Sich in der Natur zurechtfinden, Demokratie erleben und als Gemeinschaft zusammenwachsen: Gut drei Jahre sind vergangen, seit sich in Bad Windsheim ein Pfadfinder-Stamm gegründet hat. Mittlerweile treffen sich jede Woche zwei Gruppen mit Kindern verschiedenen Alters. Die Nachfrage boomt, mehr ehrenamtliche Hilfe ist aber nötig.
Johanna Schröppel, die in Bad Windsheim als Gemeindereferentin arbeitet, Dajana Pissors und Felix Rieß leiten den Stamm. Benannt wurde er nach Dorothea Pastorius. Bei vielen Stämmen ist es üblich, eine bekannte Person aus der Gegend für den Namen zu wählen, erklärt Johanna Schröppel. Schnell war klar: Ein Frauenname soll es werden. Thomas Spyra brachte die Verantwortlichen auf Dorothea Pastorius, die 1656 in Bayreuth unter dem Namen Volkmann geboren wurde und 1674 den späteren kaiserlichen Oberrichter in Windsheim Melchior Adam Pastorius heiratete. Sie habe sich für Frauenrechte starkgemacht und gegen die „Sauferei und Fresserei” in Stadtratssitzungen und die Vetterleswirtschaft in dem Gremium engagiert.
Zwei Pfadfinder-Gruppen treffen sich mittlerweile einmal pro Woche für anderthalb Stunden im Bad Windsheimer Waldkindergarten „Wichtelglück”. Zwölf Kinder, die in vierte und fünfte Klassen gehen, nennen sich die „Wölfe”. Sie werden von Dajana Pissors betreut, die aktuell von der Mutter einer Pfadfinderin unterstützt wird. Felix Rieß und Johanna Schröppel sind für die Meute „Rikki-Tikki-Tavi” zuständig, zu der 16 Kinder gehören, die die zweite und dritte Klasse besuchen. Die Pfadfinder arbeiten nah an den Erzählungen des Dschungelbuchs – demnach sind auch die Gruppen-Namen an die Geschichte angelehnt.
Zweimal im Jahr geht jede Gruppe auf eine Freizeit. „Ein Highlight für die Kinder”, sagt Schröppel. Für die Jüngeren war es heuer erstmals so weit. Die Vorfreude war riesig. Wichtig seien diese Ausflüge für die Gemeinschaft. „Sie zeigen, ob das Zusammenwachsen funktioniert hat, und stärken die Bindung.” Bei den Wölfen ging der Plan bereits auf. Das Gruppengefüge habe sich enorm gefestigt, gegenseitig unterstützen die Kinder sich gut, sagt Dajana Pissors. Das ist das Ziel. Bewusst halte man die Gruppengröße deshalb klein und bringe Kinder ähnlichen Alters zusammen.
Geplant sei, irgendwann einmal eine gemeinsame „Stammesfahrt” zu organisieren. Dann könnten sich die Jüngeren mit den Älteren vernetzen und ein Erfahrungsaustausch ermöglicht werden. „Da wollen wir langsam hinkommen”, erklärt Schröppel.
Die Warteliste ist bei dem Bad Windsheimer Stamm lang. Schön zu sehen sei es, dass er so angenommen werde – das größte Lob: „Wenn zwei Kinder unterschiedlichen Alters einer Familie in beiden Gruppen vertreten sind, dann muss man ja irgendwas richtig machen.” Für den Nachfrage-Boom hat Johanna Schröppel eine einfache Erklärung. „Hier wird nicht leistungsorientiert bewertet.” Die Pfadfinder sind auf die Gemeinschaft und die Natur ausgelegt. „Ich habe den Eindruck, viele Kinder haben verlernt, sich leistungsfrei zu bewegen. Das müssen sie wieder lernen.”
In den Gruppenstunden werden den Kindern zum einen die Grundstrukturen der Pfadfinderarbeit – beispielsweise Knotenlehre oder die Baumarten – nahe gebracht, aber auch eigene Themen gesetzt. Sie dürfen stets mitentscheiden und lernen so die Grundsätze einer Demokratie. „Mit Blick auf die aktuelle Weltlage wird das umso wichtiger”, betont Schröppel. Die Kinder lernen dabei, dass sie eine Selbstwirksamkeit haben. Zudem wird vermittelt, als Gruppe Lösungen zu entwickeln, wenn ein Problem auftaucht. „Das ist hier ein Lernfeld für's Leben.”
Dringend gesucht werden Ehrenamtliche, die das bestehende Team unterstützen. Lob und wertschätzende Worte bekommt das Trio von vielen Personen, allerdings fehle den meisten die Zeit, um sich selbst zu engagieren. Denn ja, es ist durchaus aufwendig, die Gruppenstunden zu organisieren und mit Inhalten zu bestücken.
Eine Erweiterung des Teams ist allerdings zwingend nötig, um im September 2026 eine neue Gruppe eröffnen zu können. Man wolle den Zwei-Jahres-Rhythmus beibehalten, damit sich der Stamm irgendwann alleine trägt. Wenn aus jeder Gruppe nur ein paar Mitglieder dabei bleiben, ergeben sich daraus neue Leiterinnen und Leiter, die dann den Stamm zu gegebener Zeit erweitern können, so Johanna Schröppel. Finden sich keine weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreiter, sei nicht auszuschließen, dass das Projekt wohl vorerst beendet werden muss. Interessierte dürfen gerne zum Schnuppern vorbeikommen.
Dass man sich in die Pfadfinder-Arbeit gut einfinden kann, wenn man als Kind oder Jugendliche selbst nicht Teil eines Stammes war, zeigt Dajana Pissors Beispiel. Während Rieß und Schröppel eigene Erfahrungen mitbrachten, ist sie ins kalte Wasser gesprungen. Viel habe sie in den vergangenen Jahren gelernt, nehme nun manches gelassener und habe an Selbstsicherheit gewonnen. Schön sei es zu sehen, wie die Kinder älter werden, wie sie sich entwickeln.
Im Idealfall bleiben die Stammes-Mitglieder am Ende über zehn Jahre in ihrer Gruppe zusammen. „Im Leben verändert sich so viel. Ständig. Es ist so schön, eine Gruppe zu haben, die konstant da ist. Zu der du immer zurückkommen kannst”, findet Schröppel.