.“
Das Problem: In Wachsenberg und Umgebung fehlte dafür selbst im Winter meist die nötige natürliche Unterlage. Also besorgte sich Georg Weger Hilfsmittel, um schneeunabhängig trainieren zu können. „Die Rollskier habe ich aus Fulda“, erzählt er. Seinen Knien bekam die neue Kombination aus Radfahren und Langlauf offenbar gut. Der Zustand stabilisierte sich. Die Schmerzen waren besser auszuhalten.
So blieb es bis heute. Weger hat noch immer seine Original-Gelenke und hofft, um einen Austausch herumzukommen: „Ich schiebe das so lange wie möglich hinaus.“ Bisher fährt er gut damit und kann sein sportliches Pensum jeden Tag weitgehend schmerzfrei durchziehen. Sein Training beginnt meist mit einer knappen Stunde auf dem E-Bike. Danach steigt er auf seine Rollskier und absolviert damit im Schnitt sieben Kilometer am Tag. Den Abschluss bilden daheim meist 20 Minuten Gymnastik, auch mit Klimmzügen.
Es sind beträchtliche Gesamtdistanzen, die so pro Jahr zusammenkommen für Weger – auf dem E-Bike im Schnitt pro Jahr rund 8000 und auf den Rollen etwa 2000 Kilometer.
Auch auf Langlaufskiern konnte er in diesem Winter vor der eigenen Haustür mehrmals trainieren, denn der im Advent gefallene Schnee hielt sich in der Umgebung von Wachsenberg wegen der Höhenlage des Ortes etwas länger. Die Loipen spurte Weger sich selber. Seine Technik ist die klassische mit paralleler Beinhaltung. Dass seine Bewegungen auf den Brettern lehrbuchmäßig sind, würde der 69-Jährige aber nicht behaupten wollen. Als reiner Autodidakt macht er sein ganz individuelles Ding.
Mit dem Gedanken, einmal bei einem großen Langlauf-Event mitzumachen, trägt er sich seit Jahren. Letzten Sommer fiel die Entscheidung für den Start beim König-Ludwig-Lauf in Oberammergau, der mit Tausenden Teilnehmern aus vielen Ländern deutschlandweit größten Veranstaltung in dieser Sportart.
Weger meldete sich für die 50-Kilometer-Hauptstrecke an. Sein Training musste er intensivieren und auf den Rollen so viele Kilometer wie möglich bolzen. Eine Gelegenheit, das unter perfekten Bedingungen zu tun, bot sich im August am autofreien Sonntag auf der 45 Kilometer langen Straße durchs Taubertal von Rothenburg nach Bad Mergentheim.
Vor drei Wochen fuhr er, begleitet von seiner Frau Renate, nach Oberammergau. Ob beim Hauptlauf außer ihm noch jemand aus dem Landkreis Ansbach startete, weiß Weger nicht. Jedenfalls seien auch in seiner Altersklasse Cracks vor allem aus Skandinavien da gewesen, sagt er.
Seinen Skiern gönnte Weger vor Ort einen professionellen Wachsservice. Die 35 Euro erwiesen sich als gute Investition. Die Bretter glitten geschmeidig durch den Schnee. Er ging die Strecke, die wetterbedingt von 50 auf 43 Kilometer verkürzt wurde, eher defensiv an und hatte so noch Reserven bis zum Schluss. „Das war gut, denn ich wollte unbedingt durchkommen“, erzählt Georg Weger, der kurz vor dem Ziel noch an einem Mitstreiter vorbeizog.
Nach drei Stunden und zwölf Minuten war er im Ziel – ausgepumpt zwar, aber eben nicht völlig am Ende. Das bedeutete Rang 29 in der Altersklasse Herren Ü66 und damit bei mehr als 150 Gewerteten eine respektable Platzierung. Als Weger wieder bei Atem war, stärkte er sich mit einer Gulaschsuppe und einem alkoholfreien Bier. Die Rückreise nach Wachsenberg traten seine Frau und er erst am nächsten Tag an.
Seit er wieder zuhause ist, trainiert der 69-Jährige mit normalem Pensum weiter. Sein Ziel ist, auch 2024 in Oberammergau zu starten. Seine Frau lässt ihn machen: „Es ist halt so“, sagt sie. „Nach dem Frühstück haut er ab. Er braucht das.“