Schon auf der zweiten Seite wird deutlich, dass es sich bei diesem Buch für den Autor um eine durchaus emotionale Angelegenheit handelt. Kurz vor Weihnachten wird „Von der Heldenverehrung zum Opfergedenken“ erscheinen – ein Buch über „Kriegerdenkmäler und Erinnerungskultur im Landkreis“. Verfasst wurde es vom Historiker und Neustadts Alt-Bürgermeister Dr. Wolfgang Mück.
Ein schlichtes Schwarz-Weiß-Porträt, aufgenommen im Stil der späten 1920er Jahre, ist auf dieser eingangs erwähnten zweiten Seite zu sehen. Der junge Mann, der hier abgebildet ist – scheinbar kaum mehr als ein Teenager zum Zeitpunkt der Aufnahme – blickt den Betrachter nicht direkt an, sondern ernst an der Linse der Kamera vorbei nach links. Daneben findet sich der Text: „Ferdinand Mück (1907 - 1945) gewidmet. Unserem Vater, Wehrmachtssoldat ab 1939, vermisst im Januar 1945 in Ostpreußen, dem es nicht vergönnt war, zu seiner Frau und Familie zurückzukehren und seine drei Söhne aufwachsen zu sehen.“
Nein – dieses Buch ist sicherlich keines der „Mück-typischen“ Werke. Zwar hat der Autor auch in diesem Fall wieder akribisch geforscht, gelesen, verarbeitet, hat Gespräche geführt und Archive durchwühlt, war in allen Ecken und Winkeln des Landkreises Neustadt/Aisch-Bad Windsheim unterwegs – man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit in diesen 469 Seiten steckt. Doch trotz aller wissenschaftlichen Akribie – die gelehrsame Distanz, die ansonsten aus Mücks Büchern spricht, findet man hier nicht. Zu dringlich scheint dem Historiker offenbar das Thema, zu persönlich nimmt er Dinge wie „Erinnerungskultur“ und „Heldenverehrung“, zu nahe gehen ihm – dem einst Heimatvertriebenen – Krieg und Sterben auf dem Schlachtfeld.
Wolfgang Mück, einst Lehrer, dann Politiker, schließlich Forscher und Autor, war und ist ein Sozialdemokrat der alten Schule. Kein Schröder'scher Agenda-Epigone, sondern einer, der sein politisches Wirken in erster Linie am Erbe jener ausgerichtet sieht, die 1933 gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten, der sich dem sozialen Humanismus verpflichtet fühlt, der das Wissen um die Historie dieses Landes als Mahnung und Warnung versteht und mit Stift und Tastatur unbedingt seinen Beitrag dazu leisten will, dass sich diese Geschichte eben nicht wiederholt.
„Politisches Erinnern ist ein Phänomen der Moderne“, schreibt Mück in seinem Vorwort und benennt wenig später seinen Antrieb, sich mit den Zeugnissen jener Erinnerung zu befassen. „Kriegerdenkmäler sind zwar primär Zeugen eines Krieges und verweisen damit auf die Vergangenheit, sie drücken jedoch immer auch den Geist ihrer Entstehungszeit aus. ( . . . ) Kriegerdenkmäler stehen damit in einem Traditionszusammenhang, der oftmals von nachfolgenden Generationen nicht mehr gesehen oder geteilt wird. Insofern kann ein Denkmal auch provozieren. Das Denk-Mal kann somit zum Ärgernis werden, das aus dem öffentlichen Raum entfernt, quasi entsorgt wird.“
Nein, das Vergessen, Verdrängen, Verharmlosen ist Mücks Sache nicht. Er hält die Wunden offen, hat das im Jahr 2016 auch mit seinem viel beachteten und in und um Neustadt zuweilen höchst kontrovers diskutierten Buch „NS-Hochburg in Mittelfranken. Das völkische Erwachen in Neustadt an der Aisch“ getan. Mück kennt seine Pappenheimer, weiß wie verlockend der warme, weiche Mantel des Schweigens ist. Im zweiten Kapitel „Kriegerdenkmäler und Erinnerungsstätten“ zitiert er einen Gesprächspartner aus den 1980er Jahren: „Ich bin immer schockiert, wenn ich von allen parteipolitischen Richtungen einschließlich der Konfessionen immer wieder sehe, dass man das, was nun einmal Geschichte ist, immer wieder ausgräbt.“ Nun – Wolfgang Mück schockiert offenbar nach wie vor gern.
Man sollte sich nicht täuschen lassen von der Aufmachung. Mücks Buch über Kriegerdenkmäler ist keine reine Bestandsaufnahme der schier unglaublichen Vielfalt an Denkmälern, Gedenktafeln, Grabsteinen und Erinnerungsbüchern – es ist selbst ein Mahnmal wider das Vergessen und Verdrängen, eine doppelt zu deutende Erinnerung an Täter und Opfer.
In seinen Kapiteln unterscheidet Mück zwischen dem öffentlichen Gedenken und dem individuellen Erinnern. Er befasst sich intensiv mit den Inschriften auf den Monumenten und den Gräbern, mit ihren Erschaffern und den Auftraggebern, er schreibt über Gedenkfeiern und listet im zwölften und letzten Kapitel – dem naturgemäß mit weitem Abstand am umfangreichsten – die Denkmäler des Landkreises in Wort und Bild auf.
Von Abtsgreuth über Adelhofen und Altheim über Dachsbach, Diespeck und Ergersheim bis hin zu Wilhelmsdorf, Willmersbach und Ziegenbach sind dort alle auffindbaren Mahnmale aufgelistet: von monströsen Quadern und überlebensgroßen Engels- oder Löwenfiguren aus Sandstein bis hin zu kleinen Tafeln an Bäumen oder Scheunenwänden. Beschrieben werden auch Fotomontagen mit Bildern der Gefallenen in Gasthäusern oder schlichte Holzkreuze – zuweilen erneuert, ständig der Witterung ausgesetzt, so vergänglich wie zeitlos.
Mück unterscheidet nicht, gewichtet nicht nach Bedeutung und nur ganz selten schimmert eine klitzekleine Wertung durch die Zeilen neben den Fotos. So schreibt er beispielsweise auf der allerletzten Seite der Auflistung über das Denkmal in Ziegenbach: „Mit einem schlichten Holzkreuz und einer auf einem roh behauenen Findling eingelassenen Gedenktafel ehrt Ziegenbach seine Kriegstoten beider Weltkriege.“ Und weiter: „Braucht es denn mehr, eine würdige Stätte der Trauer und des Gedenkens zu schaffen?“
Es ist also ein politisches Buch, das Mück da geschrieben hat, aber eben auch ein wissenschaftliches Werk – Appell und Bestandsaufnahme in einem. Da wird das höchst ungewöhnliche Erinnerungsmal von Marktbergel, gefertigt aus Munitionsschrott, gezeigt, das erst im Jahr 2021 entstanden ist, aber auch die seltsame Geschichte jener Denkmalanlage am südlichen Rand des Dorfweihers von Lipprichhausen, die 1922 einem Müllersohn und einem Bildhauer hohe Geldstrafen einbrachte. Und wer hätte gedacht, dass es allein in Diespeck fünf höchst unterschiedliche Denkmäler zu entdecken gibt?
„Von der Heldenverehrung zum Opfergedenken“ von Dr. Wolfgang Mück ist im PH.C.W. Schmidt-Verlag (Neustadt) erschienen und wird unter der ISBN-Nummer 978-3-87707-311-7 voraussichtlich in der Woche vor Weihnachten in den Buchhandlungen erhältlich sein.