In diesem Jahr warten laut Eurotransplant in Bayern 1054 Patienten auf ein Spenderorgan. Im Jahr 2017 waren es noch 1473 Menschen. Andreas Scholz aus Gerhardshofen war einer von ihnen. Seine Geschichte zeigt, wie unvermittelt der Übergang vom Spendebereiten zum Empfänger sein kann.
Es begann bei Andreas Scholz 2017 mit einer harmlos wirkenden Auffälligkeit auf der Arbeit. „Meine Kollegen meinten plötzlich zu mir, meine Augen wirken unnormal gelblich. Der Hausarzt schickte mich sogleich ins Klinikum Neustadt. Dort wurde ich an das Universitätsklinikum Erlangen weiterverwiesen, doch beide Kliniken waren sich einig: Meine Leber versagte”, erzählt er.
Schnell stand fest, dass der Familienvater eine neue Leber benötigt. Er wurde an das Universitätsklinikum Großhadern nach München geschickt. Die dort begonnene Kortison-Therapie verbesserte zwar die Leberwerte, aber eine Blutgerinnungsstörung trat auf.
Als der damals knapp 34-Jährige schlussendlich auf der Intensivstation in München landete, wurde er am 6. Januar 2018 mit einem Dringlichkeitsvermerk auf die Warteliste für eine Spenderleber gesetzt. Zuvor musste er aufwendige gesundheitliche Tests durchlaufen, die seinen ansonsten guten Allgemeinzustand bescheinigten, hierzu gehörten auch psychologische Gespräche.
Die Operation am 13. Januar 2018 dauerte über zwölf Stunden. Zunächst erfolgreich, traten dann aber eine Lungenarterienembolie und eine Lebervenenthrombose auf. Auch wenn dies eine häufige Komplikation der Lebertransplantation ist, gelang es den Ärzten nicht, Scholz' erste transplantierte Leber zu retten.
Eine zweite Transplantation wurde notwendig. Diese verlief erfolgreich, und Mitte Februar erwachte der Patient. „Es folgte eine Reha, dann durfte ich wieder nach Hause. Der Tag hätte nicht besser gewählt sein können: Es war der erste Geburtstag meines jüngsten Sohnes.”, erinnert sich Andreas Scholz.
Wie ging es danach weiter? Neben einem strikten Ernährungsplan, den Scholz als „keimarm” umschreibt (dies bedeutet beispielsweise keine rohen oder halbrohen Eier oder ungewaschenes Obst), rieten ihm die Ärzte dazu, auf Alkohol und Tabakwaren zu verzichten und nur risikoarme Sportarten zu betreiben.
„Zudem nehme ich jeden Tag Medikamente, und alle drei Monate wird ein Ultraschall vorgenommen. Meine Blutwerte lasse ich monatlich beim Hausarzt kontrollieren, und hin und wieder sind eine Leberbiopsie oder eine Magnet-Resonanz-Tomographie notwendig”, zählt er auf. Seinen Vollzeitjob als Sicherheitsbeauftragter nahm er bereits 2018 wieder auf.
Bevor Scholz in die Lage geriet, auf ein anderes Organ angewiesen zu sein, war er selbst schon als aktiver Spender eingetragen. Auslöser hierfür war eine Verwandte, welche neun Jahre an der Dialyse hing. Er hält an seiner eigenen Spendenbereitschaft für den Fall der Fälle fest. „Was von meinen Organen noch verwendet werden kann, bin ich gerne bereit zu geben. Seit 2024 kann man sich zusätzlich zum herkömmlichen Organspendeausweis im Organspenderegister anmelden, Voraussetzung hierfür ist ein Personalausweis mit Online-Funktion”, weiß Scholz.
Seine Geschichte zeigt, wie schnell man von Spender zu Emfpänger wird. Die Ursache für sein Leberversagen blieb unbekannt, lediglich Vermutungen über eine Autoimmunerkrankung wurden angestellt.
Im Jahr 2025 wurden in Bayern bisher 250 Organe gespendet. Dem gegenüber stehen die 1054 wartenden Patienten. Für den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim oder auch den Regierungsbezirk Mittelfranken wurden keine Statistiken erhoben, aber das Verhältnis dürfte hier ähnlich sein. Weshalb gibt es eine solch große Diskrepanz?
Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit veröffentlichte dazu eine repräsentative Umfrage unter Hausärztinnen und Hausärzten. Diese ergab zwar, dass sich die Mediziner mit weit über 80 Prozent sehr gut informiert fühlten und auch sehr häufig Gespräche über dieses Thema führten und auch, dass Patienten einer Organspende zu über 60 Prozent grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Allerdings wird die eigene Spendenbereitschaft zwiegespalten gesehen. Was also lässt potenzielle Spender vor der Einwilligung in Organspenden zurückschrecken?
Eine mögliche Sorge greift die DSO, die deutsche Stiftung Organtransplantation, auf ihrer Webseite auf: „Ich habe eine Zustimmung zur Organspende. Wird auf einer Intensivstation trotzdem alles medizinisch Mögliche für mich getan, wenn ich lebensbedrohlich erkranke?”, heißt es dort in einer häufig gestellten Frage.
Darauf hat die DSO eine klare Antwort: „Ziel aller medizinischen Maßnahmen im Falle eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung ist es, das Leben des Patienten oder der Patientin zu retten. Die Bemühungen der Rettungsteams sowie der Ärztinnen und Ärzte sind allein auf dieses Ziel ausgerichtet.”
Das gelingt nicht immer. Tritt der Tod durch den unumkehrbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Hirns und des Hirnstammes ein, können Kreislauf und Atmung können nur noch durch Maschinen und Medikamente aufrechterhalten werden. Erst dann stellt sich die Frage nach einer Organspende: Voraussetzung ist dabei immer, dass der Tod von zwei dafür qualifizierten Ärztinnen oder Ärzten unabhängig voneinander nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden ist. Diese Ärzte dürfen weder an der Entnahme noch an der Übertragung der Organe aus dieser Spende beteiligt sein.
Ob man in Deutschland Organspender werden will, bleibt jedem selbst überlassen. Eine mögliche Motivation könnte es sein, dass man die Gewissheit hat, im Ernstfall einem Menschen das Leben retten zu können. So wie das von Andreas Scholz. „Ich werde nie vergessen”, so erklärt er, „wie mir in der Reha gesagt wurde, dass es nun in meiner Verantwortung liegt, was ich mit dem Geschenk des Lebens anfange.”