Ein bisschen gruselig ist’s beim Hochstapfen auf den dunklen Hügel. Der Weg ist matschig, der Mond steht beinah voll am Himmel, in einem Ring in Regenbogenfarben. Und es brummt so seltsam aus der Ferne, von da hinten im Wäldchen, wo ein Feuerschein zu sehen ist. Ein Flugzeug ist abgestürzt, ein Mann wankt heraus, und er hat eine Waffe.
Keine echte Pistole natürlich, denn wir sind im Theater. Im Winterstück des Freilandtheaters in Bad Windsheim. In einer Produktion, bei der die Besucher wie immer in Gruppen von Station zu Station marschieren. Und damit tatsächlich mitten drin sind im Geschehen: oben auf dem Hügel im Mondschein, in den engen Stuben der Museumshäuser, im Klassenzimmer, in Vorgärten, an der Kapelle, in der Wirtschaft und hoch über dem hell erleuchteten Jagdschlösschen, das zum prunkvollen Sanatorium geworden ist.
„Nachtflug“ heißt das neue Stück von Christian Laubert, dem künstlerischen Leiter des Freilandtheaters. Mit seinem Winterthriller schickt er das Publikum nicht nur übers Museumsgelände, sondern auch zurück in die Vergangenheit. In den Winter des Krisenjahres 1963, mitten hinein in den Kalten Krieg.
Das Flugzeug, das im Wäldchen hinter einem fränkischen Dorf niedergegangen ist, stammt aus Russland. Der Pilot hat es absichtlich im kaum bewohnten Gebiet zum Absturz gebracht, nachdem er herausfand, dass die vermeintlich harmlose Sonde an Bord eine Atombombe ist. Über der Hauptstadt hätte der junge Flieger sie abwerfen sollen, ein Dritter Weltkrieg wäre die Folge gewesen. Der Verletzte findet Unterschlupf bei einer Familie – und seine große Liebe.
20 Jahre später, im Winter 1983, tauchen zwei dubiose Beamte – oder etwa Agenten? – im Dorf auf, um unangenehm herumzuschnüffeln. Sie sind auf der Suche nach dem einst hier abgestürzten und spurlos verschwundenen Piloten.
Die Geschichte ist spannend erzählt und entwickelt sich von Spielstation zu Spielstation weiter; nach und nach wird klar, was passiert ist. Oder passiert sein könnte, denn in dem Dorf sind ein paar Leute zu Hause, die in ihren eigenen Welten leben und Dinge sehen, die es nicht geben kann. Ufos zum Beispiel.
Sonderbar ist auch die skrupellose Ärztin mit hehren Motiven. Oder die ausgebuffte ältere Dame, die mit ihren Müllbergen die Schnüffler vergrault. Wer ist denn hier eigentlich verrückt? Und dann ist da noch die Atombombe, die seit 20 Jahren ungezündet an einem sehr, sehr ruhigen Ort herumliegt.
In dem Dörfchen geht’s also ganz schön wild zu, was einen großen Spaß fürs Publikum bedeutet. Nachts auf dem Museumsgelände herumzuspazieren, ist sowieso vergnüglich – und diesmal sogar aufregend auf dem Hügel, wo der Jagdbomber brennt, während unten im Tal der Pilot ins Sanatorium geschafft wird. Wir schauen von oben auf die ferne Szene, das Timing ist perfekt.
Das gesamte Ensemble, in dem Profis neben Amateuren spielen, macht seine Sache gut. Peter Pruchniewitz und Johannes Szilvássy geben zwei recht abgetakelte Beamtenspione, Frank Wiedenmann steigert sich als Strahlenkanonen-Erich prächtig in die Ufo-Jagd hinein, und Ronja Vogel pflegt als charmant-fröhliches Mädchen Bille den verletzten jungen Piloten Leo. Den spielt Silas Hutzler überzeugend – jugendlich unschuldig hat er die Welt gerettet. Luise Hagedise Bernburg ist bei der Premiere am Freitagabend die ältere Bille, eine patente Frau, die ihren geliebten Leo, der längst anders heißt, nicht fortgehen lassen will.
Originell choreographiert und witzig ist die Szene im Klassenzimmer – bei der Premiere mit Thea Erkens, Simon Klopsch, Emma Rühl, Hannes Ackermann und Leo Hoops. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller agieren präzise, so dass sich das Publikum den nilpferddicken Lehrer bestens vorstellen kann.
Fein wie immer sind auch die Kostüm-Details und Requisiten; allein die Ausstattung macht den winterkalten Theater-Rundgang zum Erlebnis.