Theoretisch hätte das Bild in die Stadt geholt werden können. Dafür wären aber mehr als 2,7 Millionen Euro aufzubringen gewesen. Denn so viel hat ein Sammler hingelegt für das prächtige Hanswurst-Gemälde der Gebrüder Klimt mit dem Marktplatz als Theaterkulisse, das bei Sotheby’s in London unter den Hammer kam.
Bei dem Bild handelt es sich, wie der Werkbeschreibung des Auktionshauses zu entnehmen ist, um eine Leinwand-Reproduktion eines gigantischen Deckenfreskos, welches das Treppenhaus des Wiener Burgtheaters ziert. Das etwa 18 Quadratmeter große Original war zwischen 1886 und 1888 von Ernst Klimt realisiert worden, dem 1864 geborenen jüngeren Bruder des später berühmt gewordenen Malers Gustav Klimt (1862-1918). Die beiden arbeiteten eng zusammen, und zwar im Rahmen einer Ateliergemeinschaft.
Die Gestaltung der Decken im damals errichteten Burgtheater-Neubau mit Szenen zum Thema Schauspiel war ein Großauftrag und letztendlich der Durchbruch für die Klimts. 1892 begann Ernst Klimt, von seiner Arbeit, für die er den unteren Rothenburger Marktplatz als Hintergrund ausgewählt hatte, eine Kopie auf Leinwand anzufertigen. Diese Arbeit abzuschließen blieb ihm allerdings verwehrt, denn im Dezember 1892 starb der junge Maler an einer Herzbeutelentzündung.
Gustav Klimt beschloss daraufhin, einige unfertige Werke seines jüngeren Bruders zu vollenden, darunter auch dessen 1,90 auf 1,60 Meter große Leinwand-Version des Rothenburg-Deckenfreskos. Zum späteren Verbleib des Bildes ist laut Sotheby’s bekannt, dass es 1895 in einer Ausstellung gezeigt wurde und dass es danach ein Privat-Sammler für 8400 Gulden in seinen Besitz brachte.
Nachdem es schon einmal Mitte der 1980er Jahre versteigert worden war, kam das Bild gut 130 Jahre nach seiner Entstehung nun also wieder auf den Markt. Von dem Londoner Auktionshaus wurde es als Gemeinschaftswerk der Brüder Ernst und Gustav Klimt vor einigen Wochen angeboten. Seinen Wert hatten die Fachleute von Sotheby’s zuvor auf 350.000 bis 600.000 Euro geschätzt. Doch der Verkaufserlös, den es schließlich erzielte, lag um ein Vielfaches höher. Für eindrucksvolle 2,7 Millionen Euro sicherte sich, wie mehrere österreichische Medien berichteten, ein Wiener Kunstsammler dieses Werk.
„Hanswurst auf der Stegreifbühne zu Rothenburg“ lautet dessen offizieller Titel. Mit dieser Szene sollte offenbar auf eine Theatertradition des Spätmittelalters angespielt werden, denn damals traten in Städten wie Rothenburg auf Jahrmärkten oft komische Figuren unter der Rollenbezeichnung Hanswurst auf.
Weshalb Ernst Klimt als Kulisse für sein Bild den Rothenburger Marktplatz ausgewählt hat, ist unklar. Es dürfte damit zu tun haben, dass es gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter Künstlern in Mode kam, die Stadt, die als typisch altdeutsch wahrgenommen wurde, zu malen. Ob Ernst Klimt selbst vor Ort war, ist nicht überliefert.
Weitgehend stimmig wirken jedenfalls die auf dem Bild zu sehenden Teile des Gebäudeensembles am Marktplatz. Künstlerische Freiheiten nahm sich der Maler beim abgebildeten Personal, denn dieses ist eher großstädtisch-höfisch gekleidet, was nicht so recht passen will zur zeitlichen Einordnung der spätmittelalterlichen Hanswurst-Figur und der Vorstellung von einem Jahrmarkt-Publikum in einer Kleinstadt wie Rothenburg. Einige dieser Abweichungen gehen aber ohnehin auf das Konto von Gustav Klimt. Denn der ersetzte bei der Vollendung des Werkes seines jung verstorbenen Bruders mehrere Gesichter des Original-Deckenfreskos durch Köpfe von Familienmitgliedern.