Mit aller Schonungslosigkeit hat Lewis Hamilton die Abgründe von Ferrari kennengelernt. Zum Ende seines desaströsen ersten Jahres mit der Scuderia sprach der Formel-1-Rekordweltmeister voller Frust sogar von der „schlechtesten Saison“ seiner Karriere. Wenn man wie Hamilton 105 Königsklassenrennen gewonnen hat, dann aber erstmals ohne Podestplatz in einem Grand-Prix-Jahr bleibt - dann ist man zumindest gefühlt ganz unten angekommen.
Da kann es helfen, alten Ritualen zu folgen. „Jedes Jahr schreibe ich auf, wo ich nicht gut bin. Denn es gibt viele Bereiche, in denen ich nicht gut bin. Dann frage ich mich: Wie können wir das verbessern?“, verriet Hamilton einmal. Diese Niederschrift würde man natürlich nur zu gern einsehen. Zumal nach seinem ersten Jahr mit Ferrari, aus dem nur der Sprintsieg in Shanghai schon am zweiten Rennwochenende heraussticht.
„Ich habe diesen Winter viel Zeit damit verbracht, mich neu aufzubauen, mich neu zu fokussieren und meinen Körper und meinen Geist wirklich in einen viel besseren Zustand zu bringen“, erzählte Hamilton, der ähnliche Worte aber schon vor den Saisonstarts der Vergangenheit geäußert hat. „Ich fühle mich im Allgemeinen so gut wie schon lange nicht mehr, nachdem ich einige Dinge in meinem Team und dann auch am Auto umgestellt habe.“ Eine weitere Personalie betrifft seinen langjährigen Manager Marc Hynes, der mittlerweile für das brandneue Cadillac-Team arbeitet.
Die neuen Autos sind kürzer, schmaler und leichter. Die Motoren werden zu gut 50 Prozent vom Verbrenner angetrieben, der von komplett nachhaltigem Kraftstoff befeuert wird, die restlichen fast 50 Prozent liefert die Batterie. Hamilton hatte das permanente Energiemanagement aber noch als „komplex, so lächerlich komplex“ kritisiert. „Ich hatte an einem Tag sieben Meetings. Es ist, als bräuchten wir einen Abschluss, um das alles komplett zu verstehen.“
„Im vergangenen Jahr waren wir noch an ein Auto gebunden, das ich letztendlich nur geerbt habe“, meinte Hamilton. „Dieses Auto jetzt habe ich in den letzten acht, zehn Monaten am Simulator mitentwickelt, sodass es ein bisschen wie ein Teil meiner DNA ist. Deshalb fühle ich mich diesem Auto definitiv mehr verbunden.“
„Wenn er ihn dann erstmal hat, dann ist er super. Dass er den Speed nach wie vor hat, ist gar keine Frage. Man hat es aber letztes Jahr gesehen: Es geht ihm nicht mehr alles so leicht von der Hand und dann passieren Fehler“, äußerte Schumacher weiter.
Vielleicht ist Vasseurs gute Laune tatsächlich angebracht. Vielleicht hat sich Hamilton tatsächlich wiedergefunden. Und vielleicht kann auch Ferrari diese quälende Durststrecke – letzter Fahrertitel 2007 mit Räikkönen, letzter Teamtitel 2008 – endlich beenden.
„Für einen Moment hatte ich vergessen, wer ich bin“, räumte Hamilton ein und meinte damit vermutlich sein Hadern und Zetern mit dem störrischen Vorgängerauto und dem Team in der vergangenen Saison. Diese Einstellung werde man bei ihm aber „nicht noch einmal erleben. Ich weiß, was zu tun ist“, betonte er. „Das wird eine verdammt gute Saison.“
© dpa-infocom, dpa:260302-930-755120/2