„Ich wollte als Kind schon immer Kampfsport machen”, erzählt Inge Bühler-Saal. Inzwischen hat die 68-Jährige aus Sachsen bei Ansbach längst den schwarzen Gürtel und leitet die Taekwondo-Abteilung des TSV 1860 Ansbach. Ihren Einsatz würdigt die Jury mit dem Ehrenamtspreis für den Monat Mai.
In ihrer Kindheit im Ansbacher Stadtteil Eyb und auch während des Studiums ergab es sich nicht – erst als sie selbst schon eine Tochter und einen Sohn hatte, verwirklichte Bühler-Saal ihren sportlichen Traum. Ein Mordfall in Wilhermsdorf (Landkreis Fürth), bei dem ein zwölfjähriges Mädchen im Januar 1998 auf dem Schulweg umgebracht worden war, brachte sie wieder mit dem Thema in Berührung. „Meine Kinder waren damals acht und fünf Jahre alt. Da habe ich gedacht, es wäre gut für meine Tochter, wenn sie eine Kampfsportart kann.”
Bei einem Selbstverteidigungskurs in der Volkshochschule lernte Bühler-Saal selbst Taekwondo kennen und meldete Tochter Evelyn daraufhin beim TSV zum Training des koreanischen Kampfsports an, das war 1998/99. Die Abteilung war 1975 gegründet worden. „Dann saß ich erst einmal auf der Bank. Es gab damals nur ein reines Kindertraining”, bedauert sie. „Als mein Sohn Martin dann sechs Jahre alt war und mitmachen durfte, bin ich eingestiegen.” Nun wurde auch Erwachsenen-Training angeboten.
Von Anfang an war sie Feuer und Flamme. Warum gerade Taekwondo und kein anderer Kampfsport? „Die Vielfalt reizt mich und dass man in jedem Alter einsteigen kann. Wir trainieren Kinder ab drei Jahren bis ins Seniorenalter.” Neben Kondition, Ausdauer und Kraft liegt der Fokus auf Schnelligkeit, Koordination und Balance. Trainiert werden immer beide Seiten, wie sie erklärt. Das ist gerade bei der Selbstverteidigung sinnvoll, weil man vorher nicht weiß, von welcher Seite man angegriffen wird.
Rund 400 Mitglieder hat die Taekwondo-Abteilung des TSV, darunter knapp 300 Aktive. Abteilungsleiterin Bühler-Saal hat den Kampfsport aus sämtlichen Perspektiven kennengelernt: als Schülerin, als Trainerin, als Prüferin und als Kampfrichterin im Vollkontaktwettkampf. Früher nahm sie auch an Meisterschaften teil. Ihren größten Erfolg konnte sie 2011 verbuchen, als sie im Formenlauf Bayerische Meisterin im Team wurde. Dabei werden verschiedene Techniken in einer vorgeschriebenen Abfolge gezeigt.
Seit 2003 trainiert sie selbst Kinder, Jugendliche und Erwachsene, das macht ihr am meisten Spaß: Viermal pro Woche vermittelt sie zusammen mit weiteren Trainerinnen und Trainern des TSV in der Turnhalle des Gymnasium Carolinum die Kniffe der koreanischen Kampfkunst. Die Eltern dürfen nicht nur zuschauen, sondern – je nach Lust und Laune – auch mitmachen. Dass sie nur auf der Bank sitzen, ist längst Geschichte.
„Ich gebe gern Wissen weiter und freue mich, wenn jemand dieses Wissen annimmt und dann besser wird”, begründet Bühler-Saal ihre Motivation. „Oft kommen schüchterne Kinder zu uns, und dann sieht man, wie sie sich entwickeln und auf einmal Selbstbewusstsein haben.” Die Kinder stark zu machen, sodass sie sich trauen, in kritischen Situationen – zum Beispiel bei einem Angriff – „Nein” zu sagen, ist ihr oberstes Ziel.
Beim Training lehrt Bühler-Saal vor allem Mädchen und Frauen, auf ihre Körpersprache zu achten. Es sei wichtig, „dass sie präsent sind und sich groß machen”, betont sie. „Ein Täter sucht sich immer ein Opfer, der sucht sich keinen Gegner.” Man solle unbedingt auf sein Bauchgefühl hören und auch einmal vorsorglich die Straßenseite wechseln, wenn Ärger zu befürchten ist. „Es ist keine Schande, wegzugehen. Ich muss nicht mit jemandem kämpfen, ich will Kampf vermeiden.” Konflikte könnten durch Kommunikation gewaltfrei gelöst werden, will sie vermitteln – auch wenn man Kampfsport beherrscht.
In der Taekwondo-Abteilung sind Personen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen oder Migrationshintergrund willkommen, betont Bühler-Saal. „Unsere Kinder und Jugendlichen kommen aus 20 verschiedenen Nationen.” Wichtig sei, dass sie die Regeln akzeptierten. „Sie lernen, sich sozial zu verhalten und auf Schwächere Rücksicht zu nehmen.” Unter ihrem wachsamen Auge trainiert jeder mit jedem. „Bei mir gibt es das nicht, dass jemand sagt: ‚Mit dir mag ich nicht.‘”
Inge Bühler-Saal hat sich auch auf anderen Posten im Verein engagiert. Sie war unter anderem Schriftführerin, Damenreferentin, Pressesprecherin sowie stellvertretende Abteilungsleiterin. Seit 2014 leitet sie die Abteilung. 2015 übernahm sie das Amt der Gleichstellungsbeauftragten der Bayerischen Taekwondo Union. „Ohne ehrenamtliches Engagement funktioniert unsere Gesellschaft nicht”, findet sie.
Hauptberuflich war Bühler-Saal bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand 2024 als Lehrerin am Staatlichen Beruflichen Schulzentrum Ansbach-Triesdorf (BSZ) in der Ansbacher Brauhausstraße beschäftigt. Sie war Abteilungsleiterin des Bereichs Ernährung und Versorgung, später auch des Bereichs Berufsvorbereitung. Gemeinsam mit einer Kollegin betreute sie Projekte in den Berufsintegrationsklassen, die sie im Ruhestand in einem Angestellten-Verhältnis weiter mitbegleitet.
Dabei geht es zum einen um Kriminalprävention. Schülerinnen und Schüler besuchen unter anderem Gerichtsverhandlungen, die intensiv vor- und nachbereitet werden, um die Konsequenzen strafbarer Handlungen zu verdeutlichen. Zum anderen wird Jugendlichen mit Migrationshintergrund das Ehrenamt nähergebracht und es wird vermittelt, wie sie ihre Freizeit sinnvoll gestalten können. „Viele Schüler, die aus dem Ausland kommen, kennen das Ehrenamt überhaupt nicht. Deshalb gehen wir zur Feuerwehr, zum Roten Kreuz, zum Technischen Hilfswerk oder zum Sportverein.”
Für ihr Engagement wird Inge Bühler-Saal bei der Aktion „Mein Ehrenamt” mit dem Preis für den Monat Mai ausgezeichnet. Sie kennen auch eine Person aus der Region, deren ehrenamtliches Engagement einen Preis verdient hätte? Dann schlagen Sie sie über unser Bewerbungsformular vor. Hier finden Sie alles zur Aktion.