Ullrich Wannhoff ist getrieben von unbändiger Neugier. Er lebt in Berlin und war viel in der Welt unterwegs. Wie der berühmte Bad Windsheimer Naturforscher Georg Wilhelm Steller. Ihnen gemeinsam sind Reisen nach Russland, Alaska und auf die Beringinsel. Nun hat der 73-Jährige ein Buch über den Entdecker der Seekuh geschrieben.
„Gestrandet zwischen Alaska und Kamtschatka” lautet der Titel des 95 Seiten umfassenden Werkes, erschienen im Lukas Verlag. Dafür notwendig waren umfangreiche Recherchen.
Den Anstoß dazu gab es für Wannhoff bereits 1991, als er auf der Beringinsel der 250-Jahrfeier anlässlich der Strandung der Großen Nordischen Expedition beiwohnte, an der auch Steller einst beteiligt gewesen war. Es war eine bedeutende Forschungsreise, die unter der Leitung von Vitus Bering gestanden hatte. Sie führte zur Entdeckung Alaskas und zur Kartografierung der nördlichen Küsten des Russischen Reiches.
Wannhoff forschte in Bibliotheken, Antiquariaten, in Archiven sowie den zoologischen und ethnologischen Sammlungen von Dresden, Berlin, Göttingen, Stralsund, Kopenhagen, Stockholm, Petersburg, im Smithsonian Institut in Washington, in Lemberg, Wien und Petropawlowsk auf Kamtschatka. Der 73-Jährige war eigenen Angaben zufolge überall dort unterwegs, „wo es die Steller'sche Seekuh, Vogelbälge, Pflanzen und Völkerkundliches aus dieser Region” gibt. „Die Russen sagen Fernost zu allem, was nach dem Baikalsee kommt. Für die meisten Europäer ist es Ostsibirien.”
Beim Schreiben hat Wannhoff sich von historischen Fakten inspirieren lassen. Zusammen mit seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen vor Ort auf der Beringinsel umrahmen sie das literarische Geschehen. Fiktion seien die kurzen Gespräche zwischen Steller und Bering sowie den Seeoffizieren. „Dazu kommen die erwähnten Philosophen, die Steller zwar nicht kannte, die aber Zeit und Raum widerspiegeln.”
Insgesamt 22 Bilder sind im Buch abgedruckt. Wannhoff hat sie selbst gestaltet. Sie tragen seine ganz eigene künstlerische Handschrift. Die blickt auf vielfältige Erfahrungen zurück. Nachdem er zunächst eine Lehre als Theatermaler absolviert hatte, begann er im Jahr 1973 ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden im Fachbereich Theatermalerei.
Konkrete Aussagen will Wannhoff mit seinen Bildern nicht machen. „Jeder soll für sich selbst etwas rausziehen, mit all den Facetten, die uns gestern und heute umgeben”, sagt er. Die dominierneden Farben seien Schwarz und Weiß. Schließlich herrsche Winter. „Nur sehr sparsam habe ich Farbe eingesetzt, als Hoffnung, aber auch als Bedrohung.”
Im Original bewegen sich die Bilder in den Maßen 60 mal 80 Zentimeter und sind bevorzugt im Querformat angelegt. In die Waagerechte hat Wannhof indes das Werk mit dem Titel „Rotgesichtmeerscharbe und der Tod” gestellt. Es sei „der Tod, das Nichts, in dem wir alle enden”, so der 73-Jährige, der sich bei der Technik für „Tempera und Pastell, mal in flüchtigen Bewegungen und manchmal in fest gefügten Formen gemalt” entschieden hat.
Den Schwerpunkt der Motive bilden Szenen der winterlichen Strandung auf der Beringinsel. „Es sind im Vorfeld eine Menge Skizzen entstanden”, die allerdings nicht ins Buch aufgenommen wurden. Darunter seien beispielsweise landschaftliche Skizzen gewesen, außerdem Seeleute, die an Skorbut gestorben waren sowie „fiktive Porträts, die mit Schmerz und Leid” zu tun hätten.
Das Buch als Gesamtwerk gesehen, bezeichnet Wannhoff als „Entdeckungsgeschichte des 18. Jahrhunderts”. Dem gegenüber würden seine eigenen Erlebnisse stehen, die mit eingeflossen seien. Seine erste Reise auf die Beringinsel hatte er 1991 unternommen. Drei Monate war er damals geblieben. Ihn faszinierten „die aktiven Vulkane, die Wildnis und der Tierreichtum”.
Später war Wannhoff als Expeditionsleiter für Reisefirmen tätig, außerdem „als Lektor auf sehr kleinen Kreuzfahrtschiffen, die eine hohe Eisklasse haben”. Die Eisklasse gibt an, in welchem Umfang ein Schiff für die Navigation in Eisgewässern geeignet ist. Immer wieder hat er auch allein Zeit in den abgelegenen Regionen verbracht. Dabei war es ihm wichtig, „genauso einfach und schlicht zu leben wie die Bevölkerung”. „In der Einsamkeit habe ich 80 Prozent von Lachs gelebt und 20 Prozent von Seevögeln, ganz selten bekam ich Seebärenfleisch, in Kamtschatka habe ich einen Monat lang nur Schneehasen gegessen.”
Genossen hat er auf der Beringinsel „die vielen unterschiedlichen Töne der Natur”: den pfeifenden Wind, das Meeresrauschen, die lauten Schreie in den Seevogelkolonien und das abgebrochene Bellen der Polarfüchse, wenn sie auf Brautschau waren, die ersten Töne der ankommenden Zugvögel, das Blöcken der Seehunde, das hohe Wimmern der kleinen Seeotter und das Klirren des Eises, wenn es in den Flüssen aufbricht, „das Grollen und kurze Wackeln der Erdbeben und die tote Stille, die es auch gibt”. Fasziniert hat ihn zudem das Licht, Ebbe und Flut, all die vielen „Feinheiten, die in der Zivilisation verloren gehen, aber in uns sind”.
Dass Akteure in Bad Windsheim dem Naturforscher und Sohn der Stadt, Georg Wilhelm Steller, ein Museum widmen wollen, begrüßt Wannhoff ausdrücklich. „Einmalig” mache Steller, dass er ein „großer Beschreiber der belebten und unbelebten Natur” gewesen sei. Wannhoff selbst war in den 1990er Jahren mal für einen Vortrag nach Bad Windsheim gereist. Ob er sein Buch hier möglicherweise noch persönlich vorstellen wird, stehe aktuell allerdings in den Sternen.
Der 73-Jährige will mit seinem Werk indes keine vorgefertigten Botschaften transportieren. „Man soll sich einfühlen oder in die Texte fallen lassen und dann später entscheiden, ob man was lernt oder nicht.” Wichtig seien zunächst einfach nur Empathie und Neugierde.