D-Dur, voller Chor, volles Orchester samt Trompetenglanz. Und die Bitte um Frieden: Prächtiger – und demütiger – als mit der h-Moll-Messe lässt sich eine Intendanten-Ära der Bachwoche nicht beenden. Zwar leitet Dr. Andreas Bomba die Bachwoche Ansbach GmbH noch bis Ende des Jahres, aber das Musikfest klang ja doch am Wochenende aus.
Verpflichtet hatte Bomba zwei erstklassige Ensembles, um Bachs „Opus summum” zweimal in der St.-Gumbertus-Kirche aufführen zu lassen: Nigel Shorts Tenebrae Choir und das Kammerorchester Basel. Verglichen mit den Besetzungsstärken vergangener Epochen, war das eine schlanke Aufführung. Abgezehrt klang dennoch kein Takt. Im Gegenteil, die chorische Präzision und die Klangfülle der 23 Sängerinnen und Sänger war außerordentlich. Das Kammerorchester Basel war ein Partner auf Augenhöhe. Beide wurden am Ende gefeiert.
Nigel Short gelang eine durch und durch repräsentative Aufführung auf hohem Festspielniveau. Wollte man Shorts Interpretation in ein Dreieck aus Affekt, Wort und Struktur stellen, so stünde sie näher beim Affekt, bei den Hauptemotionen eines Satzes. Shorts Tenebrae Choir ähnelt darin Solomon's Knot, auch wenn sein Chor nicht auswendig singt.
Beim Credo bedeutet das, dass die Tenöre nicht einfach das Glaubensbekenntnis beginnen, weil es eben an der Reihe ist, nein, sie stürzen sich mit allem Eifer und Bekenntniswillen ins Credo hinein. Dass Bach hier eine siebenstimmige Fuge komponiert hat, was selbst für seine Verhältnisse exorbitant ist, hörte man, wie meistens, nicht unbedingt. Die beiden letzten Stimmen der Fuge, die Bach den Violinen anvertraut hat, konnten sich gegen den Chor nicht recht behaupten, zumindest wirkte das in der vorderen Hälfte des Kirchensaals so. Überhaupt gab Nigel Short im Zweifel dem Chor den Vorzug, aber modellierte das Wechselspiel mit dem Orchester plastisch.
Mehr überraschende Einzelheiten ließen sich zum Beispiel bei Aufführungen von Detailarbeitern wie Martin Lehmann mit den Windsbachern oder Masaaki Suzuki mit seinem Bach Collegium Japan entdecken.
Nigel Short ist der Mann für den großen Bogen, für die Gesamtarchitektur, für das Auf und Ab einer alles überwölbende Dramaturgie. Mit Entschiedenheit und Ernst fügt er die doch recht unterschiedlichen Sätze zu einem Ganzen zusammen. Er stellt die Einheit aus der Vielfalt her.
Das liegt auch daran, dass es keine Solistengruppe gibt. Arien und Duette singen neun Mitglieder des Chores, die dazu jeweils nach vorne kommen. Jede Sängerin, jeder Sänger hat Solistenqualitäten. Klug setzt Nigel Short dafür die verschiedenen Stimmfarben ein.
Der Wille zur großen Geste, zur mächtigen Klangentfaltung ist genauso wie das Gegenteil, das kontemplative Innehalten, immer durch den Messtext gedeckt. Die Virtuosität von Chor und Orchester laufen dabei nicht ins Leere, sondern erzeugen großartige Bildwirkungen. Beim „Cum Sancto Spirito” weht und braust der Heilige Geist nicht einfach, er lässt das Pfingstfeuer vom Himmel regnen. Betörend schön und zart hingegen breitet Nigel Short in gedeckten Farben zurückgenommene Teile aus; etwa das „Qui tollis”. Die Bitte des Chores „erbarme dich unser” scheint schon erhört, so erfüllt wie der Tenebrae Choir sie singt.
Nicht anders ist es bei „Dona nobis pacem”, beim „Gib uns Frieden”. Es beginnt innig, wächst, steigert sich mit aller Macht, steht da turmhoch und strahlt.