Ein Sinnstifter an der Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.07.2024 13:59

Ein Sinnstifter an der Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel

Harald Helgerts Lieblingsplatz innerhalb der Schule ist momentan das Foyer, in dem das Seidenraupen-Projekt präsentiert wird. Dort kann man den Tieren beim Spinnen ihrer Kokons zuschauen. (Foto: Nina Daebel)
Harald Helgerts Lieblingsplatz innerhalb der Schule ist momentan das Foyer, in dem das Seidenraupen-Projekt präsentiert wird. Dort kann man den Tieren beim Spinnen ihrer Kokons zuschauen. (Foto: Nina Daebel)
Harald Helgerts Lieblingsplatz innerhalb der Schule ist momentan das Foyer, in dem das Seidenraupen-Projekt präsentiert wird. Dort kann man den Tieren beim Spinnen ihrer Kokons zuschauen. (Foto: Nina Daebel)

Wenn Harald Helgert während der Pause aus dem Fenster seines Büros in der Grund- und Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel schaut, sieht er quirlige Kinder auf dem Kletterturm herumkraxeln. Diesen Blick wird der Schulleiter bald schmerzlich vermissen. Denn Helgert wechselt nach 41 Jahren im Schuldienst, davon 24 in Burgbernheim, in den Ruhestand.

Er tut dies nur äußerst ungern. Freude? „Nein“, die empfinde er wahrlich nicht. Für ihn wird der nächste Lebensabschnitt ein sehr herausfordernder, da ist sich der 66-Jährige sicher: „Ich werde mich neu definieren, neu aufstellen und einordnen müssen“, sagt er und verweist auf Loriots „Pappa Ante Portas“, wo der gerade pensionierte Bankdirektor sagt: „... das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.“

Kleine Fenster der Freiheit

Doch ab und zu würden tatsächlich „kleine Fenster der Freiheit“ aufblitzen, die es künftig wohl zu genießen geben wird. Dann kann sich Helgert vorstellen, dass er endlich mehr Zeit für seine Hobby-Imkerei mit fünf Völkern haben wird, wie er regelmäßig und ohne Zeitdruck zum Singen in die Bad Windsheimer Kantorei fährt. Beides habe für ihn geradezu etwas Spirituelles, das ihn stärke und durch das er sich erholen könne, sagt Helgert.

Außerdem will er brachliegende Beziehungen beleben, das soziale Netz wieder fester spannen. Zur Gitarre will er wieder greifen und neue Spieltechniken erlernen. Der Gutschein für den Bildhauer-Kurs an einer Volkshochschule soll eingelöst werden. Und Helgert möchte versuchen, ein paar neue Fähigkeiten an sich zu entdecken und die dann auch entfalten.

Aktuell ist der 66-Jährige noch im ganz normalen Schul-Stress gefangen: Zeugnisse, Konferenzen, Organisatorisches, Verabschiedungen von Kollegen: Da scheint die Übergabe des Büros und der Geschäfte an seine Nachfolgerin Martina Anderlik noch weit entfernt zu sein. Doch eigentlich ist sie schon nah. Eine erste, gemeinsame Begehung der Schule hat bereits stattgefunden. Anderlik hat bislang die Grundschule in Ipsheim geführt und übernimmt nach den Sommerferien die Leitung der Grund- und Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel.

Die Nachfolge ist geregelt

Helgert ist froh drüber, dass seine Nachfolge geregelt werden konnte. Die Grundschulen in Ipsheim und Dietersheim müssen hingegen ohne eigene Leitung ins neue Schuljahr starten. Das hatte der Grund- und Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel in der Vergangenheit auch schon einmal gedroht. Doch da gab es ja Harald Helgert. Er war bereits Konrektor, bevor er vor nunmehr vier Jahren die Leitung übernommen hat – weil niemand anderes die Stelle hatte haben wollen.

Der 66-Jährige indes hat sie voller Leidenschaft ausgeübt. Allerdings konnten die bürokratischen Verwaltungspflichten ihn nie so begeistern, wie die Kinder. Die Unterrichtsstunde in einer Klasse sei etwas Abgeschlossenes, während die Bürokratie nie zu enden scheine. Sie sei zudem sehr viel schwieriger zu händeln als die Schüler. Die würden irgendwann schon auf kleinste Gesten wie eine hochgezogene Augenbraue reagieren und schnell zurück zum disziplinierten Lernen finden.

Als Lehrer und als Führungskraft hat Helgert immer darauf geachtet, authentisch zu sein. Im Umgang mit Menschen hat ihn zudem seine humanistisch-christliche Prägung geleitet. Der Einzelne steht für ihn im Mittelpunkt. Und so ist die Antwort auf die Frage: „Was unterrichtest du?“ eigentlich immer klar gewesen: Schüler. „Erst kommt der Mensch, dann kommt das Fach“, betont Helgert. Denn wenn es in einer Klasse, aus welchen Gründen auch immer, nicht rund läuft, sei ans Lernen gar nicht erst zu denken. Man müsse Probleme, Konflikte oder Befindlichkeiten klären, bevor man ans Fachliche gehen könne.

Eltern sind gefordert

Unverzichtbar und geradezu elementar ist für Helgert in Bezug auf den Lernerfolg eines Kindes die Person des Lehrers. So seien digitale Lernmethoden zwar durchaus wichtig. Doch ohne einen guten Lehrer mit einem guten Menschenbild hätte auch alles andere keinen Wert. Deswegen blickt der 66-Jährige kritisch auf den Trend, Quereinsteiger in die Schulen zu schicken und zu meinen, sie könnten den Lehrermangel ausgleichen. „Mit Quereinsteigern verlieren wir Qualität.“

Mit Sorge blickt Helgert mittlerweile auch auf die zunehmenden Lebensprobleme der Schüler, die an der Klassenzimmertür nicht mehr Halt machen. Das würde die Lehrer zusätzlich fordern, genauso wie die mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft der Eltern, Erziehungsarbeit zu leisten. „Das Kind an sich ist selten das Problem.“ Wenn Eltern aber die helfenden Hände der Pädagogen ausschlagen würden, könnten die manchen Fall nur noch verwalten. „Das tut weh, aber man kommt da nicht mehr ran.“

Respekt und Vertrauen

Sich selbst sieht Helgert als Sinnstifter, pädagogischen Zehnkämpfer und Allrounder. Als Lehrer und Schulleiter, so sagt er, spiele man zudem immer eine Rolle. Wer die gut ausfüllen wolle, müsse sein pädagogisches Handwerkszeug beherrschen. Besonders wichtig sei dabei die Beziehungsarbeit. Außerdem müssten gegenseitiger Respekt und Vertrauen vorhanden sein, damit Schule gelingen kann. Wenn es gelungen ist, hat Helgert das immer daran erkannt, dass es ihm schier das Herz zerrissen hat, wenn er die Abschlussklassen in den Ernst des Lebens entlassen musste. „Das tut echt weh.“

Nun selbst gehen zu müssen, das schmerzt ihn ebenfalls sehr. „Da ist viel Dankbarkeit, aber auch Wehmut. Ich erinnere mich an viele gute Dinge“, sagt Helgert. Er hofft inständig, dass es ihm im Ruhestand gelingen wird, sich das Leben, wie es war, mit all den guten Dingen zu bewahren und nicht als etwas Abgeschlossenes zu sehen. Denn er möchte nicht zu denen gehören, die rückwärtsgewandt leben und sagen, dass früher alles besser war. „Ich will mein Leben nach vorne leben.“

Nach den Sommerferien wird das wohl damit beginnen, neue Strukturen im Alltag zu schaffen. Vorher wird Harald Helgert sich eine Auszeit in Schweden gönnen.

Am Mittwoch, 24. Juli, wird er nach 24 Jahren an der Grund- und Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel offiziell verabschiedet. Welche Worte er bei der Feier sagen wird? Eigentlich sei er ja ein geübter Grußredner. Aber, ja, diesmal werde es besonders. Es ist schließlich sein erster Abschied in den Ruhestand: „Ich übe noch.“

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