Mehr als 100 Jahre Lebensgeschichte hat Anna Grauvogl erlebt. Sie ist am 16. März 1922 geboren. Heute sprüht sie immer noch vor Lebensfreude – etwas, das man nach vielen Herausforderungen erst einmal schaffen muss.
„Allmächtiger Gott!“ So reagiert Anna Grauvogl auf die Erinnerung ihrer Enkelin Nadja Nendel: „Oma, heute wirst du 103 Jahre alt.“ Die Jubilarin kann es selbst nicht ganz fassen, trägt jedoch ein großes und herzliches Lächeln im Gesicht. Auch Windsbachs erster Bürgermeister, Matthias Seitz, ließ es sich nicht nehmen, zu gratulieren. Als Stellvertreter für den Landrat war außerdem Rainer Erdel vor Ort.
Seit ungefähr zehn Jahren lebt Grauvogl nun schon im Seniorenheim Haus Phönix in Windsbach. Mit dem Hören läuft es nicht mehr so gut, erklärt ihre Tochter Heidemarie Holtkötter, fügt jedoch mit einem Schmunzeln hinzu: „Sie hört nur das, was sie hören will.“
Mental und auch sonst körperlich – die 103-Jährige nimmt keinerlei Medikamente – sei sie jedoch noch fit. Selbst beschreibt Anna Grauvogl sich übrigens als „zähes Luder“. Dem stimmt auch ihre Tochter zu. „Humorvoll, offen, selbstständig und manchmal auch stur“ – so würde Holtkötter ihre Mutter in wenigen Worten zusammenfassen. Und so muss man vielleicht sein, wenn man genauso viel erleben möchte wie die Jubilarin.
Gebürtig stammt sie aus Solnhofen und hat noch zwei weitere Geschwister. Anna Grauvogl ist die Älteste. Ihre Kindheit verlief normal – bis 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Da war sie gerade einmal 17 Jahre alt. Holtkötter erzählt, dass der Krieg für ihre Mutter eine traumatische Zeit war. Ihr Leben wurde auf Pause gesetzt, während des Krieges arbeitete sie am Bodensee beim Militär im Bereich der Flugabwehr und lebte bei Verwandten.
Mit 34 Jahren zog Grauvogl dann in ihre Wahlheimat Nürnberg, arbeitete als Haushaltshilfe und eignete sich das Schneidern an. Dort lernte sie schließlich auch ihren späteren Ehemann Hans Grauvogl kennen.
1958 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Doch nur wenige Jahre später folgte ein herber Schicksalsschlag: Ihr Mann Hans starb, als die Tochter erst 16 Jahre alt war. Anschließend lebte die 103-Jährige allein mit ihrem geliebten Dackel „Trolli“ in Nürnberg. Ihre Tochter wohnte nur wenige Häuser weiter.
Schon ihr ganzes Leben lang strickt und näht die Jubilarin leidenschaftlich gern, und so gestaltete sie ihre Zeit auch im Rentenalter. Nendel erinnert sich schmunzelnd an die Stricksocken und Pullover, die ihre Großmutter für alle anfertigte. Sogar zusammengehörende Kleider schneiderte Grauvogl für sich und ihre Enkelin.
Als diese klein war, begleitete die Jubilarin die Familie öfter in den Urlaub, sozusagen als „Kindermädchen“, wie Nendel berichtet. Eine ihrer Lieblingserinnerungen entstand in einem der gemeinsamen Skiurlaube: Grauvogl, selbst bereits um die 70, versteckte in den Bergen Ostereier für ihre Enkelin.
„Die stärkste Frau, die ich kenne“: Das ist ihre Großmutter für Nadja Nendel. Sie erinnert sich genau an die Lebensweisheit, die ihre Oma mit ihr teilte: „Man muss jeden Tag aufstehen und die Sachen einfach machen, nicht aufgeben. Und irgendwann ist es wieder schön.“ Innerhalb nur eines Monats hatte Grauvogl einst sowohl ihre Mutter als auch ihren Mann verloren. Ihre Denkweise half ihr dabei, selbst solche schwierigen Zeiten zu überstehen.
Auch noch, als sie bereits älter war, bestand Grauvogl strikt darauf, sich selbst zu versorgen, was noch einmal ihre besondere, beinahe sture Selbstständigkeit deutlich macht, wie Holtkötter erzählt.
Außerdem sei ihre Mutter ein sehr toleranter, weltoffener Mensch. Während ihrer Rente wurde die 103-Jährige gerne mal in der Küche erfinderisch und probierte diverse Rezepte aus. Mit 93 Jahren, nach einem Oberschenkelhalsbruch, kam Grauvogl dann nach Windsbach in das Haus Phönix. Ein Rezept oder Geheimnis, wie man so alt wird, hat die Jubilarin übrigens nicht; es scheint vor allem Glück gewesen zu sein. Doch ihre Tochter und Enkelin merken mit einem Grinsen an: „Jeden Geburtstag gibt es Sachertorte. Deshalb ist sie so alt geworden.“