Eigentlich spielt sie Volleyball, seitdem sie laufen kann, sagt Lotta Lischka. Ein bisschen pritschen hier, ein Ball zum Baggern dort – so fängt es an. Mit fünf oder sechs Jahren geht sie in den Verein, wird zur Überfliegerin. Mittlerweile spielt die 18-Jährige aus Welbhausen (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) Bayernliga beim TSV Lengfeld, und schon bald wartet der nächste Karrieresprung: ein Volleyball-Stipendium in den USA.
Iowa statt Mittelfranken, Sioux City statt Welbhausen: So wird Lotta Lischkas Leben ab dem 28. Juli aussehen. Dann hebt der Flieger ab, für das wohl größte sportliche Abenteuer im bisherigen Leben der Volleyball-Spielerin. Am 1. August bezieht sie ihren Schlafraum auf dem College-Gelände. Dort wird sie zwei Jahre lernen und leiden, leben und siegen.
Doch bevor das College-Jahr mit dem Studium losgeht, wird Lischka in der Pre-Season auf Herz und Nieren geprüft, oder besser gesagt: auf Technik und Ausdauer. Denn die ersten beiden Wochen stehen voll im Zeichen der sportlichen Vorbereitung. Anstrengend und hart könnte diese Anfangszeit werden, das sagt zumindest ihre Agentin Sandra Brunke von „VolleyUSA“.
Agentin? Ja, genau. Denn wer in den USA ein Volleyball-Stipendium haben will, der braucht Kontakte. Brunke ist die wohl führende Vermittlerin junger Spielerinnen in den USA – und an die gebürtige Potsdamerin hat sich auch Lotta Lischka gewandt.
Brunke schätzt anhand der Daten und Leistungen ab, ob die Spielerin den Durchbruch schaffen könnte, jede Bewerberin muss außerdem ein Video mit sportlichen Höhepunkt-Momenten einreichen. Für die 18-Jährige lautet das Urteil: Das könnte sehr gut klappen. Am College in Sioux City im Bundesstaat Iowa unterschreibt Lotta Lischka schließlich ihren Vertrag – und ist somit von nun an Teil eines hochspannenden Projekts.
Denn das Western Iowa Tech Community College hatte bisher noch nie ein Volleyball-Team. Entsprechend hat der Coach derzeit alle Möglichkeiten, sich seine Wunsch-Spielerinnen zu verpflichten. Acht haben bereits unterschrieben, Lischka war eine der ersten. Eine Australierin wird mit ihr im Team sein, eine Japanerin, eine Französin. Mit Letzterer und ihrem Coach hat sie schon telefoniert, den Rest des Teams wird sie wohl erst vor Ort kennenlernen. Und bisher fehlen noch gut fünf Spielerinnen für den Gesamtkader.
Das alles fühlt sich für Lotta Lischka bisweilen noch an wie eine Parallelwelt. „Manchmal überlege ich schon, ob ich überhaupt gut genug bin“, sagt sie. „Ich meine, der Coach sucht Spielerinnen auf der ganzen Welt.“ Und sie ist eine davon. Wie es wohl werden wird, wenn so viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen? Lischka gibt ehrlich zu, manchmal diese „Oh, oh, wird das was?“-Momente zu haben. „Aber Motivation und Aufregung überwiegen.“
2022 hat Lischka ihr Abitur an der Uffenheimer Christian-von-Bomhard-Schule gemacht. In deren Sportgemeinschaft hat sie ihre ersten Gehversuche im Volleyball gemacht, und ist dafür zutiefst dankbar. Ihre Position ist Libero, hinten im Feld, Abwehr und Ballannahme. „Bei meiner Größe ist auch nicht viel anderes möglich“, sagt die 165-Zentimeter-Frau lachend. Ob das neu formierte Team vom Western Iowa Tech Community College die Junior-College-Liga rocken wird, das kann Lotta Lischka noch überhaupt nicht abschätzen. Auch wie das Niveau sein wird, bleibt noch eine Überraschung. Aber sie ist sich sicher: Wer ausgewählt wurde, wird sicherlich eine gewisse Grundleistung mitbringen.
Lischka ist von klein auf eine ambitionierte Volleyball-Spielerin. Aber seitdem sie ihren US-Vertrag unterzeichnet hat, steigt der Ehrgeiz von Tag zu Tag. Ein bisschen, das sagt sie augenzwinkernd, war sie selbst überrascht, dass das überhaupt noch möglich war. Tagtäglich wird sie in den USA Training haben – am Ball, Ausdauer, Kraft.
Wenn es dann ernst wird und ein Spiel ansteht, dürfen die Spielerinnen sogar mal die Vorlesung schwänzen, denn nicht zuletzt die Wege zu den Turnieren sind bisweilen weit. Zehn Stunden Busfahrt sind da keine Seltenheit. „Das sind in den USA ganz andere Dimensionen.“
Live-Erfahrungen hat sie aber noch nicht sammeln können. Denn die Welbhausenerin war bisher noch nie in den Staaten. „Ich bin aber mit meiner Reise-Erfahrung gut dabei. Wir sind fast jede Ferien weggefahren.“ Hinzu kommen Austauschprogramme mit Mexiko und Kolumbien sowie eine Au-pair-Zeit in Neuseeland nach dem Abitur. „Eigentlich wollte ich erst einmal so weit weg wie möglich.“ Und: „Man lernt viele Leute kennen.“ Das mag die 18-Jährige. In ihrer Gastfamilie hat sie Neuseeland authentisch kennengelernt. „Es ist spannend zu sehen, wie andere Weihnachten feiern, am anderen Ende der Welt.“
Die Natur hat sie begeistert, die Vielfalt, die Vulkane, die Gletscher und die Roadtrips, um all das zu erkunden. Allerdings gibt es in fremden Kulturen freilich auch mal Probleme. Diese anzusprechen und zu klären, ist ihr anfangs nicht leicht gefallen. „Aber man wächst daran.“
Nicht allzu lange ist Lischka nun wieder und nicht mehr lange noch in Welbhausen. Denn wie gesagt: Ende Juli geht’s weiter. „Jetzt gehst du schon wieder und dann auch noch so lange.“ Das sei die erste Reaktion von so mancher Freundin und so manchem Freund gewesen. „Aber alle sind sehr unterstützend.“ Und an Weihnachten und im Mai hat Lotta Lischka auch Gelegenheit, heimzufliegen.
Als Studienfach will die Sportlerin Psychologie wählen – Stand heute. „Das ist aber noch nicht zu 100 Prozent sicher“, sagt sie. Anfangs muss sie das Grundstudium absolvieren, danach könnten es vielleicht auch die Bewegungswissenschaften werden.
Mit den Vorbereitungen für ihr USA-Abenteuer musste sie schon während ihrer Abizeit beginnen. Visum beantragen, die nötigen Impfungen abarbeiten und Zeugnisse übersetzen lassen: „Es ist wirklich viel Arbeit.“ Aber sie hat und hatte stets Leute um sich, die ihr helfen konnten.
Jetzt hat sie noch ein paar Wochen Schonfrist, bis es sportlich ernst wird. Sie will noch so viel wie möglich trainieren, um ihren Fitnessgrad zur größtmöglichen Perfektion zu treiben. Ansonsten gilt: „Der Vertrag ist unterschrieben, der Flug ist gebucht. Es ist fix.“ Bleibt nur noch eine Hausaufgabe: Koffer packen.