Das trübe Wetter und die langsam einsetzende Dämmerung passten zur nachdenklichen Grundstimmung, die sich auf dem jüdischen Friedhof im Rahmen der Kulturwoche „Le Chajim!” einstellte. Etwa 70 Personen waren der Einladung von Pfarrer Dr. Oliver Gußmann zu der Begegnung gefolgt. Sie bildeten auch eine Menschenkette an den Grabsteinen.
Der jüdische Friedhof, „das Haus des Lebens“, ist eine rituell geweihte Fläche, die durch eine Einfriedung von der nicht geweihten Fläche getrennt ist. Alle Grabsteine weisen nach Osten Richtung Jerusalem. Die Grabsteine sollen an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern. Pfarrer Gußmann berichtete, dass im Jahr 1875 in Rothenburg eine jüdische Gemeinde gegründet wurde, die bis zu ihrer Vertreibung am 22. Oktober 1938 bestand.
Zwischen 1870 und 1899 seien jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt andernorts, etwa in Ermetzhofen, bestattet worden. Aus dem Jahr 1876 stamme eine Notiz über die Toleranz der Stadt anderen Religionen gegenüber: „Die hiesige Stadt kann jenen Städten, wo die Toleranz noch nicht ganz zum Durchbruch gekommen ist, als leuchtendes Vorbild aufgestellt werden“, laute diese.
Im September 1899 erhielt die Israelitische Kultusgemeinde Rothenburg die Erlaubnis, einen neuen Friedhof anzulegen. Die Anlage mit einer Fläche von 300 Quadratmetern wurde 1899 errichtet. Ihr gegenüber steht das rechteckige Leichenhaus (Taharahaus) aus roten Backsteinen. Dies ist der Friedhof der letzten jüdischen Gemeinde in Rothenburg. Hier findet man 41 Grabsteine und 46 Gräber, acht Doppelgräber und zwei Kindergräber.
Der Friedhof wurde 1943 geschändet. 1945 transportierte ein Steinmetzmeister die Grabsteine nach und nach ab, die jüdischen Namen wurden ausgefräst und die Steine möglicherweise auf dem städtischen Friedhof wieder verwendet.
1946 forderte die Militärregierung von der Stadt Rothenburg die Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs. Bürgermeister Hörner schrieb damals: „Der Friedhof befindet sich in einem verwahrlosten Zustand. Aus dem Leichenhaus sind alle Inventareinrichtungen weggebracht worden, mit unbekanntem Ziel.“
Im Jahre 1947 errichtete die Stadt neue, einheitliche Grabsteine mit Einfassungen. Auf jedem Stein wurden eine Menora, ein siebenarmiger Leuchter, sowie der Name, das Geburts- und Sterbedatum und die Jahreszahl 1947 eingemeißelt. Aus dem Protokoll einer Stadtratssitzung vom Dezember 1946 geht hervor, dass nach endgültiger Instandsetzung des Friedhofes „die für die Zerstörung Verantwortlichen zum Ersatz der Unkosten verpflichtet werden“.
Der Rothenburger Stadtrat veranlasste 1947 den Einbau einer Wohnung ins Friedhofs-Gebäude. Dort sollte nach der Umbaumaßnahme „ein Wächter“ logieren. Das Taharahaus diente laut Gußmann zunächst als Mietwohnung für einen Polizeihauptwachmeister, dann für Privatleute und später als Unterkunft für Durchreisende. Heute sei es vom Verfall bedroht.
Im Jahre 1975 wurde der Friedhof ein weiteres Mal umgestaltet. Man errichtete auf der westlichen Seite eine Steinmauer und verlegte den Eingang auf diese Seite. Pfarrer Dr. Gußmann wies auf ein Grab besonders hin, mit dem sich eine tragische Familiengeschichte verbindet. Clara Mann (1875-1933), Tochter von Salomon und Therese Oberndörfer, ist hier bestattet.
Mit 24 Jahren heiratete sie in Würzburg den Viehhändler Theodor Mann. Im März 1933 überfielen SA-Leute die Firma des Viehhändlers Josef Mann in der Adam-Hörber-Straße. Hier wohnte die Familie Claras bei der Familie des Schwagers. Die SA-Leute misshandelten den Besitzer und seine beiden Söhne. Das Haus wurde wochenlang belagert. Das Geschehen hinterließ bei der Familie tiefe seelische Wunden. Clara schied im selben Jahr im Alter von 57 Jahren durch Suizid aus dem Leben.
Die anwesenden Menschen bildeten zum Abschluss eine Menschenkette rings um den Friedhof. Pfarrer Gußmann sprach zum Totengedenken das Kaddisch (Totengebet) und lud zu einer Schweigeminute ein.
Zweiter Bürgermeister Dieter Kölle dankte im Namen der Stadt für die beeindruckende Führung auf dem jüdischen Friedhof und erinnerte an das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das jedem Menschen ein Leben in Freiheit und Würde garantiert.