„Es ist wie vor 100 Jahren”: Zeitzeuge aus Wallmersbach warnt vor Parallelen zur Vorkriegszeit | FLZ.de

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Veröffentlicht am 17.01.2025 10:33

„Es ist wie vor 100 Jahren”: Zeitzeuge aus Wallmersbach warnt vor Parallelen zur Vorkriegszeit

Dem Wallmersbacher Oskar Schmidt (98) sind seine Kriegserinnerungen noch sehr präsent. Er sorgt sich um die Zukunft der Jugend und sieht Parallelen zur Zeit vor 100 Jahren. (Foto: Johannes Zimmermann)
Dem Wallmersbacher Oskar Schmidt (98) sind seine Kriegserinnerungen noch sehr präsent. Er sorgt sich um die Zukunft der Jugend und sieht Parallelen zur Zeit vor 100 Jahren. (Foto: Johannes Zimmermann)
Dem Wallmersbacher Oskar Schmidt (98) sind seine Kriegserinnerungen noch sehr präsent. Er sorgt sich um die Zukunft der Jugend und sieht Parallelen zur Zeit vor 100 Jahren. (Foto: Johannes Zimmermann)

„Nie wieder ist jetzt“, lautet das geflügelte Wort der Stunde gegen Antisemitismus, Hass und Hetze. Oskar Schmidt aus dem Uffenheimer Ortsteil Wallmersbach ist Jahrgang 1926 und geht langsam aber sicher auf die 100 Jahre zu. Die aktuelle Situation erinnert ihn erschreckend an die Vorkriegszeit. Ein Besuch am Esszimmertisch.

Oskar Schmidt erzählt gerne aus seiner Vergangenheit. Die Informationen über den Schrecken des Krieges dürfen nicht verloren gehen, sagt er. Entsprechend hält er es für wichtig, darüber zu sprechen, auch wenn ihm so manche Anekdote nur sehr emotional über die Lippen kommt. Wenn er von seiner Einheit im Zweiten Weltkrieg spricht. Über die Todesnachrichten der Kameraden, die er Frau und Kindern überbringen musste. Schmidt hat gehofft, so etwas nie mehr erleben zu müssen. Aber die aktuellen Entwicklungen sind für ihn erschreckend: „Es ist alleweil wieder wie vor 100 Jahren.“

Hass, Hetze und Propaganda

Nein, die Wirren der Weimarer Republik hat Schmidt als kleiner Säugling nicht mehr direkt miterlebt. Aber die Erzählungen der Älteren sind ihm präsent geblieben. Die Inflation, die Bilder, wie die Menschen mit Wäschekörben ihr Geld abholen, weil dieses nichts mehr wert ist. Und die Entzweiung der Gesellschaft. Der Hass. Die Hetze. Die Verbreitung unwahrer Propaganda durch die Nazis. Und die Infiltrierung der Jugend.

1933 kommt Oskar Schmidt in die Schule, just im Jahr der Machtergreifung. „Wer zum Jungvolk geht, muss am Samstag nicht in die Schule. Das war eine Sensation für uns.“ Die Aktivitäten waren „kämpferisch organisiert“, erinnert sich der 98-Jährige. Ein bisschen Räuber-und-Gendarm-Spiel, „aber alles kriegsmäßig. Das hat uns schon gefallen.“ Schließlich ahnten die Jungvolkjungen da noch nicht, was noch auf sie zukommen sollte.

Beschuss mit Panzergranaten

Sein Vater wird eingezogen und so muss sich der Wallmersbacher als Jugendlicher schon mit um den Hof kümmern. Die Ochsen im Stall müssen gefüttert, die Einheiten, die auf die Höfe kamen, um Pferde für das Schlachtfeld einzuziehen, empfangen werden. Denn in so mancher Gegend ist das Pferd dem Kraftfahrzeug noch durchaus überlegen.

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Oskar Schmidt besuchte die Berufsschule für Landwirte, bevor er zur Wehrertüchtigung eingezogen wird. In Schwabach erlebt er dann den Ernst der Lage, den Fliegeralarm und die Luftangriffe auf Nürnberg. Im Dezember 1943 – Schmidt ist da gerade 17 Jahre alt – wird er für den Arbeitsdienst abkommandiert, 1944 muss er weiter zum Militär. Er kommt zu einer kleinen Einheit, die schnell von drei Seiten eingeschlossen ist. Die Lage: relativ aussichtslos. Sie werden mit Panzergranaten beschossen.

„Man hat die Härte des Lebens verspürt“

Oskar Schmidt wird verwundet, andere Kameraden sterben. Das Überbringen der Todesnachrichten– daran erinnert sich der 98-Jährige schaudernd zurück. Seine Stimme wird im Gespräch brüchig, er muss einige Sekunden innehalten. „Der Krieg war lehrreich für unsere Generation. Man hat die Härte des Lebens verspürt“, sagt Schmidt. Und wer so etwas erlebt hat, der möchte das kein weiteres Mal tun. „Wir wussten im Feld nie, wann, ob und wo wir abends wieder ins Bett kommen. Mein Glück war, dass ich verwundet wurde. Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“

In den Süden Bayerns treibt es ihn und seine Kameraden. Zuflucht gefunden finden sie auf einer Berghütte. Zu Fuß machen sich die Männer kurz vor dem Kriegsende zurück auf den Weg in die Heimat. „Wir sind meistens nur nachts gelaufen und haben uns am Polarstern orientiert.“ In Kempten feiern die Amerikaner zum Kriegsende ihren Triumph, „das hat mich ein bisschen an Silvester erinnert“. Ein Kamerad verabschiedet sich bei Regensburg, aber Schmidt muss weiter. In Wallmersbach kommt er irgendwann als erster Soldat wieder heim.

Harte Nachkriegsjahre

Aber auch die Nachkriegsjahre sind hart. Neben der Landwirtschaft hat Oskar Schmidt als Frondienstleister die Wasserleitung für Wallmersbach mitverlegt – für eine Mark pro Stunde. Alles pure Handarbeit, „damals gab es keine Bagger“. Jeder Hof muss seinen Anteil abarbeiten oder zahlen. Die Großeltern haben die Landwirtschaft gemacht, Brot gebacken, „wir konnten nicht mal schnell zum Bäcker“. Wenn sein Enkel dann wieder das Auto für zwölf Euro von einer Anlage waschen lässt, spottet Oskar Schmidt sanft, erzählt er grinsend. „Dafür hätte ich zwölf Stunden Leitung verlegen müssen.“

Seine Erfahrungen von früher teilt der Wallmersbacher gerne. Denn er hofft, dass die heutigen Generationen so etwas nie erleben müssen. „Aber leider kann ich die aktuelle Situation nicht mit Zuversicht sehen. Der Jugend steht wohl noch etwas bevor.“ Die politische Instabilität, die radikalen Mächte: „Die Politik ist wieder wie vor 100 Jahren.“ Den Jungwählern, glaubt Schmidt, geht es in ihrem Wohlstand zu gut. „Sie wissen gar nicht, wie schön sie es eigentlich haben – und sie begreifen nicht, was auf sie zukommt.“

„Die nehmen das viel zu leicht“

Zwar nennt Oskar Schmidt auf seinem Stammplatz am Esszimmertisch die drei Buchstaben AfD in dieser Reihenfolge kein einziges Mal. Aber er appelliert an die Jugend, „besser aufzupassen. Die Jugendlichen müssen die Politik besser beobachten und ihre Schlüsse daraus ziehen. Die nehmen das viel zu leicht.“ Jugendlicher Leichtsinn eben. Den kann Oskar Schmidt ja sogar verstehen, aber die Entwicklung besorgt ihn sehr.

Für sich selbst hat der 98-Jährige mittlerweile Frieden gefunden. Zwei Geheimrezepte gibt es für sein Glück: Gesundheit und Zufriedenheit. „Ich bin zufrieden, das ist der größte Reichtum. Das beruhigt Körper und Seele.“ 74 Jahre war Oskar Schmidt verheiratet, „jetzt bin ich seit zwei Jahren solo“, weil seine Frau verstorben ist. Er vermisst sie sehr, probiert aber trotzdem Tag für Tag seinen „Altsitz“ zu genießen. Wenn auch mit durchaus bangem Blick – angesichts der täglichen Nachrichten.

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