Vor 20 Jahren versetzte ein Riesengras aus China so manchen Landwirt und Anhänger nachwachsender Rohstoffe in Euphorie. Der Miscanthus galt als eine Energiepflanze mit hohem Potenzial. Auch heute stehen noch 19 Hektar von zwölf Bauern auf den Feldern im Landkreis. Leo Seitz aus Haag bei Gutenstetten zählt zu den Pionieren.
An die Anfänge erinnert er sich noch gut. Anfang der 2000er Jahre herrschte eine Ölkrise – die Landwirtschaft suchte etwas anderes zum Heizen. „Damals war das Verheizen von Getreide ein Reizthema“, erzählt er. Angesichts des Satzes „Unser tägliches Brot gib uns heute“ aus dem Vaterunser habe er immer ein schlechtes Gewissen gehabt.
Als Seitz dann erfuhr, dass man mit „einer Superpflanze“ heizen könne, fuhr er mit einigen Gleichgesinnten in die Schweiz und sah sich die Sache an. „Das machen wir auch“, habe es danach geheißen.
2003 fand sich schließlich ein halbes Dutzend Landwirte aus verschiedenen Ecken des Landkreises zusammen. 2007 wurde im Neustädter Teilort Schauerheim der „Miscanthus-Förderverein Nordbayern“ gegründet. Auch Pellets hat man damals schon präsentiert, die aus dem Elefantengras hergestellt wurden. 2007 bauten acht Landwirte im Landkreis 13 Hektar an – mit allen Mitgliedern in Nordbayern waren es 43 Hektar.
Im Folgenden bezeichnete sich der spätere Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt aus Obernzenn als „symbolischer Miscanthus-Anbauer“, ein Miscanthus-Tag in Ickelheim wurde veranstaltet und man hatte einen Vertreter des Zentrums für nachwachsende Rohstoffe aus Nordrhein-Westfalen zu Gast.
So machte Leo Seitz schließlich auch den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim zum Pionier für das Elefantengras. Er selbst nämlich war bis vor wenigen Jahren Vorsitzender des Vereins. „Niemand hat die Flächen umgebrochen“, sagt er – also nichts anderes darauf gebaut.
Geliefert werde das chinesische Schilfgras nach ganz Bayern und bis nach Hessen. Auf rund 250 Hektar bezifferte er die Anbaufläche aller 61 Vereinsmitglieder in Nordbayern heute. Der heute 71-jährige Leo Seitz war zum Gründungszeitpunkt übrigens Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes.
Die Vorteile für Landwirte lagen auf der Hand: Das Riesenschilfgras wächst schnell nach, ist anspruchslos, gedeiht auch bei warmen Temperaturen gut, ist winterfest und vergleichsweise günstig zu erwerben Und: Miscanthus muss kaum bearbeitet oder gedüngt werden. Ab dem dritten Jahr kann man ernten. Etwa 20 Jahre kann man ihn stehenlassen. Er wird 3,5 Meter hoch – angesichts der Hitze in den vergangenen Jahren sind die Erträge allerdings zuletzt zurückgegangen.
Verkaufen kann man ihn gut.
Das Elefantengras findet nach wie vor Absatz, aber offenbar nicht mehr so sehr für das eigene Heizen. „Verkaufen kann man ihn gut“, stellte Angela Ullrich, Geschäftsführerin des Miscanthus-Fördervereins Nordbayern mit Sitz in Burghaslach, fest. Landwirte mit Flächen in Neustadt, Unternesselbach, Diespeck, Gutenstetten, Gerhardshofen, Burghaslach, Ippesheim und Lenkersheim sind darin engagiert. Der Miscanthus-Anbau habe sich aus ihrer Sicht längst etabliert.
Ihr Vorgänger Karl-Heinz Haag aus Neustadt ergänzt: „Die thermische Nutzung nimmt ab und die stoffliche immer mehr zu.“ Als Einstreu für Pferde und Rinder sei Miscanthus begehrt, binde er doch Ammoniak gut. Eine große Absatzsparte sei auch die Bauindustrie: Das Chinaschilf verfüge über sehr gute Dämmeigenschaften für Wärme und Schall.
Haag wusste von einem Miscanthus-Haus in der Schweiz, das aus „Miscanthus-Beton“ gefertigt worden sei. Darüber hinaus gebe es Firmen, die Bioplastik oder auch Ölbinder daraus herstellen. Als Torfersatz tauge Miscanthus nur bedingt – dazu werde noch geforscht.
In Dänemark, so habe er auf internationalen Miscanthus-Messen erfahren, verwendet man das Riesengras zum Dachdecken – statt Reet. „Sehr aktiv“ seien die Schweiz und auch Luxemburg, wo es so manches Patent gebe.
Auch Leo Seitz verkauft das chinesische Riesengras inzwischen und heizt selbst nicht mehr damit, sondern mit Holz, denn davon habe er genug. Er erinnert sich noch gut an das Feinstaub-Problem bei der Verbrennung, das man heute „zur Zufriedenheit aller“ durch Filter in den Griff bekommen habe. Auch bilde die Asche keine glasigen Klumpen mehr in den Öfen – sie werde jetzt durch technische Methoden darin in Bewegung gehalten, damit das nicht passiert. Sein einstiger Mit-Pionier Karl-Heinz Haag heizt ebenso nicht mehr mit Miscanthus, seit er in die Stadt gezogen ist. Dort ließ sich dies heizungstechnisch nicht mehr organisieren.
Leo Seitz ist immer noch ein Vordenker. Ihm komme es vor allem darauf an, Energieformen zu finden, die möglichst wenig Kohlendioxid erzeugen. Das Riesengras überzeugt diesbezüglich: Null Kohlendioxid – höchstens bei der Ernte durch den Treibstoff des Häckslers. Erfreulich sei, dass man seit ein paar Jahren Miscanthus als ökologische Ausgleichsfläche – Greening – einstufen kann. Eine Förderung für diese Pflanze gibt es indes nicht.
Derzeit seien keine Schädlinge bekannt, die den Bestand vernichten könnten. Das Elefantengras lasse sich auch „verlustfrei lagern“. Und wichtig für die Zukunft: Die Pflanze beschattet sich selbst. Festlegen will sich Seitz allerdings noch längst nicht, entwickle sich das Thema „Energie vom Acker“ doch stets weiter. Sicher sei jedoch jetzt schon: Für Flächen, die schwer zu bewirtschaften sind und eine geringe Bodenzahl aufweisen, sei Miscanthus ideal.