Dass Eltern und Elternbeirat sich für ihre Schule und das Lehrpersonal einsetzen, zeugt vom intensiven Interesse für die Bildungseinrichtung ihrer Kinder. Eine Mutter von zwei Grundschulkindern in Schnelldorf hat einiges in Bewegung gebracht für eine engagierte Aushilfslehrkraft in Zeiten des Lehrermangels.
Einer gelernten Chemielaborantin, die einen Bachelor-Fernstudiengang Tourismus absolviert hatte und zuletzt als Flugbegleiterin arbeitete, kam die berufliche Neuorientierung gelegen. Sie hatte schon „die letzten Jahre“ bei der Schülerhilfe Ansbach Nachhilfe in Mathematik, Deutsch, Physik, Chemie, Biologie und Englisch gegeben, wie sie sagt. Sie bringt daher die Begeisterung mit, jungen Menschen etwas zu vermitteln, aber auch vertieftes und praktisches Wissen sowie Kompetenzen bei der Berufsorientierung.
Seit Januar 2021 ist die Aushilfslehrkraft bereits in Stadt und Landkreis Ansbach tätig: zunächst an der Luitpold-Grundschule, dann an der Güll-Mittelschule. Schließlich setzte sie das Schulamt aufgrund einer „akuten Personalnot“ an der Grundschule in Schnelldorf (Landkreis Ansbach) für den Unterricht in der jahrgangsübergreifenden Kombiklasse aus Erst- und Zweitklässlern ein.
Während der Sommerferien schulte die 40-Jährige im Auftrag der Regierung von Mittelfranken als „Brückenbauerin“ Schüler mit Wissenslücken aufgrund von Unterrichtsausfällen. Sonst wäre sie einen Monat ohne Job gewesen und hätte sich arbeitslos melden müssen.
Dass es sich bei der Lehrerin der Klasse 1/2a in Schnelldorf um keine ausgebildete Lehrkraft handelt, erfuhren die Eltern erst kürzlich durch die Quereinsteigerin selbst. Sie werde über das Schuljahr hinaus nicht weiter an der Grundschule Schnelldorf bleiben, da jetzt ausgebildete Grundschullehrer zur Verfügung stünden. Man habe ihr auch keinen Arbeitsvertrag als anderweitige Vertretung in Aussicht gestellt.
Das konnte Simone Albert, Mutter zweier Grundschulkinder, nicht glauben. Wie wird in Zeiten von Lehrermangel mit engagiertem Personal umgegangen, fragte sie sich. „Die kleinen Landschulen kämpfen immer wieder mit Personalwechsel oder Personalausfall – auch in Schnelldorf“, sagt Simone Albert.
Mit Engagement, Motivation und Hinwendung habe sich die Unterstützungskraft integriert und Aufgaben einer Klassenleitung übernommen, erzählt die zweifache Mutter. Die Kinder seien motiviert und hätten Spaß an der Schule. „Man sollte versuchen, gute Kräfte im Lehramt zu halten und zu unterstützen.“
Das sieht auch Jacqueline Scelle in ihrer Funktion als Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule Schnelldorf und Mutter eines Grundschulkindes so. Zusammen mit anderen Eltern der Klasse 1/2a hat sie sich gegenüber dem Staatlichen Schulamt im Landkreis Ansbach dafür ausgesprochen, die Lehrkraft „als festen Bestandteil des Lehrerkollegiums einzusetzen“. Schnelldorfs Bürgermeister Tobias Strauß unterstützte den Vorstoß.
Schulamt und Regierung von Mittelfranken haben inzwischen reagiert. Die Unterstützungslehrkraft bekommt nun doch ein weiteres Beschäftigungsangebot. Sie soll innerhalb des Schulamtsbezirks in einer Mittelschule eingesetzt werden, erklärte Schulamtsdirektorin Karoline Domröse auf FLZ-Nachfrage.
Domröse legt Wert auf die Feststellung, dass die Unterstützungslehrkraft „keine Klassenlehrerin im eigentlichen Sinne war, sondern nur in einzelnen Fächern eingesetzt wurde“. Um längerfristig im Schuldienst bleiben zu können, benötige sie eine höhere Qualifikation.
Zum neuen Schuljahr komme eine „voll ausgebildete Grundschullehrerin“ nach Schnelldorf. „Der Platz wird qualifiziert besetzt, das ist gerade bei den Kleinen sehr wichtig“, so Domröse. An der Schule werden momentan sechs Jahrgangskombiklassen unterrichtet: drei in den Stufen 1/2 und drei in den Stufen 3/4 – insgesamt um die 135 Schülerinnen und Schüler. Die Schülerzahlen sind laut Schulamt rückläufig. Es werde deshalb im Herbst eine Klasse weniger gebildet.
Die Elternbeiratsvorsitzende meinte zur neuen Situation: „Wir können anscheinend nichts tun, damit die bisherige Kraft weiterhin an unserer Grundschule unterrichten darf.“ Sie habe den Erstklässlern „ein wunderschönes Jahr geschenkt und den Rückstand der Zweitklässler gut aufgearbeitet“, so Jacqueline Scelle.
Das freundliche Wesen und die warmherzige Art der Lehrkraft „tat den Kindern sehr gut“, betont sie. Es lerne sich leichter, „wenn eine Verbindung zwischen Schülern und Lehrer besteht“. An der Grundschule Schnelldorf gab es die letzten Jahre ein Kommen und Gehen, führt die Elternbeiratsvorsitzende aus.
„Nun möchte eine Lehrkraft hierbleiben, die auch noch super bei den Schülern ankommt und darf dies leider nicht.“ Die Kinder hatten nach ihrer Einschätzung „keinen Nachteil“ wegen des nicht vorhandenen Lehramtsstudiums bei der Lehrkraft. „Ich war sogar begeistert”, betont Jacqueline Scelle, „dass mal jemand nicht alles so eng sieh“.
Durch Krankheit und Weiterbildungen fallen an der Schule immer wieder Stunden aus und es sei schwierig, Ersatz zu finden, sagt Simone Albert. Ihre beiden Kinder, 2. und 3. Klasse, bekommen nun schon die dritte Lehrkraft
Dass die Unterstützungskraft einen Arbeitsvertrag für die Mittelschule bekommt, sei ein kleiner Fortschritt, „allerdings wieder nur befristet für ein Jahr“.
Die Pandemie bedingte Sondersituation hat in den vergangenen Schuljahren in Bayern dazu geführt, dass Aushilfslehrkräfte – auch ohne Lehramtsausbildung – für Grund-, Mittel- und Förderschulen eingesetzt wurden – und bis heute tätig sind. Der Doppelschulamtsbezirk Stadt und Landkreis Ansbach umfasst 54 Grundschulen, 17 Mittelschulen und vier Privatschulen. Insgesamt sind etwa 1100 Lehrkräfte im Schulamtsbezirk beschäftigt, heißt es auf FLZ-Nachfrage.
Etwa 15 Kräfte arbeiten auf Vertragsbasis für ein Jahr befristet. Sie geben Förderunterricht, Vorkurse und weitere nicht den Kernunterricht betreffende Fächer, wird betont. Drei Einfachlehrer in Ausbildung sind für ein Fach, beispielsweise Sport, eingesetzt. Bei drei Lehrkräften wurde ein befristetes Arbeitsverhältnis in ein unbefristetes umgewandelt, weil sie ein Studium in einem Fach der Mittelschule vorweisen können und hier seit zwei Jahren erfolgreich gearbeitet haben, so Schulamtsdirektorin Karoline Domröse.
Bei weiteren Kräften auf Vertragsbasis handele es sich um Lehramtsstudenten in höheren Semestern, die meist bereits ein Erziehungswissenschaftlichem Staatsexamen (EWS) haben, oder um fertige Lehrkräfte, teilweise aus anderen Schularten, beziehungsweise Pensionäre. Die Aushilfen schlossen meist einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag ab und kommen an den Schulen bei Unterstützungsbedarf zum Einsatz, ohne eine mittel- und langfristige Perspektive zu haben.
Die Unterstützungskräfte übernehmen im Freistaat Zusatzfunktionen, etwa wenn eine Stammlehrkraft wegen längerer Krankheit ausfällt oder sich in Elternzeit befindet. Die Aushilfslehrkräfte wurden auch in Brückenklassen oder Deutschkursen für ukrainische Schüler eingesetzt. Das Kultusministerium hatte eigens eine Kampagne initiiert wegen des Bedarfs.
Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband geht von rund 4000 Lehrkräften aus, die an den Schulen des Freistaates fehlen. Doch bis heute gebe es bundesweit keine einheitlichen Bedingungen und Qualitätsstandards für den Quer- und Seiteneinstieg ohne klassische Lehramtsausbildung an Schulen.
Wo die Personalnot besonders groß ist, werden die Bedingungen für den Schuldienst gelockert für Fachkräfte aus anderen Branchen, auch wenn sie die bisherigen Voraussetzungen für den Unterricht nicht erfüllen. Der Quer- beziehungsweise Seiteneinstieg ist eine der Stellschrauben für das Kultusministerium, um dem Problem des Lehrermangels zu begegnen. Nach dem Motto: Besser ein Mensch vor der Klasse als keiner.