Du hattest deinen Koffer gepackt. So wie ich. Doch der Zweck meiner Fahrt ist ein ganz anderer als der deine damals. Mein Ziel ist ein würdiges Gedenken an dich – zusammen mit anderen Angehörigen seinerzeit ermordeter psychisch Kranker. Der Bezirk Mittelfranken hat für uns eine Gedenkfahrt organisiert.
Mein Bus hält jetzt nahe der früheren „Heil- und Pflegeanstalt Ansbach”. Es ist fast 85 Jahre her, dass auch du von dort losfuhrst, so wie ich nach Hartheim bei Linz in Österreich. Du warst wohl ahnungslos. Denn du wusstest damals nicht, was deine Endstation war: ein qualvoller Tod in der Gaskammer.
Alles wurde minutiös geplant.
Alles wurde minutiös geplant. Die bürokratische Maschinerie war perfekt an jenem 28. Januar 1941. Gut geölt für die Tötung in der Massenmord-Fabrik in dem Schloss in Österreich, das von außen idyllisch, ja romantisch, wirkt.
So gingen mit dir, Käthe Güner, jeweils fast genauso viele Männer wie Frauen auf ihre letzte Reise. „Geduscht” in der Gaskammer wurde vermutlich nach Geschlechtern getrennt. Deshalb standen außer dir, liebe Großtante, 69 weitere Frauen und genau die gleiche Zahl Männer auf der Todesliste. Jeweils ungefähr 30 bis 40 Männer oder Frauen gingen gemeinsam in den „Duschraum”.
Erst nachdem sich die Tür geschlossen hatte, merkten sie, dass allmählich immer mehr von ihnen bewusstlos wurden. Sie umschlangen sich in ihrem verzweifelten Todeskampf. Und so, völlig ineinander verkeilt, holten sie schließlich ihre Mörder heraus, um ihre Leichen zu verbrennen. Weil sehr viele Opfer kamen, rauchte der Schornstein des Schlosses fast ständig, inmitten des Dorfes.
Das tödliche Kohlenmonoxid für die Gaskammer wurde, der Quellenlage zufolge, von der IG Farben in Ludwigshafen geliefert, berichtete mir Florian Schwanninger, der Leiter des Gedenkorts. Dieser riesige Konzern machte seinerzeit ein hochprofitables Geschäft aus Krieg und Massenmord der Nazis, etwa auch in Auschwitz.
Wer dort ankam, war in der Regel drei Stunden später tot.
Liebe Großtante, was ging dir wohl durch den Kopf, als du damals, kurz nach deinem 40. Geburtstag, die „Hupfla” in Ansbach verlassen musstest? Du fuhrst von Ansbach mit dem Zug nach Linz und von dort per Bus zum Schloss. Wer dort ankam, war in der Regel drei Stunden später tot, denn sonst wäre der industrielle Massenmord an psychisch Kranken und Behinderten ins Stocken geraten.
Dir wurde zum tödlichen Verhängnis, dass du wegen deiner psychischen Erkrankung nicht nützlich sein konntest für den von Adolf Hitler entfesselten Zweiten Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann. Knapp ein halbes Jahr nach deinem Tod startete Adolf Hitler am 22. Juni 1941 dann seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den rund 28 Millionen Sowjetbürgerinnen und -bürger mit dem Leben bezahlen mussten.
Die Niederlage vor Augen, tönte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 26. Juli 1944 im Nazirundfunk: „Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.” Für dieses Ziel war längst in Hospitälern und Anstalten Platz frei gemacht worden, etwa für die vielen Kriegsverletzten.
Dass es damals um den Krieg ging, den „totalen Krieg”
Auch der letzte Satz, mit Datum 28. Januar 1941, in der Krankenakte von dir, Käthe Güner, verrät bis heute, dass es damals um den Krieg ging, den „totalen Krieg”: „Die Patientin wurde heute unverändert auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars in eine andere, bisher noch nicht bekannte Anstalt überführt”, lautete diese Standardformulierung, wenn Patientinnen und Patienten als „unnütze Esser” für den Tod selektiert worden waren. Somit hatte damals der Reichsverteidigungskommissar das Sagen in Kliniken.
Dies alles weiß ich heute. Umso lobenswerter ist es, dass der Bezirk Mittelfranken mit der Gedenkfahrt einen wichtigen Beitrag dazu leistet, dass sich so etwas nie mehr wiederholt.
Dies sind meine Gedanken, als ich mit anderen Angehörigen spreche. Anders als ich selbst, sind manche das erste Mal an dem Ort, an dem etwa ihre Oma, ihr Opa, Tanten, Onkel, Cousins oder Cousinen ermordet wurden. Entsprechend groß ist die Last der Erinnerung für sie bei den Führungen durch die Gedenkstätte. Als wir vor der ehemaligen Gaskammer stehen, warnt uns der Guide, wir sollten uns überlegen, ob wir auch diesen Weg weitergehen wollen. Ich selbst entscheide mich dafür, mich diesem Grauen zu stellen, dem Tatort des eiskalten und heimtückischen Mordes an meiner Großtante.
Schwer ist der Gedanke zu ertragen, dass irgendwo auf dem Schlossgelände nicht verbrannte Überreste von ihr oder ihre Habseligkeiten verscharrt sein könnten. Auf entsprechend grausige Funde stieß man bei Grabungen. So war an einer derartigen Stelle auf dem Areal nach dem Krieg zeitweise ein Spielplatz, obwohl Eingeweihte wussten, was sich darunter verbarg.
Bei einer Gedenkfeier schildern Angehörige, wie schwer manche Familien bis heute unter dem Geschehenen leiden. Einleitend spricht Peter Eigelsberger, der wissenschaftliche Leiter des Gedenkorts. Er begrüße es sehr, dass Katrin Kasparek von der Bezirksheimatpflege des Bezirks Mittelfranken angeregt habe, eine Gedenktafel für die in Hartheim ermordeten Opfer aus Mittelfranken anzubringen, betont er.
Insgesamt wurden 889 Ansbacher und 905 Erlanger Patientinnen und Patienten durch Gas ermordet.
Katrin Kasparek erforscht die Morde an Kranken in Mittelfranken im Dritten Reich und engagiert sich für die Angehörigen der Opfer. Über die Heil- und Pflegeanstalt (HPA) Ansbach wurden, so schilderte Kasparek, 559 Personen nach Hartheim deportiert und über die Erlanger Anstalt 666. Insgesamt wurden 889 Ansbacher und 905 Erlanger Patientinnen und Patienten im Rahmen der entsprechenden T4-Aktion, auch etwa in Sonnenstein bei Pirna, durch Gas ermordet.
Der Präsident des Bezirkstags, Peter Daniel Forster, vertritt den Rechtsnachfolger des damaligen Trägers der Kliniken: „Wir stehen heute hier in Hartheim an einem ganz besonderen Ort, der wie kaum ein anderer für das systematische Morden an Menschen mit Behinderung und Menschen mit psychischen Erkrankungen steht”, hebt er hervor. „Unter den mehr als 30.000 Hartheimer Opfern waren auch über 1200 Frauen, Männer und Jugendliche aus Mittelfranken”, sagt er.
An die Angehörigen gewandt, betont Forster: „Viele von Ihnen tragen eine Last mit sich.” Dies gelte über Generationen hinweg. Er spielte auch darauf an, dass es immer noch als Stigma gilt, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt: „Das Wissen um das Geschehene” sei „oft verbunden mit Schweigen, mit Scham, aber auch mit offenen Fragen”, so der Bezirkstagspräsident. Mit ähnlichen Schwerpunkten wie er stellte sich auch Stinne Fronius, Vorständin der Bezirkskliniken Mittelfranken, der historischen Verantwortung.
Als wir später Blumen an der neuen Gedenktafel für die Opfer aus Mittelfranken niederlegen, kommen manchen Angehörigen die Tränen, so auch mir. „Nie wieder Krieg.” Dies ist mein wichtigstes persönliches Vermächtnis aus dem Tod meiner Großtante.
Die für den geplanten Vernichtungskrieg notwendige 'Effizienz'
Katrin Kasparek erläutert mir auf Nachfrage: Die Mordaktionen im Rahmen der NS-'Euthanasie' seien damals „in engem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen” gestanden. Kasparek: „Die für den geplanten Vernichtungskrieg notwendige 'Effizienz' spiegelte sich sowohl in volkswirtschaftlichen Hochrechnungen der Investitionen für sogenannte 'unnütze Esser' wie auch in der radikalen Umnutzung der Liegenschaften wider.”
Im Rahmen der „Aktion T4” seien zunächst hunderte von Betten staatlicher Anstalten durch die Deportation von Stammpatientinnen und -patienten leer geräumt worden, und diese Plätze kurz darauf durch Menschen aus den kirchlichen Einrichtungen aufgefüllt worden. Auch diese Patientinnen und Patienten, so Kasparek, „fielen in großen Zahlen der Gasmordaktion zum Opfer; die frei gewordenen Gebäude wurden zur Verfügungsmasse für den immensen Raumbedarf militärischer Institutionen oder NS-Körperschaften”.
Entsprechende Umnutzungen gab es auch in der Ansbacher Anstalt: Ab 1934 sei ein Gebäude von der Hitlerjugend genutzt worden. Nach Kriegsbeginn sei ein Reservelazarett eingerichtet worden, ein Hilfskrankenhaus der Inneren Abteilung des Nürnberger Krankenhauses, und zudem seien zwei Gebäude für einige Monate als Kinderheim des Lebensborn genutzt worden, so Kasparek.